Marita, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Ihr Buch in Deutschland trotz der starken Konkurrenz Aufmerksamkeit erregt hat?
Ich denke, ein Grund könnte sein, dass queere Themen für Kinder und Jugendliche in der Literatur nicht ausreichend vertreten sind, während die Gesellschaft bereit ist, Trans-Erfahrungen näher kennenzulernen.
Deutschland hat gegenüber Tschechien vielleicht einen gewissen Vorsprung bei der Entstigmatisierung und der systematischeren Auseinandersetzung mit sozialen Themen. Gleichzeitig glaube ich aber nicht, dass die Tschechische Republik in der menschlichen Dimension der Sache „hinterherhinkt“. Auch bei uns gibt es viele Menschen, die versuchen, einen sicheren und offenen Raum für Kinder zu schaffen – seien es Lehrerinnen und Lehrer, Buchhändlerinnen und Buchhändler, Bibliothekarinnen und Bibliothekare oder Künstlerinnen und Künstler. Gerade dank ihnen gelangen wichtige Themen in Schulen, Bibliotheken und Familien.
Aus meiner Erfahrung mit außerschulischer Bildung kann ich sagen, dass es beispielsweise in Italien mehr Bücher, Hilfsmittel und Einrichtungen mit ähnlicher Ausrichtung gibt. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind jedoch oft nicht nur eine Frage des Angebots an Titeln, sondern vielmehr der systemischen Unterstützung. Wenn es hier Raum für Verbesserungen gibt, dann liegt dieser meiner Meinung nach vor allem in der langfristigen Unterstützung der Menschen, die diese Arbeit leisten – damit sie über ausreichende Ressourcen, methodische Materialien und gesellschaftliche Anerkennung verfügen.
Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, womit gerade tschechische Bücher junge Leserinnen und Leser im Ausland ansprechen können? Was können sie ihnen bieten?
Für mich sind Romane und Comics von tschechischen Autorinnen und Autoren wie Štěpánka Jislová, Marek Torčík oder Jakub Stanjura attraktiv, die auf persönlichen Erfahrungen aus der Gegenwart aufbauen. Meiner Meinung nach finden sie zumindest in Europa leicht Anklang.
In Ihrem Portfolio ist mir aufgefallen, dass Sie Praktika in Porto, Chicago, Paris oder Rom absolviert haben. Was haben Ihnen diese Erfahrungen gebracht und wie haben sie sich auf Ihren aktuellen Stil ausgewirkt?
Bei allen Praktika habe ich natürlich Menschen kennengelernt, die sich mit Literatur und Kunst beschäftigen, und ich wage zu sagen, dass sie mir geholfen haben, vielseitig zu denken. In Porto habe ich Zeit mit jungen Illustratorinnen und Illustratoren verbracht, in Paris habe ich dank des Künstlers Gérard Lo Monaco gelernt, wie man Verspieltheit und Professionalität miteinander verbindet, und in Rom habe ich entdeckt, wie man mit Büchern und ihren Themen arbeiten kann.
In Ihrem Buch behandeln Sie das Thema des Lebens nicht-binärer und transsexueller Menschen. Glauben Sie, dass dieses Thema in der tschechischen Literatur nach wie vor unterrepräsentiert ist?
Auf jeden Fall. Ich wünsche mir, direkt von tschechischen Büchern, Comics und Zines umgeben zu sein, die von verschiedenen queeren Erfahrungen erzählen. Es gibt viele solcher Geschichten, aber nur wenige davon werden umgesetzt.
Sie arbeiten mit farbigen Illustrationen, oft in Pastelltönen. Haben Sie auch mit anderen künstlerischen Ansätzen experimentiert (zum Beispiel minimalistischeren, schwarz-weißen)? Was gefällt Ihnen an den verspielten, farbenfrohen Illustrationen, die für Sie typisch sind?
Diese Farben begleiten mich einfach. Ich wähle sie nach meinen Gefühlen aus, die mir sagen, wie das Projekt wirken soll. Zeichnen ist für mich Minimalismus. Mit einer dunklen oder schwarzen Linie schaffe ich ein festes Fundament und mit dem Rest spiele ich dann.
Ich habe wohl nur ein einziges eigenes Buch in Schwarz-Weiß gestaltet, das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich kann mir gut vorstellen, dass ich wieder auf ein Projekt stoße, bei dem ich auf Farbe verzichten kann.
Ihr Buch bietet Kindern Raum, ihre Identität zu erforschen, ohne den Druck, eindeutige Antworten geben zu müssen. Wie gehen Kinder Ihrer Meinung nach mit der Frage „Wer bin ich?“ um, wenn die Gesellschaft ihnen oft nur zwei Schubladen anbietet? Und wie kann Literatur einen sicheren Ort schaffen, an dem ein Kind es sich erlauben darf, nicht zu wissen, wer es ist?
Kinder gehen mit der Frage „Wer bin ich?“ genau so um, wie Sie es beschrieben haben. Sie wählen aus konkreten Möglichkeiten aus. Ich glaube, dass nicht nur sie, sondern alle die Möglichkeit verdienen, sich in jedem Alter zu verändern und verschiedene Aspekte dessen auszuprobieren, was das Leben bietet.
Wie sind die Reaktionen auf das Buch – sowohl von jüngeren Leserinnen und Lesern als auch von Eltern?
Vor allem spüre ich, dass es geschätzt wird, dass es ein solches Buch über Trans-Menschen gibt. Jüngere Leserinnen und Leser finden in den Geschichten eine Bestätigung ihrer Existenz in der Gesellschaft, und Eltern sowie alle anderen, die Kinder erziehen, haben ein Hilfsmittel, um ihnen das Thema Queerness näherzubringen.
Haben Sie jemals eine Reaktion wie „Das habe ich gebraucht“ erhalten?
Manchmal bekomme ich nette Nachrichten von Teenagern auf Instagram oder von Eltern und Geschwistern queerer Kinder. Es hat mich zum Beispiel gefreut, als das Buch jemanden dazu inspiriert hat, einen neuen Namen oder Spitznamen auszuprobieren, oder ihm geholfen hat, den Mut aufzubringen, sich einem Elternteil mit seinem Wunsch anzuvertrauen.
Und wie sehen Ihre weiteren Pläne aus: Welchen Themen möchten Sie sich in der Literatur und Illustration weiterhin widmen?
Ich würde sagen, dass mich nach wie vor interessiert, was den Charakter eines Menschen ausmacht, und dazu gehören auch Beziehungen. Zu den Eltern, zu Freunden, zum Partner oder vielleicht auch zur Nachbarin. Dem möchte ich mich zumindest als Illustratorin widmen.
Foto: Nikola Uhle
Das Interview mit der Autorin Marita Kelbl führte Karolína Tomečková.



