Wie entstand die Idee für die Ausstellung? Wer hatte sie und wer hat sie umgesetzt?
Ursprünglich war geplant, sich auf technische Kommunikationsmittel und ihre tschechische Ausprägung zu konzentrieren. Als ich nämlich zum ersten Mal das Museum für Kommunikation in Frankfurt sah, habe ich mich in dieses Gebäude verliebt und mir gesagt, dass wir im Rahmen des tschechischen Ehrengastauftritts hier unbedingt eine Ausstellung machen müssen. Dann trafen wir uns in Wien mit Frank Gnegel, dem Kurator des Museums, und sprachen gemeinsam über die Gestaltung der Ausstellung. Doch keiner von uns war damit wirklich zufrieden. Und plötzlich stellten wir fest, dass wir eigentlich über die Freiheit des Wortes sprachen – und von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zum Thema Samizdat.
Noch am selben Abend rief ich Michal Přibáň an, der derzeit wohl der größte Kenner dieses Themas bei uns ist. Wir unterhielten uns lange, und am Ende dieses Gesprächs stand bereits die Grundlage für das Ausstellungskonzept. Danach dauerte es allerdings noch ein weiteres Jahr, bis Michal und ich gemeinsam die endgültige Textfassung der Ausstellung erarbeitet hatten – mit großer Unterstützung unserer Kollegin Věra Böhmová, die uns auch bei der Zusammenstellung der notwendigen Materialien half. Die Mährische Landesbibliothek übernahm anschließend die Vorbereitung, und die Partnerschaft mit dem Museum für Kommunikation sorgte für große Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit.
In der Ausstellung sind auch einige der Originalmaschinen zu sehen. Woher stammen diese?
Wir haben das große Glück, dass sich in Prag die Spezialbibliothek Libri prohibiti befindet, die Samizdat-Schriften nicht nur aus der ehemaligen Tschechoslowakei sammelt und die aufgrund des Umfangs und der besonderen Beschaffenheit ihrer Bestände seit einigen Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Geleitet wird sie von dem wunderbaren Jiří Gruntorád, einem ehemaligen aktiven Mitglied der Samizdat-Bewegung. Er kam uns sehr entgegen und lieh uns eine unglaubliche Menge einzigartiger Dokumente – darunter auch Vervielfältigungsmaschinen.
Er ließ sich sogar davon überzeugen, gemeinsam mit uns einen kurzen Film aufzunehmen, der in der Ausstellung zu sehen ist. Darin kann man verfolgen, wie diese Maschinen verwendet werden. Das ist nämlich alles andere als einfach.
Ist Samizdat heute noch von Bedeutung? Warum ist es wichtig, sich daran zu erinnern?
Samizdat hat mehrere Bedeutungen. Zum einen ist er als historische Quelle ein Beleg für das grundlegende gesellschaftliche Bedürfnis nach einem freien Raum, in dem sich Gedanken pluralisieren und eine kritische Haltung gegenüber der Realität entwickeln kann. In dieser Hinsicht ist Samizdat auch ein Zeugnis von Mut und bürgerschaftlicher Verantwortung.
Václav Havel hat einmal gesagt, Samizdat sei „Leben in der Wahrheit“. Damit sagt er im Grunde, dass Samizdat nicht nur aus gedruckten Schriften besteht, sondern vor allem eine Haltung ist, vielleicht sogar eine existenzielle Entscheidungssituation. Und damit sind wir bei einer weiteren Bedeutung des Samizdat. Samizdat entsteht in dem Moment, in dem eine Ideologie über genügend Machtmittel verfügt, um andere Meinungen oder andere Ideen zu verbieten oder zu unterdrücken.
Und wir leben nach wie vor in einer Welt, in der unterschiedliche Ideologien miteinander konkurrieren. In einer solchen Situation ermöglicht uns Samizdat, uns bewusst zu machen, wie verletzlich unser öffentlicher Raum ist. Gleichzeitig zeigt er uns eine Möglichkeit, die uns immer bleiben wird – vorausgesetzt, wir verfügen über genügend Mut und bürgerschaftliche Verantwortung.
Eigentlich macht uns Samizdat aber auch bewusst, dass wir alles dafür tun sollten, dass es nicht mehr notwendig ist, auf diesem Weg das Recht auf Meinungsfreiheit einzufordern – ein Recht, das eine grundlegende Voraussetzung menschlicher Existenz ist oder zumindest sein sollte.
Gibt es ein Samizdat-Werk oder eine mit dem Samizdat verbundene Person, die Sie besonders schätzen?
Eigentlich schätze ich jede*n, der/die den Mut hatte, sich an dieser Tätigkeit zu beteiligen. Natürlich gibt es berühmte Persönlichkeiten wie Václav Havel, Ludvík Vaculík oder den Underground-Dichter Ivan Martin Jirous. Doch die gesamte Bewegung hätte keine Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn sich nicht eine breite Öffentlichkeit daran beteiligt hätte.
Samizdat ist eine Gemeinschaft, ein Netzwerk, das Menschen miteinander verbindet. Persönlich lagen mir die Autor*innen aus Olomouc besonders am Herzen, die die Samizdat-Sammelbände Listy přátel herausgaben. Dort veröffentlichte auch mein späterer Mentor und Freund, der Dichter Jiří Kuběna.
Oder Petr Oslzlý aus Brünn, Mitautor einer besonderen Form des Samizdat, der Underground-Galerie Drogerie – Zlevněné zboží. Dabei handelte es sich um ein Projekt, das auf dem Konzept freier Ausstellungen in einer unfreien Gesellschaft beruhte. Petr Oslzlý wurde später Berater von Präsident Václav Havel und war bis vor Kurzem Direktor des Zentrums für experimentelles Theater in Brünn.
Und dann ist da noch mein Freund aus Prag, Filip Písařovic. Dank ihm gelangte ich als 17-jähriger Junge Ende der 1980er-Jahre in das Netzwerk, über das die Samizdat-Schriften zirkulierten.
Ist Tschechien besonders für Samizdat bekannt? Gibt es etwas Besonderes an der tschechischen Samizdat-Tradition?
Man kann nicht sagen, dass die tschechische Samizdat-Tradition etwas grundsätzlich Besonderes hätte. Mit Samizdat ist immer eine gewisse Form von Erfindungsreichtum verbunden, also die Suche nach Techniken zur Vervielfältigung des geschriebenen Wortes oder von Bildmaterial. Die Vielfalt dieser Techniken ist allerdings nicht besonders groß.
Beim Samizdat geht es in erster Linie nicht um die ästhetische Qualität des Drucks, sondern um den Inhalt. Es gibt jedoch Ausnahmen. Der Dichter Ludvík Kundera beispielsweise, ein Cousin von Milan Kundera, veröffentlichte in den 1970er- und 1980er-Jahren Samizdat-Schriften, die im Gegenteil auf eine hohe grafische Qualität ausgerichtet waren. Daran beteiligten sich führende tschechische Künstler*innen sowie Schriftsteller*innen, die verboten waren und deren Bildsprache oder sprachliche Poetik nicht den offiziellen Normen der damaligen Zeit entsprach.
Ludvík Kundera hatte übrigens bereits als 22-jähriger junger Mann während der nationalsozialistischen Besatzung Erfahrungen mit Samizdat gesammelt. Als Mitglied der surrealistischen Gruppe Ra konnte er gemeinsam mit seinen Freund*innen nicht offiziell publizieren – der Surrealismus galt auch im Protektorat Böhmen und Mähren als „entartete Kunst“. Deshalb veröffentlichten sie ihre Gedichte und Zeichnungen in Form sogenannter „schwarzer Drucke“, also als Samizdat.
Bücher, Nichtbücher nannte Ludvík Kundera seine Samizdat-Produktionen der 1970er- und 1980er-Jahre. Sie waren gewissermaßen eine Erinnerung an eine ähnliche Praxis aus der Zeit des Krieges.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie die fertige Ausstellung zum ersten Mal gesehen haben?
Jede Ausstellung durchläuft mehrere Schritte, und mit jedem einzelnen sind Spannung und Erwartung verbunden. Als es uns schließlich gelungen war, die Textfassung zusammenzustellen, die wir ausführlich mit den Kolleg*innen des Museums für Kommunikation besprochen hatten – sie halfen uns dabei, die Texte so anzupassen, dass sie für deutsche Besucher*innen verständlich sind, die andere historische Erfahrungen mitbringen –, begannen wir über die grafische Gestaltung nachzudenken.
Unser Partner wurde Štěpán Drlík, mit dem wir bereits zahlreiche Ausstellungen in der Mährischen Landesbibliothek realisiert hatten. Wieder folgten lange Gespräche über verschiedene Entwürfe. Seine Überlegungen zur grafischen Gestaltung haben uns sehr angesprochen.
Aber ein Entwurf ist das eine, seine Umsetzung etwas anderes. Als ich dann die fertige Ausstellung im Museum für Kommunikation sah, war ich begeistert. Die Umsetzung sah sogar noch besser aus als die Entwürfe. Am Ende fügte sich alles zu einem sehr schönen Gesamtbild zusammen.
Štěpáns Entwurf hat der Ausstellung sehr geholfen, ohne dass die grafische Gestaltung das Bedürfnis hätte, zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich freue mich sehr über die Ausstellung.
Wie waren die Reaktionen bisher?
Ich war überrascht, wie positiv die Reaktionen waren – sowohl auf den Inhalt als auch auf die Umsetzung der Ausstellung. Es ist deutlich zu spüren, dass das Thema Meinungsfreiheit in der Gesellschaft stark nachhallt. Das ist gut.
Ich würde mich freuen, wenn unsere Ausstellung dazu beiträgt, über das Verhältnis zwischen Meinungsfreiheit und individueller bürgerschaftlicher Verantwortung nachzudenken. Und wenn sie dazu anregt, über die Verletzlichkeit der gesellschaftlichen Situation nachzudenken, in der wir leben.
Fotos: Museumsstiftung Post und Telekommunikation / Salome Roessler
Das Interview mit Tomáš Kubíček führten Annika Grützner und Karolína Tomečková.




