Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

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Unmerklicher Verlust der Einsamkeit nimmt Kurs auf Books at Berlinale. Ein Interview mit Eli Beneš

Eli Beneš
Erstmals ist ein tschechischer Roman in der internationalen Auswahl von Books at Berlinale vertreten: Unmerklicher Verlust der Einsamkeit von Eli Beneš. Was steckt hinter der Entstehung des Romans, was bedeutet die internationale Aufmerksamkeit für den Autor – und wie würde er sich eine mögliche Verfilmung vorstellen?

Was hat Sie inspiriert den Roman Unmerklicher Verlust der Einsamkeit zu schreiben?

Ich wollte schon immer schreiben, bin aber über viele Lebensumwege relativ spät dazu gekommen. Ursprünglich plante ich eine intime, existenzielle Geschichte über Einsamkeit, doch schließlich entschied ich mich für eine epischere Erzählweise, die sich als natürlicher und tragfähiger für mich erwiesen hat. Der Roman handelt nicht vom Holocaust, wie viele behaupten – im Gegenteil: im Gegenteil: Ich habe mich so weit wie möglich von bereits oft verarbeiteten Themen ferngehalten.

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Ihr Buch in die prestigeträchtige Auswahl von Books at Berlinale aufgenommen wurde?

Natürlich freut es mich – es ist das erste tschechische Buch, welches jemals in der Auswahl war, und mein Ego jubelt da schon ein wenig. Gleichzeitig ist es aber erst der Anfang, und es kann auch ganz anders ausgehen: Am Ende muss daraus gar nichts werden.

Womit, glauben Sie, hat gerade Ihr Buch überzeugt?

Ich glaube, es liegt an seiner epischen Kraft – an einer Form des Erzählens, die heute in der literarischen Fiktion vielleicht seltener geworden ist, weil oft intimere, persönliche Geschichten im Vordergrund stehen. Zugleich hoffe ich, dass der Roman mit einer frischen Perspektive und einem ungewöhnlichen Thema überrascht.

Hatten Sie beim Schreiben des Romans Unmerklicher Verlust der Einsamkeit schon im Kopf, dass er verfilmt werden könnte?

Einen Roman wie einen Film zu schreiben, wäre ein Fehler. Trotzdem haben mir viele Leserinnen und Leser nach der Lektüre sofort gesagt: Das wäre doch Stoff für Netflix. Wie gesagt, ich stehe ganz am Anfang – und es ist gut möglich, dass daraus am Ende gar nichts wird.

Wenn es zu einer Verfilmung käme, wen könnten Sie sich für die Hauptrollen vorstellen?

Diese Gedanken wären schon ziemlich vermessen – aber als Autor habe ich natürlich Bilder oder Vorbilder der Protagonisten im Kopf, an die man sich annähern könnte. Und ganz ehrlich: Es ist ein wunderbares Mittel zur Prokrastination, sich darüber den Kopf zu zerbrechen!

Haben Sie eine Vorstellung davon, wer die Musik zu einer möglichen Verfilmung gestalten könnte?

Ursprünglich bin ich Musiker mit einem sehr breit gefächerten – und ein bisschen snobistischen – Geschmack. Es würde mich wirklich stören, wenn die Filmmusik im Falle einer Verfilmung auf die übliche Weise umgesetzt würde: ein paar rührselige Streicher, ein bisschen Klavier in hohen Lagen – wie es bei der Adaption von Alles Licht, das wir nicht sehen geschah, obwohl das Buch den Pulitzer-Preis erhalten hat. Ich würde mir wünschen, dass der Soundtrack kontrastreich ist, etwas Zeitgenössisches, Elektronisches, gerne kombiniert mit klassischen Instrumenten. Am besten man verbindet Max Richter mit Fred Again, wenn ich die Wahl hätte.

Gibt es einen Regisseur oder eine Regisseurin, dem/der Sie die Umsetzung der Geschichte anvertrauen würden?

Wieder ein bisschen vermessen, aber ich mag Regisseurinnen und Regisseure, die mehr bieten als nur eine gut konstruierte Geschichte. Von „unseren“ RegisseurInnen würde mir zum Beispiel Agnieszka Holland gut gefallen.

Gibt es einen bestimmten Film, FilmemacherIn oder Stil, den Sie als ideale Inspiration für die Verfilmung von Unmerklicher Verlust der Einsamkeit ansehen?

Wie schon erwähnt: Ich schätze FilmemacherInnen, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern ihr auch eine tiefere Bedeutung verleihen können. Davon gibt es viele, eher aus Europa als aus Amerika. Momentan sehe ich die Szene allerdings stark im Serienformat – jemand wie Mike White, der zufällig Amerikaner ist, trifft in vielerlei Hinsicht genau meinen Geschmack.

Welche Erwartungen haben Sie an den Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026? Im Hinblick auf Bedeutung und Nutzen für die tschechische Literatur?

Kleine Literaturen haben es schwer. Man kann wohl sagen: Wenn ein/e AutorIn nicht an eine größere literarische Szene oder ein größeres Land angebunden ist, ist es nahezu unmöglich, international herauszukommen. Es gibt viele SchriftstellerInnen und Bücher, und jedes Land pflegt seine eigenen Autorinnen und Autoren. Aus dieser Perspektive hätten wir vielleicht in Österreich-Ungarn bleiben sollen – auch wenn diese Aussage den tschechischen Nationalromantikern wohl nicht gefallen hätte. Trotzdem bedeutet Frankfurt sehr viel; es ist ein bedeutendes Ereignis, und ich glaube, dass daraus etwas für die tschechische Literatur entstehen wird. Für alles, was es für irgendjemanden bewirkt, wäre ich dankbar.

Wie nimmt das deutsche Publikum Ihre Bücher (bzw. die Übersetzung) auf? Spüren Sie Unterschiede zum tschechischen Lesepublikum? Resoniert das Thema anders oder stärker?

Ja, in vielerlei Hinsicht spüre ich Unterschiede. Die Deutschen sind – entgegen ihrem Ruf – viel herzlicher, dazu natürlich wohlhabender, und die Buchkultur ist dort ein echtes Thema, gehört zum guten Ton. Ihr gesellschaftliches Leben ist unvergleichlich… Aber zu meinem Buch: Ich glaube, sie sind froh, dass ich mich nicht auf die alte Leier einlasse, die ihnen oft präsentiert wird: Deutsche = schlecht, die anderen = gut. In ihrem Hinterkopf tragen sie diese ewige Schuld mit sich, und tun sich schwer damit umzugehen. Deshalb sage ich lieber: Ihr habt meine Vorfahren in die Konzentrationslager geschickt, aber ihr persönlich wart daran nicht beteiligt – also alles gut, ich nehme euch hier und jetzt nichts übel.


Das Interview mit der Autorin führte Karolína Tomečková.