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Unsere Übersetzer*innen: Mirko Kraetsch

Mirko Kraetsch, foto: Pavel Němec
Ohne unsere vielen tollen Übersetzer*innen wäre die tschechische Literatur im Ausland nicht vorhanden. In unserer Reihe wollen wir euch daher unsere Kolleg*innen näher vorstellen und haben ihnen dafür ein paar Fragen gestellt. Heute geht es mit Mirko Kraetsch weiter. Er hat Bohemistik und Kulturwissenschaft an der HU Berlin sowie der Karls-Universität Prag studiert. Mirko übersetzt seit vielen Jahren Literatur aus dem Tschechischen und Slowakischen und bringt Autor*innen auf Lesungen, in Moderationen und Workshops mit ihrem Publikum ins Gespräch.

Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?

Als Mensch der Sprache sage ich natürlich: Ich kann in allen Sprachen prinzipiell alles ausdrücken, was ich ausdrücken möchte. Nur die Mittel unterscheiden sich jeweils. Scheinbar bedeutungsgleiche Ausdrücke haben dann eben doch etwas andere Nuancen. Oder ich muss für etwas, das ich in der einen Sprache mit einem kurzen Wort ausdrücken kann, in der anderen Sprache zu einer eher weitschweifigen Phrase greifen.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Nein. Und wenn es doch passiert, dann habe ich wohl etwas falsch gemacht. Oder – was nicht weniger schlimm ist – etwas falsch verstanden.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

Ich übersetze Texte. Die bestehen erst einmal aus „Wörtern“, aber das fokussiert auf die Oberfläche. Denn Wörter haben – oder bekommen – Bedeutungen, und natürlich entstehen durch die Rezeption des Texts beim Publikum auch Bilder. Im Idealfall schaffe ich es, alle Bedeutungsnuancen in die Zielsprache zu transportieren, aber generell ist mein Ziel, dass beim Lesen des deutschen Textes möglichst dieselben oder zumindest sehr ähnliche Bilder entstehen, damit ähnliche Gefühle ausgelöst werden. Kurz gesagt: Ich kann einen der drei Aspekte nicht ohne die anderen übersetzen.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen? Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?

Humor ist generell schwer zu übersetzen. Denn er beruht oft auf Anspielungen und Missverständnissen. Bezugspunkt dafür ist nicht selten ein regional geprägtes Phänomen (bekannte Personen aus Vergangenheit und Gegenwart, historische Ereignisse, Pop- und Alltagskultur), das im Kontext der Zielsprache völlig unbekannt ist. Damit ist dem Witz die Grundlage entzogen – und ich habe eine Kopfnuss zu knacken.

Oder das Ganze beruht auf einem sprachlichen Lapsus, das ist dann höchst problematisch. Denn wenn ich in einem Text, der im tschechischen Kontext spielen, mit einem aus der deutschen Sprache entlehnten Lapsus ankomme, ergibt sich da eine Schieflage. (Ich kann allerdings nicht ausschließen, dass ich es dennoch schon einmal getan habe.)

Über inhaltliche und/oder stilistische Aspekte möchte ich hier nicht sprechen, denn damit lande ich sofort in klischeebelasteten Bereichen. Klischees – insbesondere diejenigen, derer sich die Kulturen der Ausgangs-und Zielsprache übereinander befleißigen – sind beim Übersetzen zwar nicht irrelevant (eher im Gegenteil, man sollte sie kennen), aber als Kategorien eignen sie sich nicht.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Die Kompaktheit. Die Zeichenzahl eines aus dem Tschechischen (oder Slowakischen) ins Deutsche übersetzten Textes kann um 25 bis 30 Prozent höher liegen. Slawische Sprachen funktionieren ja im Prinzip wie Latein – Bezüge zwischen den Satzbausteinen werden durch Endungen klar gemacht. Damit gibt es im Tschechischen zudem viel größere Freiheit bei der Wortfolge.

Außerdem vermisse ich im Deutschen die Möglichkeit, die korrekte Aussprache eines Wortes eindeutig zu notieren.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Die deutsche Sprache ist mein Werkzeug. Ich muss also zusehen, es immer schön zu pflegen und einsatzbereit zu halten. Sprich: Ich lese – abgesehen von tschechischen und slowakischen Büchern – vor allem auf Deutsch geschriebene Literatur. Aber genauso wichtig ist es, ins Deutsche übersetzte Werke zu lesen. Sowohl Schriftsteller·innen als auch Übersetzer*innen sind ja die Autor*innen ihrer deutschsprachigen Texte und damit wichtige Inspirationsquelle für mich.

Was sind deine Lieblingsworte auf Deutsch und auf Tschechisch?

Ich habe ein Faible für expressive Begriffe. Auf Deutsch bin ich ein großer Fan des sächsischen Multifunktions-Stöhners „Ooohr näääj!“, der einen sehr hohen Grad der Missbilligung ausdrückt. Leider kann man die akustischen Qualitäten nicht vollumfänglich aufs Papier bringen. (Siehe auch meine Bemerkung dazu weiter oben.) Und natürlich wird diese Ausruf auch von einem entsprechend gezogenen Flunsch begleitet.

Auf Tschechisch gibt es sehr viele Begriffe mit deutschsprachigen Wurzeln, die auch gern mal einen expressiven Anstrich haben. Mein Favorit ist da „rambajs“, der Ausdruck für ohrenbetäubenden Lärm in Anwesenheit sich chaotisch benehmender Menschen (gern auch in größeren Mengen). Prototypisch stelle ich mir eine Szene aus der alemannischen Fastnacht vor: disharmonisch bediente (Blech-)Blasinstrumente plus Schlagwerk in Kombination mit bizarren Kostümen und lautem Herumgeschreie.

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

Aktuell läuft das Lektorat an Marek Tomans Roman České sklo, der demnächst im Verlag Drava als Böhmisches Glas erscheinen wird.

Parallel dazu sitze ich am Projekt MYKO, einer Art Graphic Novel, die beim Hamburger Verlag Ankerwechsel erscheinen wird. Prämisse ist: „Pilze berichten für Pilze über Pilze“, und zwar in Form der Zeitschrift MYKO, von der ein Jahrgang – zehn knallbunte Hefte (Illustrationen von Daniela Olejníková), inklusive zwei Doppelhefte – zu einem Sammelband zusammengefasst sind. Es gibt Wissenswertes über die Welt der Pilze, Geschichtliches, Mykomythologisches, aber auch Gedichte (die Texte stammen von Jiří Dvořák). Ein Riesenspaß, aber auch eine hohe Dichte von Kopfnüssen, die ich knacken muss.

Und als dann werde ich auch mal wieder in ein slowakisches Projekt einsteigen: Arpád Soltész hat in seinem Roman Sviňa (Dreckschwein) den Fall des Mords an dem Investigativjournalisten Ján Kuciak und seiner Lebensgefährtin Martina Kušnírová im Februar 2018 samt der politischen Gemengelage und dem mafiösen Filz in der Slowakei (unter der Regierung Robert Fico) aufgegriffen und das Ganze zu einem drastischen Hard-boiled Hardcore-Text verarbeitet. Der Berliner Verlag Voland & Quist veröffentlicht das Buch, um einen Fokus auf diese leider wieder und noch immer aktuellen Themen zu richten.


Foto: Pavel Němec
Das Interview führte Annika Grützner.