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Aus Südböhmen zur Leipziger Buchmesse. Über den Roman „370m über NN“ und mehr mit Jiří Hájíček

Jiří Hájíček, foto: David Peltán
Er wurde als Autor realistischer Prosa aus dem ländlichen Südböhmen berühmt. Sein Roman „Rybí krev“, der lose an die Bücher „Zloději zelených koní“ (Die Diebe der grünen Pferde) und „Selský baroko“ (Bauernbarock) anknüpft, thematisiert die gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen zur Wendezeit der 1980er- und 1990er-Jahre. Er erschien in deutscher Sprache unter dem Titel „370 m über NN“ in der Übersetzung von Kristina Kallert im Karl Rauch Verlag. Der Autor wird nächste Woche mit diesem Roman auf der Leipziger Buchmesse vertreten sein.

Ihr Roman „370 m über NN“, mit dem Sie nun auf der Leipziger Buchmesse auftreten werden, ist vor vierzehn Jahren erschienen. Seitdem haben Sie mehrere weitere Prosawerke geschrieben, aber auch beispielsweise Haiku. Wie kehren Sie heute zum Roman zurück und wie sprechen Sie mit etwas Abstand darüber? Können Sie sich noch in ihn „hineinversetzen“ oder sind Sie als Autor schon „woanders“?

Ich habe eine etwas sentimentale Beziehung zu diesem Roman. Die Geschichte spielt zur Wendezeit der 80er und 90er Jahre in den Dörfern rund um Temelín und ist in einem authentischen Zeitrahmen angesiedelt, als mit dem Bau des Kernkraftwerks begonnen wurde. Ich kannte die Geschichten der Menschen vor Ort, da ich selbst einmal in einem der vom Bau betroffenen Dörfer gewohnt habe. In der Umgebung wurden fünf Gemeinden aufgelöst, die Menschen wurden umgesiedelt, und das ist zu jeder Zeit ein starkes Thema. Die konkreten Geschichten der Menschen aus dem Roman sind meiner Meinung nach auch heute noch nachvollziehbar. Aber als Autor bin ich natürlich schon ein bisschen woanders.

Mehr als zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Buches ist es naheliegend, Bilanz zu ziehen. Würden Sie heute etwas anders machen?

Es gibt ein paar Dinge, die ich heute anders machen würde. Aber die Geschichten der Menschen und Dörfer rund um Temelín funktionieren meiner Meinung nach auch nach all den Jahren noch in dem Roman. Schließlich ist das Buch seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2012 immer noch in tschechischen Buchhandlungen erhältlich. Es ist also noch nicht ganz untergegangen.

Was genau würden Sie anders machen?

Ich schreibe jetzt sparsamer, daher wäre der Roman vielleicht kürzer.

In den letzten zwei Jahren haben Sie sich intensiv mit dem Drehbuch für die Verfilmung von „Dešťová hůl“ beschäftigt. In welcher Phase befindet sich das Projekt derzeit? Ich habe gehört, dass Sie bereits nach Darstellern suchen. Inwiefern unterscheidet sich das Schreiben eines Drehbuchs vom Schreiben von Prosa und Lyrik? Und was können Sie über die geplanten Dreharbeiten verraten?

Die Miniserie „Dešťová hůl“ wird gerade gedreht. Ich habe etwa drei Jahre lang kontinuierlich am Drehbuch gearbeitet. Regisseur ist Bohdan Sláma. Für die Verfilmung waren einige Handlungsstränge des ursprünglichen Romans nicht geeignet, andere habe ich hinzugefügt und einige der Figuren vertieft. Ich bin selbst gespannt, wie die Geschichte auf der Leinwand aussehen wird.

Eine Verfilmung haben Sie bereits hinter sich – „Zloději zelených koní“ (Die Diebe der grünen Pferde). Was hat Sie überzeugt, es noch einmal zu versuchen? Inwiefern unterscheidet sich die Entstehung des neuen Films von der damaligen?

Für den Film „Zloději zelených koní“ habe ich das Drehbuch nicht geschrieben, sondern den Filmemachern überlassen, den Roman nach ihren eigenen Vorstellungen zu adaptieren. Jetzt bin ich als Drehbuchautor tätig und trage mehr Verantwortung für das Ergebnis.

Ist der Grund, warum Sie das Drehbuch selbst schreiben, auch, dass das Ergebnis des vorherigen Films nicht Ihren Vorstellungen entsprach?

Ich stellte mir den Film über die Moldau-Glas-Sucher als eine langsame, balladenhafte Geschichte vor, die die Möglichkeiten der Romanvorlage besser ausnutzt. Aber einer der Gründe, warum ich diesmal das Drehbuch selbst geschrieben habe, ist, dass Bohdan Sláma hauptsächlich Autorenfilme dreht. Er schreibt seine Drehbücher selbst und adaptiert nur ungern Vorlagen. Er bot mir die Rolle des Drehbuchautors an.

„Dešťová hůl“ schließt die sogenannte Trilogie der moralischen Unruhe ab, aber ich habe das Gefühl, dass Sie in gewisser Weise auch in Ihrem neuesten Roman „Drak na polní cestě“ (Der Drache auf dem Feldweg) daran anknüpfen, in dem Sie sich unter anderem mit der Rückgabe von Eigentum und der Privatisierung auf dem Land beschäftigen. Ist Gesellschaftskritik etwas, das für Ihre Prosa typisch ist? Dient Ihnen die Literatur als Mittel, um eine kritische Sicht auf die Gesellschaft zu formulieren?

Ich bewege mich im Genre des Gesellschaftsromans, bin von Natur aus ein Autor realistischer Prosa, daher gehört eine gewisse Analyse der Gesellschaft dazu. Mein bislang letzter Roman könnte zu der erwähnten freien ländlichen Trilogie gezählt werden. In gewisser Weise knüpft er an den Roman „Selský baroko“ (Bauernbarock) an. Er verfolgt nämlich das weitere Schicksal eines kleinen Landguts und der Nachkommen ehemaliger Bauern. Heute findet in der Agrarwirtschaft eine weitere Umverteilung von Vermögen und Kapital statt, und darum geht es unter anderem in diesem Roman.

Wussten Sie von Anfang an, dass Sie diese Art von Prosa schreiben wollten? Oder sind Sie erst beim Schreiben dazu gekommen? Und ist „Schubladendenken” nicht eher einengend?

Ich betrachte es nicht als Schubladendenken, als Leser scheue ich mich auch nicht vor anderen Genres, aber es macht mir Spaß, realistisch zu schreiben. Darin fühle ich mich am stärksten.

Ihre Bücher spielen oft in der südböhmischen Landschaft. In einem Interview für die Zeitung Hospodářské noviny haben Sie gesagt, dass Sie die Bezeichnung „südböhmischer Schriftsteller“ nicht beleidigt. Was fasziniert Sie an der südböhmischen Landschaft? Und was gibt sie Ihnen auch nach so vielen Jahren noch – als Autor und als Mensch?

Meine Sichtweise ist stark lokal geprägt, ebenso wie die Schauplätze meiner Prosa. Ich betrachte eine gewisse Lokalität – thematisch, historisch – nicht als Nachteil. Ich versuche, durch das Erzählen von Geschichten über Menschen und Orte, aus denen ich selbst stamme, über den Tellerrand hinauszuschauen, und hoffe immer, dass eine Geschichte aus Südböhmen auch Leser aus anderen Regionen und mit anderen Erfahrungen ansprechen kann.

Lesen Sie auch gerne lokale Geschichten? Was hat Sie in der jüngeren Prosa interessiert?

Ich verfolge zum Beispiel meinen Kollegen und Nachbarn Jan Štifter, der sich ebenfalls mit Südböhmen beschäftigt.

„370 m über NN“ spielt in den 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, zur Zeit der Debatten über den Bau des Kernkraftwerks Temelín, und thematisiert den Widerstand, der sich gegen das Projekt erhoben hat. Inwieweit ist das Buch heute aktuell?

Das Thema der Vertreibung von Dorfbewohnern scheint mir zeitlos zu sein, es findet auch heute noch statt, nur unter anderen sozialen und wirtschaftlichen Umständen. Das Verlassen der Heimat ist für Schriftsteller immer ein starkes Thema. Damals in den 80er Jahren hatten die Dorfbewohner nur minimale Chancen, ihre Häuser zu verteidigen, und mussten schließlich feststellen, dass ihnen auch der politische Umsturz nicht half, die zum Abriss bestimmten Dörfer zu erhalten.

Wie lässt sich diese Erfahrung überhaupt auf den deutschen Kontext übertragen? Inwieweit ist das Thema universell, vermittelbar?

Das würde mich auch interessieren. Es gab mehrere Rezensionen zu dem Roman in deutschen und schweizerischen Zeitungen, die vor allem die allgemeine menschliche Geschichte hinter dem damaligen Eisernen Vorhang bewerteten. Für das westliche Publikum also wohl etwas Exotisches. Ich habe dieses Jahr mehrere Präsentationen in Deutschland vor mir und bin gespannt auf die Reaktionen der Leser.


Foto: David Peltán
Das Interview mit dem Autor Jiří Hájíček führte Karolína Tomečková.