Marek, Ihr Romandebüt, das größtenteils im mährischen Přerov spielt, ist auf Deutsch erschienen und wird auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Wie fühlen Sie sich dabei? Ist Ihnen beim Schreiben in den Sinn gekommen, dass der Roman internationale Resonanz finden könnte?
Ich denke, dass die konkreten Merkmale der Stadt und auch einige ihrer Probleme, die im Roman vorkommen, keineswegs spezifisch sind. Das Problem der Wohnraumknappheit, stillgelegte und verfallende Industriekomplexe und Orte, die von neuer Wildnis überwuchert werden, gibt es nicht nur in Přerov oder in Tschechien. Mir persönlich macht es Spaß, Texte zu lesen, die an konkreten Orten angesiedelt sind, mich auf den Seiten in einem Raum zu bewegen, den ich mir vorstellen kann, auch wenn ich ihn vielleicht noch nicht kenne. Ich weiß nicht, ob mir so etwas gelungen ist, aber ich würde gerne glauben, dass es so ist.
Ihr Roman ist derzeit einer der meistübersetzten in Tschechien. Womit erklären Sie sich diesen Erfolg? Und wie sind die Reaktionen in den verschiedenen Ländern? Wie lässt sich die Erfahrung aus dem mährischen Přerov überhaupt beispielsweise ins Spanische übertragen?
Das ist eher eine Frage an den Verlag und noch genauer an den Übersetzer. Ich glaube ein wenig, dass es vor allem das Verdienst von Pavlína Juráčková ist, meiner Literaturagentin, die für den Verlag Paseka die Auslandsrechte regelt. Literatur ist meiner Meinung nach ein ganzes Ökosystem. Ein einzelner Autor kann das beste Buch schreiben, aber ohne die Arbeit und Begeisterung anderer Menschen, seien es Lektor*innen, Übersetzer*innen, Agent*innen und so weiter, muss das Buch nicht unbedingt zu den Leser*innen gelangen. Umso mehr gilt das für Literatur aus kleinen Sprachen, die gegenüber dem Englischen einen enormen Nachteil hat. Mich persönlich fasziniert dann, wie sorgfältig die Übersetzer*innen lesen und was ich in diesem Prozess von ihnen lernen kann.
Přerov hat in Tschechien nicht gerade den besten Ruf. Kehren Sie trotzdem gerne dorthin zurück? Hat die Stadt etwas zu bieten?
Ja, ich kehre gerne urück. Přerov fasziniert mich, es ist eine Industriestadt im Herzen der Haná und von einzigartiger Natur umgeben; vielleicht liegt es auch an der Bečva, und ich fühle mich irgendwie ganz natürlich zu Städten hingezogen, die von Flüssen geprägt sind. Für mich ist es eine Stadt, an der ich die Druckpunkte der heutigen Gesellschaft ertasten kann. Sei es die zunehmende Entfremdung der Menschen von der Natur, die Einsamkeit oder die sich vertiefenden Unterschiede zwischen den ärmsten und den reichsten Einwohnern. Es ist eine Stadt als Labor oder eine Stadt als Schaufenster. Ich denke, dass die Probleme, mit denen es zu kämpfen hat, allgemeiner und struktureller, systemischer Natur sind: Sie hängen mit dem Abfluss von Arbeitsplätzen und gebildeten Menschen aus den Regionen oder etwa mit der Vernachlässigung durch das Zentrum zusammen.
Romane mit queerer Thematik erscheinen heute mehr denn je. Womit kann ein neuer Text überzeugen, wenn sich bestimmte Motive wiederholen? Und was sagt der Anstieg dieser Literatur über die heutige Zeit aus?
Es erscheinen auch viele nicht-queere Romane, und wir fragen nicht, was sie den Lesern Neues bieten können. Wir beschäftigen uns nicht mit sich wiederholenden Motiven, wir betrachten sie als universelle Botschaft menschlicher Erfahrung. Das sind auch diese „queeren“ Romane, nur können wir sie bisher noch nicht durch diesen Filter lesen. Mein Roman ist zur Hälfte die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, aber aus irgendeinem Grund überlagert die queere Erfahrung des Erzählers alles. Für mich als queere Person war dieser Aspekt meines Romans jedoch keineswegs entscheidend; mir ging es darum, die Klassenerfahrung zu beschreiben, zu zeigen, dass das Gefühl der Andersartigkeit und Ausgrenzung nicht nur auf der Ebene der sexuellen Identität, sondern gerade auch auf der der Klasse bestehen kann. Dieser Anstieg ist meiner Meinung nach vor allem eine Frage der Nachfrage: Wir hungern nach Geschichten, die das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen widerspiegeln, nicht nur einen begrenzten Ausschnitt.
Wie sind die Reaktionen der Leserschaft auf das Buch? Hat sich jemand an Sie gewandt, dem das Buch den Mut gegeben hat, das Thema seiner Identität und seines Geschlechts gegenüber seinem Umfeld anzusprechen?
Unterschiedlich, und das ist in Ordnung. Es macht mir Spaß. Und ja, es hat sich jemand gemeldet. Aber was mich am meisten freut und überrascht, ist, wenn Menschen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen das Buch lesen und darin genau das finden, worum es mir vor allem ging – nämlich eine Reflexion über das eigene Gedächtnis und die Unmöglichkeit, in die Erfahrungen anderer einzutauchen.
Als Sie das erlebt haben, worum es in „Was die Zeit nicht nimmt“ geht, was hat Ihnen damals geholfen, sich bewusst zu machen, was Sie gerade durchmachten? Wo haben Sie nach Informationen, Inspiration oder einem „Rettungsanker“ gesucht? Hat dabei auch die Literatur eine Rolle gespielt? Sei es Ihre eigene oder die anderer Autor*innen.
„Was die Zeit nicht nimmt“ ist keine Autobiografie. Der Roman funktioniert etwas anders, und obwohl ich darin viele Dinge aus meinem Leben verarbeite, gehe ich recht frei damit um. Was mir aber mein ganzes Leben lang hilft, sind die Bücher anderer Menschen; ich finde in ihnen Trost – nicht im Sinne von Beschwichtigung und Verständnis, sondern es ist eher eine Erleichterung, die Welt für einen Moment anders zu erleben, durch die Augen und die Sprache fremder Menschen, und zu wissen, dass ich nicht allein bin…
In dem Roman sprechen Sie einige sehr schwere Themen an – zum Beispiel Mobbing, häusliche Gewalt oder Alkoholismus. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig sein kann, über solche Dinge zu schreiben, besonders vor Menschen, die man nicht kennt. Was hilft Ihnen dabei, öffentlich über diese Themen zu sprechen, sodass es für Sie sicher und erträglich ist und nicht retraumatisierend? Und bringt es Ihnen manchmal auch positive Emotionen?
Ja, aber alles wird durch das Prisma der Erinnerung wahrgenommen – und diese neigt dazu, uns alles rückwirkend verstärkt zurückzugeben, nach dem Prinzip der stärkeren Erinnerung. Beim Schreiben habe ich immer wieder an den Kurzfilm La Jetée von Chris Marker gedacht; mich hat interessiert, ob ein einziges gewalttätiges Bild das gesamte Leben eines bestimmten Menschen vorzeichnen kann. Deshalb geraten die oft grauen, ausdruckslosen Tage in Vergessenheit; was bleibt, sind diese markanten „Eindrücke“. Sie werden verzerrt, übertrieben und ungenau sein, und gleichzeitig werden sie das formen, was wir sind. Ich wollte kein sicheres Buch schreiben, ich glaube nicht an Literatur als sicheren Ort, auch wenn ich denke, dass sie ein Medium der Empathie ist. Aber der Weg dorthin führt gerade über geteilten Schmerz, darüber, dass wir den anderen sehen, auch wenn es vielleicht nicht in einem schmeichelhaften Licht ist.
In Rezensionen werden Sie mit dem französischen Schriftsteller Édouard Louis verglichen. Welchen anderen Autor*innen fühlen Sie sich – sei es thematisch, stilistisch (oder in irgendeiner anderen Hinsicht) – nahe?
Es gibt viele solche Menschen. Ich mag es, wenn Bücher miteinander im Dialog stehen, ja sogar, wenn sie sich widersprechen. Ich fühle mich der Poesie von Anne Carson nahe, den Romanen von Virginia Woolf, W. G. Sebald, Ann Quin oder Clarice Lispector. Beim Schreiben greife ich insgesamt viel häufiger auf Poesie und Theorie zurück als auf Prosa an sich.
Neben Prosa schreiben Sie auch Gedichte und veröffentlichen in Medien (zum Beispiel in Respekt oder Druhá směna) Kommentare zu sozialen und politischen Themen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie in der Publizistik Ihre Berufung gefunden haben? Und worin unterscheidet sie sich für Sie vom Schreiben eines Romans, in dem Sie ebenfalls beispielsweise Klassenungleichheiten thematisieren, nur auf andere Weise und auf größerer Fläche?
Ich schreibe, weil ich in der Welt lebe. Ich bin kein Extrovertierter, ich habe Angst vor Menschenmengen, aber ich habe das Bedürfnis, zumindest irgendwie gegen den zunehmenden Faschismus, gegen die wachsenden Ungleichheiten und die immer häufiger werdenden Angriffe auf Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten zu kämpfen. Und so bleibt mir nur das Schreiben. Poesie und Prosa sind für mich jedoch langsamere Medien. Sie funktionieren auf der Grundlage von Bildern und Geschichten, es geht dabei viel mehr um die Natur der Sprache, darum, welche Macht sie hat und wann sie diese verliert. Sie haben ganz andere Ziele als die Publizistik, auch wenn sich diese manchmal überschneiden können.
Woran arbeiten Sie gerade? Was bereitet Ihnen (nicht nur) literarisch Freude?
Ich stelle gerade meinen zweiten Roman fertig, der den Arbeitstitel „Plötzliche Wetterumschwünge“ trägt. Er handelt von dem, worüber ich schon seit längerer Zeit nachdenke – nämlich von dem wachsenden Gefühl der Einsamkeit, der Isolation und einer gewissen Unfähigkeit, aus dem eigenen Kopf herauszukommen. Er handelt ein wenig von Mikrobiologie, von Wolkenimpfung, viel vom Wetter und auch von Weltuntergängen. Sowohl den privaten als auch den gesellschaftlichen.
Foto: Paseka
Das Interview mit dem Autor Marek Torčík führte Karolína Tomečková.



