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Die „Maronenmatrone“ kommt nach Leipzig: Eine Geschichte, die das Einfühlungsvermögen von Kindern stärkt und Raum für Gespräche über den Krieg schafft

Markéta Pilátová, foto: David Konečný
Markéta Pilátová ist Autorin von mehr als dreißig Büchern, die sich häufig an junge Leserinnen und Leser richten. In ihrem Buch „Bába Bedla“ kehrt sie zum Thema Krieg zurück, das heute im Kontext der Ukraine oder des Nahen Ostens nicht aktueller sein könnte. Ihr Buch erschien jetzt auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Die Maronenmatrone“ (Übersetzung: Mirko Kraetsch, Drava Verlag). Wir freuen uns sehr, dass die Autorin es auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wird.

Bába Bedla erschien 2021 in Tschechien. Können Sie sich heute wieder auf dieses Buch „einstimmen“ – und lesen Sie es jetzt mit anderen Augen als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung?

Mein Buch erschien kurz vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Aals ich es schrieb, hatte ich keine Ahnung, dass ich es oft vor ukrainischen Kindern vorlesen würde, die vor dem Krieg zu uns fliehen mussten und tschechische Schulen besuchen werden. In dem Buch gibt es eine Figur, einen jungen russischen Deserteur, der nicht mehr im Krieg kämpfen will, was der Geschichte in der aktuellen Situation eine stärkere Bedeutung verleiht, von der ich beim Schreiben des Buches keine Ahnung haben konnte. Da es sich um eine Kriegsgeschichte handelt, haben Eltern und Lehrer*innen begonnen, das Buch für ihre Kinder zu kaufen, um ihnen zu erklären, was um uns herum eigentlich vor sich geht, obwohl es sich um eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Das konnte ich beim Schreiben des Buches nicht ahnen. Es ist toll und interessant, dass ich mit dem Buch seit fünf Jahren mehrmals im Monat in Schulen fahre, jetzt auch in deutsche.

Die Konkurrenz im Ausland ist groß. Wie können tschechische Bücher Ihrer Meinung nach junge Leser*innen im Ausland ansprechen?

Wir sind ein Land, in dem schon immer mehrere kulturelle Traditionen aufeinandergetroffen sind, wir haben sowohl westliche als auch östliche Einflüsse. Vielleicht haben wir deshalb einen ganz besonderen Sinn für schwarzen Humor, Ironie und Groteske. Beides hat in unserer Literatur eine große Tradition, was sich auch in aktuellen tschechischen Büchern widerspiegelt – beispielsweise in den Büchern von Jaroslav Rudiš, den Comics von Lucie Lomová oder den Romanen von Jáchym Topol und Marek Toman. Sinn für Humor, insbesondere schwarzer Humor, ist immer unwiderstehlich.

Das künstlerische Design des Buches stammt von Martina Trchová. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr? Denken Sie über ein weiteres gemeinsames Projekt nach?

Die Zusammenarbeit mit Martina ist hervorragend, weil wir enge Freundinnen sind und uns nichts lang und breit erklären müssen. Wir sind auf derselben Wellenlänge und das ist ein riesiger Vorteil. Aktuell arbeiten wir an einem Comic über das Zusammenleben eines kleinen Jungen und seines robotischen Doppelgängers, aber leider es ist sehr schwierig, Zeit für die gemeinsame Arbeit an dem Comic zu finden, da es sich um etwas anderes handelt als um Illustrationen für ein bereits fertiggestelltes Buch. Ich hoffe sehr, dass es alles klappt. Außerdem habe ich den dritten Teil von „Bába Bedla“ im Kopf, der „Bába Bedla und das Kind im Netz“ heißen soll und in Japan spielen wird.

Die Maronenmatrone beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Krieg. Haben Sie das Gefühl, dass die Leserinnen und Leser das Buch im heutigen gesellschaftlichen und politischen Kontext anders lesen als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung?

Ich denke, dass die Geschichte aufgrund des Krieges in der Ukraine heute viel aktueller ist. Und wenn ich aus dem Buch in einer Klasse vorlese, in der Kinder aus der Ukraine sitzen, ist das oft sehr emotional. Anfangs hatte ich Angst, wie sie das aufnehmen würden, ob es sie vielleicht traumatisieren würde, wenn in dem Buch ein junger russischer Soldat „Hände hoch!“ ruft, aber das Gegenteil ist der Fall: Oft melden sie sich mit Fragen und freuen sich, wenn jemand mit ihnen über ihre Erfahrungen spricht.

Aus Ihrer Erfahrung: Können Bücher – insbesondere solche für Kinder und junge Lesende – Empathie stärken? Spüren Sie das beispielsweise bei Diskussionen in Lesungen oder anhand des Feedbacks zu Ihren Büchern?

Bücher stärken ganz sicher das Einfühlungsvermögen, aber vor allem können sie Schmerzen heilen oder zumindest deren Stärke mildern, indem sie einen in eine völlig andere Welt als die eigene entführen. Mit Hilfe einer Geschichte können sie bestimmte Erfahrungen vermitteln, die sonst nicht vermittelt werden könnten. Die schönsten Reaktionen auf meine Bücher erhalte ich in letzter Zeit wieder von den Kindern aus der Ukraine – sie identifizieren sich zum Beispiel sehr mit einer meiner Heldinnen, dem kleinen japanischen Mädchen Kiko, das in der Tschechischen Republik lebt, kein Tschechisch spricht und sich nicht nur mit der tschechischen Sprache, sondern auch mit der tschechischen Realität auseinandersetzen muss und es dabei nicht leicht hat. Die Kinder von heute reisen auch viel mehr und sind offener für Dinge, die über den tschechischen Kontext hinausgehen, sie sind offener für Andersartigkeit als solche. Ich habe das Gefühl, dass die Kinder gerade dieses Herauskommen aus dem tschechischen Umfeld in meinen Büchern finden und schätzen.

Letztes Jahr waren Sie zu Gast bei einem Literaturstipendium in Berlin. Was hat Ihnen diese Erfahrung gebracht? Hat sich das irgendwie in Ihrem Schreiben oder in den Themen, die Sie derzeit interessieren, niedergeschlagen?

Mich interessiert derzeit vor allem das Umfeld Berlins, wo mein neuer Roman Ukradený Bauhaus (Das gestohlene Bauhaus) teilweise spielt. Er handelt von der Fotografin Lucie Moholy, die aus Prag stammte, aber in Deutschland und England tätig war. Deshalb hat mich der Aufenthalt in Berlin sehr beeinflusst und mir geholfen, die Struktur des Romans zu klären. Wenn ich schreibe, muss ich eine Zeit lang in der Umgebung leben, in der der Roman spielt, ich kann nicht einfach so vom Schreibtisch aus über etwas schreiben.

Magischer Realismus ist in Ihrem Buch deutlich präsent und taucht auch in Ihrem neuesten Roman „Hnízda“ (Nester) auf. Was reizt Sie an dieser Art des Erzählens?

Ich glaube, ich bin nicht in der Lage, die Realität einfach so zu akzeptieren, wie sie ist. Ich habe immer das Gefühl, dass noch etwas dahintersteckt, etwas, das wir nicht ganz entschlüsseln können, aber von dem wir wissen. Und das interessiert mich eigentlich am meisten am Schreiben von Büchern – das Aufspüren des Geheimnisvollen, Mysteriösen, das uns umgibt, das aus der Realität stammt, aber gleichzeitig nicht ganz real ist.

Sie sind im literarischen Bereich äußerst aktiv. Können Sie verraten, woran Sie gerade arbeiten?

Ich arbeite aktuell natürlich an dem bereits beschriebenen Roman Ukradený Bauhaus (Das gestohlene Bauhaus), aber immer, wenn ich einen Roman schreibe, arbeite ich parallel auch an einem Kinderbuch. Daher werde ich bis Ende des Monats ein Buch abgeben, das sich mit dem Thema Tod befasst. Es soll den Titel „Loď, opička a kukátko“ (Das Schiff, der Affe und das Fernglas) tragen und spielt auf dem größten tschechischen Friedhof der Welt, der sich in Chicago befindet.


Foto: David Konečný
Das Interview mit der Autorin Markéta Pilátová führte Karolína Tomečková.