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Die Leipziger Passagen sind Schauplatz des neuen Romans von Michal Ajvaz

Michal Ajvaz, foto: David Konečný
„Am Anfang meiner Bücher steht immer ein Gefühl, das oft mit einem realen Ort verbunden ist“, erklärt der Schriftsteller Michal Ajvaz. Sein neuer Roman führt uns diesmal in die Leipziger Passagen. Die deutsche Übersetzung „Passagen unter Glas“, die im Allee Verlag erschienen ist, wird der Autor nächste Woche auf der Leipziger Buchmesse vorstellen. Im Interview spricht er nicht nur über den Sinn der Literatur und darüber, was er mit seinen Büchern vermitteln möchte, sondern blickt auch auf seinen bisherigen literarischen Werdegang zurück.

In Ihrem neuesten Roman „Passagen unter Glas“, den Sie in Kürze auf der Leipziger Buchmesse vorstellen werden, spielt ein Teil der Handlung in den Leipziger Passagen. Warum haben Sie gerade diese als Schauplatz gewählt? Was hat Sie daran gereizt?

Am Anfang der meisten meiner Romane stand die Begegnung mit einem Ort, von dem ich dachte, dass sich dort eine Handlung entwickeln könnte. So war es auch in Leipzig. Als ich an der Stelle vorbeikam, an der drei Passagen aufeinandertreffen, hatte ich das Gefühl, dass dies ein Ort ist, der wie geschaffen ist für die Begegnung zweier Menschen, die sich von entgegengesetzten Seiten nähern und dabei von einer dritten Person aus einer weiteren Passage beobachtet werden, und dass sich aus dieser Ausgangssituation die Handlung eines Romans entwickeln könnte.

Ihre Beschreibungen der Stadt sind sehr detailliert und präzise. Entstehen sie eher aus der direkten Beobachtung konkreter Orte oder aus Ihrer Fantasie?

Manchmal schreibe ich über erfundene Städte, aber wenn die Handlung in einer realen Stadt spielt, ist es immer eine Stadt, die ich aus eigener Erfahrung kenne.

Wissen Sie schon, wohin Sie literarisch als Nächstes gehen werden? Oder ist es noch zu früh für diese Frage?

Derzeit beschäftige ich mich nicht mit Belletristik, sondern mit theoretischer Arbeit. Wenn ich wieder einmal zur Belletristik zurückkehre, ist es gut möglich, dass ich mich zunächst wieder auf eine Erfahrung in einer fremden Stadt stützen werde. Da ich neunundneunzig Prozent aller Städte, die ich besucht habe, im Rahmen von Einladungen zu verschiedenen Lesungen kennengelernt habe, wird der Ausgangspunkt meines nächsten Buches wahrscheinlich davon abhängen, wohin ich eingeladen werde.

Ihre Romane werden oft dem magischen Realismus, dem philosophischen Roman oder der Phantastik zugeordnet. Welche dieser „Etiketten” liegt Ihnen am nächsten? Und wie würden Sie Ihr Schaffen mit Ihren eigenen Worten beschreiben?

Ich glaube nicht, dass ich so ein Etikett brauche, aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde mir Surrealismus am besten gefallen. Ich fühle mich besonders mit dem Bereich verbunden, zu dem die Werke von Julien Gracq oder André Pieyr de Mandiargues gehören, ohne mich jedoch mit diesen Meistern der Literatur vergleichen zu wollen.

Ihre Bücher werden von Veronika Siska ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Veronika hat meine Bücher verschiedenen deutschen Verlagen angeboten, aber keiner wollte sie veröffentlichen, also hat sie beschlossen, einen eigenen Verlag zu gründen. Dort veröffentlicht sie aber auch Bücher anderer Autoren.

In einem Gespräch mit Štěpán Kučera haben Sie gesagt, dass „jedes Buch ein Statement über die Realität ist, sogar über die historisch bedingte Realität“. Welches Statement über die heutige Welt versuchen Sie – bewusst oder unbewusst – in Ihren Büchern einzufangen und weiterzugeben?

Bilder, die Produkte der Fantasie sind und nicht nach einer vorgegebenen Idee entstehen, drücken die Erfahrung aus, aus der sie hervorgegangen sind, und da diese Erfahrung eine Erfahrung in einem bestimmten historischen, sozialen und politischen Umfeld ist, drücken sie in gewisser Weise auch dieses Umfeld aus. Dazu müssen sie kein explizit realistisches Abbild sein – die Frucht des Apfelbaums ist kein kleiner Apfelbaum, sondern ein Apfel, der ihm überhaupt nicht ähnelt. Ich denke, es ist nicht schwer, in den Geschichten meiner Bücher eine Ebene zu finden, auf der sie auf Ereignisse der historischen Zeit verweisen, in der die Bücher geschrieben wurden, oft sogar bevor diese Ereignisse tatsächlich aktuell wurden. Beispielsweise zeigt die Handlung des Romans „Cesta na jih“ (Reise nach Süden), die in der fiktiven Stadt Parka spielt, wie Unwahrheiten, die in der Gesellschaft zu einem bestimmten versteckten Zweck systematisch verbreitet werden, eine dringliche fiktive Realität schaffen können, die die Kraft hat, das Leben der Gemeinschaft radikal zu verändern. In der Südamerika-Episode desselben Romans geht es unter anderem um ein Dilemma, das gerade jetzt aktuell ist, nämlich die Entscheidung, ob man sich im Kampf für die richtige Sache mit nicht ganz korrekten Verbündeten zusammentun oder lieber saubere Hände behalten soll, auch wenn das den Verlust bedeutet. Die Geschichte über den Roboter in „Passagen unter Glas“ bezieht sich auf die Frage, ob das Schaffen eines Künstlers tatsächlich mit dem Schaffen künstlicher Intelligenz konkurrieren wird; die Geschichte der Familie Stone im Roman Města betrifft den historischen Wandel von Technik 1.0 zu Technik 2.0 usw.

Sie haben mehrere Entwicklungsphasen der tschechischen Literatur miterlebt. Was halten Sie von der aktuellen? Hat sie der Welt etwas zu bieten?

Ich denke, dass es nicht die Aufgabe eines Schriftstellers ist, der Welt etwas anzubieten, sondern so gut wie möglich über das zu schreiben, was für ihn wichtig ist.

Was ist für Sie persönlich wichtig? Welche Themen und Werte möchten Sie vor allem durch Ihre Bücher vermitteln?

Ich plane die Themen meiner Romane nicht im Voraus, sie ergeben sich nach und nach aus dem Entstehungsprozess. Durch meine Bücher möchte ich vor allem die Freude am Lesen vermitteln.

Bis 1994 haben Sie Ihren Lebensunterhalt mit verschiedenen manuellen Tätigkeiten verdient – vom Saalarbeiter im Gemeindehaus über Nachtwächter und Hausmeister bis hin zum Wasserpumper bei den Wasserwerken. Wie hat diese Erfahrung Ihr Schreiben und Ihren Schreibstil beeinflusst?

Ich halte das nicht für besonders bedeutsam. Viele Erfahrungen aus dieser Zeit haben sich in meinen Büchern niedergeschlagen, aber ich denke, wenn ich etwas Anderes gemacht hätte, hätten sich andere Erfahrungen darin niedergeschlagen.

Ihr Buchdebüt hatten Sie relativ spät, erst 1989 mit dem Titel „Vražda v hotelu Intercontinental” (Mord im Hotel Intercontinental). Haben Sie schon vorher geschrieben – vielleicht für die Schublade? Und was hat Sie damals dazu bewogen, Ihr erstes Buch zu veröffentlichen?

Obwohl ich schon in der Mittelschule versucht habe zu schreiben, habe ich erst relativ spät damit angefangen, nämlich erst nach meinem 35. Lebensjahr, also Mitte der 80er Jahre. Damals habe ich wirklich „für die Schublade“ geschrieben, aber gerade im Jahr 1988, als ich schon so viel geschrieben hatte, dass daraus ein Buch entstehen konnte, kam es zu einer gewissen Lockerung in der Kultur im Rahmen einer Art Nachahmung von Gorbatschows „Perestroika“, sodass ich mich entschloss, aus den Texten ein Buch zusammenzustellen, es in einen Umschlag zu stecken und an einen Verlag zu schicken. Das Buch erschien dann in der Woche, in der die „Samtene Revolution“ begann.

Als ich die Rezensionen las, fiel mir auf, dass Ihre Romane auf einige Leserinnen und Leser wie eine einzige lange, sich allmählich entwickelnde Geschichte wirken. Ist das beabsichtigt oder eher ein Nebeneffekt Ihrer Sichtweise auf die Welt und die Figuren? Und wenn Sie an einem weiteren Roman arbeiten, wo würde dieser in diesem „Gesamtwerk“ einzuordnen sein?

Wie ich bereits gesagt habe, steht am Anfang meiner Bücher immer ein Gefühl, das oft mit einem realen Ort verbunden ist. Da nichts im Voraus geplant ist, entwickelt sich die Handlung aus diesem formlosen Anfang heraus, und im Rahmen dieses Schreibens kommen verschiedene Archetypen zum Tragen (wie beispielsweise die Beziehung zwischen Form und Formlosigkeit oder die Beziehung zwischen dem Inhalt eines Zeichens und seiner Bedeutung), die persönlich, aber auch historisch geprägt sind und die dann die Einheit aller Bücher gewährleisten. Was die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Büchern angeht, so sind diese nicht geplant, sondern werden mir erst bewusst, wenn das Buch fertig ist. So habe ich beispielsweise nachträglich erkannt, dass die Bücher „Leere Straßen“, „Reise nach Süden“ und „Städte“ eine Art Trilogie über Reisen bilden, in der sich die Handlung im ersten Fall auf die Vergangenheit, im zweiten auf die Gegenwart und im dritten auf die Zukunft bezieht.

In Deutschland stehen Ihnen in letzter Zeit mehrere literarische Auftritte innerhalb relativ kurzer Zeit bevor. Wie gefällt es Ihnen, vor deutschem Publikum aufzutreten? Und wie sind die Reaktionen auf das Buch in Deutschland bisher überwiegend?

Ich mag Begegnungen mit Lesern, weil ich dabei oft Interpretationen meiner Bücher erfahre, an die ich beim Schreiben nicht gedacht habe, die ich aber so gut finde, dass ich sie mir zu eigen mache (in Bulgarien habe ich zum Beispiel erfahren, dass in dem Buch „Reise nach Süden“ die Mengenlehre von Georg Cantor verarbeitet wird). In Deutschland spürte ich Neugierde gegenüber einem bisher völlig unbekannten Autor, aber ich hatte auch das Gefühl, dass sich die Ermüdung durch die Flut von Autofiktionen und ähnlichen Dingen in der Rezeption des Buches widerspiegelte. (Wenn ein Schriftsteller konsequent konservativ ist, kommt irgendwann der Moment, in dem er zum Innovator wird.)


Foto: David Konečný
Das Interview mit dem Autor Michal Ajvaz führte Karolína Tomečková.