Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

Facebook Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026Instagram Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026

„Ich habe viel darüber gelernt, im Hier und Jetzt zu leben, denn das ist das Einzige, was wir wirklich haben“, sagt die Schriftstellerin Petra Dvořáková.

Petra Dvořáková, fotila Věra Marčíková
Sie schreibt über schmerzhafte Themen, sagt aber selbst, dass sie ein glücklicher und zufriedener Mensch ist. Ihr Roman „Vrány“ (Die Krähen) ist kürzlich auf Deutsch erschienen (Übersetzung: Hana Hadas, Verlag: Anthea Verlag) und die Autorin wird damit auf der Leipziger Buchmesse vertreten sein. In Tschechien ist eine Fortsetzung in Vorbereitung, und bald erscheint auch ein neuer Roman. Im Interview spricht sie über die Freude an den einfachen Dingen, über Kinder, die durch das Netz der Hilfe fallen, und darüber, wie sie zwischen Schreiben, Arbeit und Fürsorge für andere ein Gleichgewicht sucht.

Das letzte Mal haben wir kurz nach dem Erscheinen von „Die Krähen“ in Deutschland miteinander gesprochen. Was hat sich seitdem verändert – wie sind die Reaktionen? Wie läuft das Buch auf dem deutschen Markt?

Vor ein paar Tagen bin ich im Internet auf eine Art Debatte deutscher Leser über „Die Krähen“ gestoßen, und das ist für mich immer sehr wichtig – vor allem, wenn ich sehe, dass das Buch zu Überlegungen über versteckte Gewalt in Familien anregt. Auch wenn ich noch keine genauen Zahlen kenne, habe ich seit dem Erscheinen des Buches eine ganze Reihe netter Rückmeldungen von deutschen Lesern gesammelt. Mit einigen habe ich auch ein paar Worte gewechselt.

Sie haben kürzlich erwähnt, dass es eine polnische Fortsetzung zu „Die Krähen“ geben wird. In welcher Phase befindet sich das Projekt derzeit – und lässt sich bereits sagen, wann und wo es erscheinen soll, auch in Tschechien?

Die Fortsetzung von „Die Krähen“ erschien Ende letzten Jahres in Polen und ist dort sehr erfolgreich. In Tschechien soll sie unter dem Titel „Rány“ im Herbst dieses Jahres erscheinen und auch optisch an den ersten Teil anknüpfen. Ich muss sagen, dass es eine ganz andere Erfahrung ist, insofern, als ich mit einem Buch nach Tschechien komme, von dem ich bereits weiß, dass es im Ausland erfolgreich war. Das ist natürlich keine Garantie, aber die Ausgangssituation ist tatsächlich anders und in vielerlei Hinsicht angenehmer.

Leipzig steht vor der Tür. Ist das ein großes Ereignis für Sie?

Ein ganz außergewöhnliches, ich freue mich sehr darauf. Schon bei meinem ersten Besuch in Deutschland hat mir sehr gefallen, dass es dort fast ausschließlich um das Thema des Buches ging. Denn das ist es, worüber ich wirklich sprechen möchte – über die Situation von Kindern, die ein ähnliches Leben führen wie meine Heldinnen in „Die Krähen“. Sie fallen durch das Netz der Hilfe und bleiben oft in einer schmerzhaften und ausweglosen Situation zurück.

Kürzlich sind Ihr Roman „Návrat“ (Die Rückkehr) und das Kinderbuch „Až vyjde první hvězda“ (Wenn der erste Stern erscheint) erschienen. Haben Sie schon eine neue Idee, die Sie literarisch umsetzen möchten?

In den letzten Wochen habe ich eigentlich eine ziemliche Achterbahnfahrt erlebt, weil ich nebenbei meinen Traumroman geschrieben habe, einen humorvollen Feel-Good-Roman, und wir uns schließlich mit dem Verlag Host darauf geeinigt haben, ihn schon jetzt, Ende des Frühjahrs, zu veröffentlichen. Er wird „Ordinace“ (Die Praxis) heißen und den Untertitel tragen: „Ein weiches Herz (und Übergewicht) kann nur mit Humor geheilt werden“. Es ist die Geschichte aus der Praxis eines Allgemeinmediziners, eines gutherzigen Mannes, der gerne heiraten und eine Familie gründen würde. Aber er hat einige Probleme – seine Mutter ist seine Krankenschwester, er selbst kämpft mit Übergewicht und auch mit seinen Patienten läuft es nicht ideal. Mehr werde ich nicht verraten, aber ich wollte schon lange etwas ganz Normales, Fröhliches und Entspannendes schreiben, und die Umgebung einer Arztpraxis bietet an sich schon ein ziemlich komisches Panoptikum. Außerdem macht mir das Gesundheitswesen einfach immer noch Spaß und interessiert mich, und manchmal ist es schön, die Welt auch mit den Augen von Medizinern zu sehen, die ihre eigenen Probleme haben. Zum Beispiel, wie schwer es einem Arzt fällt, einem Patienten zu empfehlen, abzunehmen, wenn er selbst 150 Kilo wiegt.

Ihr Buchportfolio umfasst Romane, Kurzgeschichten, Kinderbücher und ein Interviewbuch. Gibt es ein Genre, an das Sie sich nicht heranwagen würden?

Ich gebe zu, dass ich mich nicht an historische Prosa heranwagen würde. Ich habe großen Respekt vor der Interpretation dramatischer Ereignisse aus der Geschichte. Ich bin überzeugt, dass wir manche Dinge immer nur von außen betrachten können und uns nie vollständig vorstellen können, wie es wirklich war. Ich bin eine Autorin, der gerade diese Erforschung des Inneren am Herzen liegt, deshalb schreibe ich auch überwiegend in der Ich-Form. Und ich fürchte, dass ich hier an der Grenze des Möglichen bin, um durch die Figuren über ihr Inneres zu berichten, darüber, „wie es war“.

Was ist mit dramatischen Adaptionen Ihrer Bücher? Einige der bedeutenden tschechischen Titel wurden für das Theater adaptiert. Haben Sie jemals ein ähnliches Angebot erhalten? Würde es Sie reizen, ein Buch auf die Theaterbühne zu bringen?

Bislang gab es noch keine größere dramatische Adaption, aber es gab ein paar nette Dinge, wie eine szenische Lesung aus „Proměněné sny“ (Verwandelte Träume) oder das Kindertheaterstück „Flouk a Líla“. Manchmal erhalte ich auch Nachrichten von regionalen Ensembles oder Schulen, wo junge Leute „Die Krähen“ aufführen. In letzter Zeit macht es mir Spaß, noch eine weitere Ebene zu beobachten – nämlich einige Cosplayer. Vor allem in Polen sehe ich, dass sich Mädchen als das Mädchen mit den Flügeln im Haar stylen, das auf dem Cover meines Buches zu sehen ist. In der Belletristik ist das nicht üblich, und ich denke, dass sie damit ihre Situation und ihre Identifikation mit der Hauptfigur zum Ausdruck bringen wollen.

Und was ist mit einer Verfilmung – haben Sie schon ein Angebot erhalten?

Derzeit entsteht ein Drehbuch zu „Die Krähen“, aber es ist noch sehr früh, und gerade in der Welt der audiovisuellen Medien dauert alles viele Jahre und es ist sehr ungewiss, ob der Film letztendlich überhaupt entstehen wird. Früher wurde ein Drehbuch für „Dědina“ geschrieben, aber letztendlich hat uns der Entwurf nicht gefallen, sodass wir mit Host davon Abstand genommen haben. Da ich selbst viele Jahre lang Drehbücher geschrieben habe, ist mir bewusst, dass Buch- und Filmadaptionen zwei völlig verschiedene Welten sind, und ich bin nicht wirklich davon überzeugt, dass das, was in einem Buch funktioniert, auch zuverlässig im Film funktioniert.

Was bringt Ihnen Freude und Sinn in Ihrem Leben?

Insgesamt fühle ich mich als glücklicher und zufriedener Mensch, was nicht bedeutet, dass ich von den üblichen Lebensproblemen verschont bleibe. Freude und Sinn geben mir gute Beziehungen – zu meinen Söhnen, zu Freunden, zur Familie. Ich gehöre zu den Menschen, die morgens aufwachen und in der Regel schätzen, was sie haben. Ich habe viel darüber gelernt, im Hier und Jetzt zu leben, denn das ist das Einzige, was wir wirklich haben.

Neben dem Schreiben widmen Sie sich auch einer Reihe anderer Aktivitäten – Sie arbeiten als Redakteurin, auch im IT-Bereich, und engagieren sich für krebskranke Kinder. Woher nehmen Sie die Zeit und Kraft für Ihr literarisches Schaffen? Gelingt es Ihnen, sich an einen festen Zeitplan zu halten?

Was mir an meinem Leben am besten gefällt, ist die Möglichkeit, all diese Dinge miteinander zu verbinden. Ich mag den Kontakt zum normalen Leben, zur Arbeitswelt. Das Leben einer Schriftstellerin ist ziemlich einsam, und man spielt darin immer eine bestimmte Rolle. Wenn ich in der erwähnten IT-Firma arbeite, genieße ich es, nur ein Teil, ein Rädchen im Team zu sein. Manchmal arbeite ich ein paar Tage als Krankenschwester, meinem ursprünglichen Beruf, und genieße wieder den Kontakt zu ganz normalen Menschen, zum Beispiel aus den Dörfern rund um Znojmo. Und dann noch die Kinderonkologie – ich finde, ich muss der Gesellschaft etwas zurückgeben, also versuche ich das zu tun... Ich weiß, dass es so aussehen kann, als hätte ich eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben, aber ich habe wohl die Gabe, schnell und effizient arbeiten zu können, mich an einen Zeitplan zu halten und nicht zu viel zu prokrastinieren... Und natürlich habe ich auch die Freiheit, diese Dinge nicht zu tun. Das ist immer schön.

Das klingt nach einer Menge Aktivitäten, was manchmal überwältigend sein kann. Was hilft Ihnen, inne zu halten und sich zu entspannen?

Eigentlich halte ich mich schon seit längerer Zeit ziemlich strikt daran, mindestens einen Tag in der Woche komplett frei zu nehmen. Eine Zeit, in der ich mich von allen Aktivitäten zurückziehe, die auch nur im Entferntesten mit der Arbeit zu tun haben könnten. Früher habe ich viele Dinge getan, weil ich Geld für meine Familie verdienen musste und keine Rücksicht darauf nehmen konnte, ob es zu viel war, ob ich am Wochenende arbeitete oder keinen Urlaub hatte. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass ich das nicht mehr muss. Ich nehme mir Zeit zum Sport, schaue ganz normal und ohne Anspruch Serien oder verschiedene Sportarten, bastele Kleinigkeiten, wie zum Beispiel ein Puppenhaus für meine Nichten. Das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen.


Foto: Věra Marčíková
Das Interview mit der Autorin Petra Dvořáková führte Karolína Tomečková.