Woher nehmt ihr eure Inspiration?
Antonín Zhořec: Die Gedichte kommen von selbst zu mir, aber um sie festhalten und aufschreiben zu können, muss ich ruhig sein, nicht überfordert, ausreichend leer und offen, damit sie sich in mir festsetzen können. Ich habe das Gefühl, dass für mich beim Schreiben eher Ruhe oder Erholung als Inspiration entscheidend sind. Die Gedichte lassen sich anderswo inspirieren, sie lassen sich fast fertig in mir nieder. Vielleicht wachsen sie dann noch sprachlich nach, bekommen eine präzisere Form. Ansonsten habe ich aber den Eindruck, dass sie nicht direkt aus mir herauskommen und dass ich sie nicht von außen (mit Inspiration) nähre. Ich bin nur ihr Schreiber. Wenn ein Gedicht an mir vorbeizieht und ich frisch genug bin, um es wahrzunehmen, schreibe ich es auf.
Štěpánka Borská: Inspiration finde ich in der täglichen Beobachtung meiner Umgebung, in Gesprächen, meinen eigenen oder fremden Emotionen, in Ereignissen zu Hause und in der Welt, im Wald, in der Stadt oder in interessant klingenden Wörtern. Ich schreibe alles, was mich interessiert, in die Notizen meines Handys. Früher habe ich Notizbücher benutzt, aber irgendwann habe ich vergessen, sie überallhin mitzunehmen.

Sufian Massalema: In meinen Texten beschäftige ich mich oft mit Themen, die man als „allgemein“ bezeichnen könnte – Familiengeschichte, Kindheit oder meine Heimatstadt. Gleichzeitig integriere ich gerne traditionelle islamische Erzählungen und Ästhetik in meine Texte. Im tschechischen Kulturkontext können diese Elemente neue und unerwartete Bedeutungen erhalten. Ich experimentiere gerne damit, was funktioniert und was nicht. In meinem ersten Buch war ein zentrales Motiv meine Faszination für Orte oder Dinge, die sich nischig, seltsam oder irgendwie „nicht ganz richtig“ anfühlen. Ich habe versucht, sie zu vermenschlichen oder mich selbst in sie hineinzuversetzen, um meine eigene Position in der Welt zu finden. In meinem nächsten Buch möchte ich diese Idee wieder aufgreifen und weiterentwickeln. Allerdings möchte ich den Fokus auf menschliche Traditionen und die Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, verlagern – auch wenn sie unnatürlich oder seltsam sind – und untersuchen, wie wir sie nach und nach normalisiert haben.
Was bedeutet Poesie für euch?
Antonín Zhořec: In letzter Zeit bedeutet sie für mich vor allem die Angst, dass ich ihr nicht die ganze Fürsorge geben kann, die sie meiner Meinung nach verdient und die ich ihr schuldig bin. Die Angst macht mich unruhig, und dann habe ich nicht mehr genug Platz in mir, um sie aufzufangen, und drehe mich im Kreis. Aber ich glaube, dass ich einen Weg aus diesem Kreis finden werde, dass ich eine Geheimtür entdecken oder einen Deckel im Boden aufbrechen werde. Dann werde ich wieder frisch aufnehmen und aufschreiben können. Ich wollte schreiben, dass ich die Poesie wie einen Schmetterling in einem Netz fangen würde – aber genau so geht es nicht, Poesie muss frei herumfliegen können, und wenn sie es selbst will, wird sie zu mir fliegen und lange genug bleiben, damit ich sie zu Papier bringen kann.

Štěpánka Borská: Die Möglichkeit, mich verschlüsselt zu Themen zu äußern, mit denen ich selbst nicht zurechtkomme. Sei es zu meinen eigenen Gefühlen oder zu den Auswirkungen weltweiter und nationaler Ereignisse. Bis zu einem gewissen Grad kann das therapeutisch sein, aber es hat definitiv seine Grenzen. Ein Gedicht sollte nicht in Subjektivität abgleiten. Ich denke, dass ein guter Text auch daran zu erkennen ist, dass die Leser:innen ihn unterschiedlich interpretieren können. Gleichzeitig macht es mir Spaß, nach ungewöhnlichen Wortverbindungen zu suchen. Ich freue mich über die Flucht aus dem Alltag, wo die Gesetze des Alltäglichen nicht gelten.
Sufian Massalema: Das ist keine einfache Frage. Während ich darüber nachdachte, fiel mir eine aktuelle Ausgabe des tschechischen Literaturmagazins Tvar ein, in der tschechische Schriftsteller dasselbe gefragt wurden. Ihre Antworten ließen sich im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen: Entweder sei es unmöglich zu definieren, was Poesie ist oder was sie bedeutet, oder Poesie „sei einfach“, oft begleitet von einem witzigen Zitat, je nach Geschmack. Ich möchte mich lieber keiner dieser Kategorien zuordnen. Für mich ist Poesie eine Methode – ein Werkzeug, um zu beschreiben, wie ich die heutige Realität wahrnehme und wie ich sie interpretiere. Ich stelle mir unsere Welt gerne als eine Welt vor, in der das Übernatürliche real ist, in der die Realität vielschichtig und voller Geheimnisse ist, die sich nicht allein mit dem Verstand begreifen lassen. In diesem Moment ist Poesie die einzige Möglichkeit, darüber ausreichend zu sprechen und zu schreiben.

Habt ihr ein (literarisches) Vorbild? Was liest ihr gerne?
Antonín Zhořec: Ich lese Texte, die sich nicht scheuen, aus der Reihe zu tanzen, die leicht chaotisch, verdichtet und ungezügelt sind. Texte, die sich von der Alltäglichkeit abheben wollen, unter die Oberfläche gehen und sich subversiv mit der „Welt um uns herum“ auseinandersetzen, was auch immer das bedeuten mag. Ich mag es, wenn einem das Geschriebene im Hals stecken bleibt und einen fast erstickt.
Ich habe kein literarisches Vorbild, aber ich möchte einige Bücher nennen, die mich in den letzten Jahren beeindruckt haben (die mir im Hals stecken geblieben sind und mich fast erstickt haben – ich schreibe das mit Herzlichkeit und Respekt für sie). Das jüngste Ersticken verursachte bei mir „Das Selbstmordmuseum einer Transfrau“ von Hannah Baer, eine grausame, durchsichtige, pathetische und zugleich unpathetische, herzzerreißende Lektüre. Gerne habe ich mich auch von „Blutbuch“ von Kim De l’Horizon ersticken lassen, das ärgert, sprachlich streicheln kann, die Welt zerbrechen und wieder zusammensetzen kann, ehrlich und tief klagen kann, Werte zerstören und neue aufbauen kann, aber vor allem umarmen kann, wenn man sich darauf einlässt. Es hilft, einen kleinen Platz in einer Welt zu finden, die selbst keinen Raum bietet. Dann gibt es noch „Teorie o čínské duši“ (Theorie über die chinesische Seele) von Carlos A. Aguilera, zu dem ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll, denn dieses Buch ist im besten Sinne des Wortes ein opiumartiger Trip. Und aus der tschechischen Literatur erstickt mich bis heute „Das Leiden des Fürsten Sternenhoch“ von Ladislav Klíma, das man am besten laut vorliest, während man mit seinem Partner im Bett liegt (so habe ich es praktisch ganz gelesen), wenn man einen ausreichend willigen und verrücktheitsliebenden Partner hat. Zu guter Letzt, um nichts zu vergessen, atme ich „Kobold“ von Radka Denemarková. Eine mitreißende Lektüre, die sprachlich begeistert. Es liest sich wie ein Schlangenbiss.
Štěpánka Borská: Ich verfolge aufmerksam Debüts und lese gerne zeitgenössische tschechische Dichter und Dichterinnen. Namentlich und nach dem Zufallsprinzip Vojtěch Štěpán, Anna Řezníčková, Jakub Racek, Thea Sedmidubská, Jaromíra Zálišová, Nela Bártová, Sufian Massalema, Tim Postovit, Zofia Bałdyga oder Autoren und Autorinnen, die ihre Bücher in der Gedichtreihe des Odeon-Verlags veröffentlicht haben. Ich habe auch eine Faszination für etablierte Autoren durchlaufen, zu denen beispielsweise Ivan Wernisch gehört. Ich kombiniere Poesie mit Prosa und sehr gerne mit literarischen Reportagen, insbesondere denen, die im slowakischen Verlag Absynt erschienen sind.
Sufian Massalema: In der Belletristik würde ich Orhan Pamuk als einen wichtigen Einfluss nennen. Ich strebe danach, über alltägliche Dinge und menschliche Geschichten mit derselben Tiefe und Sensibilität zu schreiben wie er. In der Poesie inspirieren mich die islamische Sufi-Dichtung und die Poesie aus der Mogul-Ära in Indien. Außerdem bewundere ich zutiefst das Werk von František Halas und Vladimír Holan. Viele meiner Freund:innen aus der Literaturwelt sind auch meine Vorbilder. In jedem von ihnen sehe ich Eigenschaften, die mir meiner Meinung nach fehlen, und ich versuche ständig, mich weiterzuentwickeln und zu verbessern, damit ich ihr Niveau erreichen kann.
Ihr alle lebt in Prag. Habt ihr dort einen Lieblingsort?
Antonín Zhořec: Mein liebster Ort in Prag ist eine Weide, die in der Nähe meines Wohnortes wächst. Ich nenne sie meine Weide, aber natürlich gehört sie mir nicht, ich besitze sie nicht. Sie ist meine Weide, so wie ich ihr Mensch bin (oder sein könnte). Ich besuche sie oft und beobachte, wie die Menschen ihr die Haare schneiden. Sie wächst nämlich über dem Bürgersteig, sodass sie jedes Mal, wenn sie normal großen Menschen beim Gehen im Weg ist, zurückgeschnitten wird. Ich bewundere ihre Frisuren. Ich berühre sie, und wenn sie gerade frisch geschnitten ist, muss ich springen, um sie zu erreichen. Wenn Sie sie auch sehen möchten, finden Sie sie hier. Bitte gehen Sie behutsam mit ihr um.
Von den Räumen, die man betreten kann, mag ich „Safe Space“ am liebsten, ein feministisches Unternehmen, das Ende dieses Jahres schließen wird und sicherlich noch ein wenig Liebe von den Menschen, die dort hingehen, gebrauchen könnte. Dort gibt es großartige vegane Gerichte und man kann sich auch mit Büchern satt essen.
Štěpánka Borská: In Prag mag ich das Viertel Žižkov, das seinen ganz eigenen Charme hat. Dazu tragen auch die zahlreichen Kneipen bei. Außerdem gefallen mir eher die unerforschten Teile der Metropole. Zum Beispiel die Notkolonie Slatiny, in der Jonáš Zbořil seine Prosa Flora angesiedelt hat.
Sufian Massalema: Obwohl ich kein eingefleischter Eisenbahnfan bin, ist mein Lieblingsort in Prag ein Platz oberhalb eines Eisenbahntunnels zwischen den Stadtteilen Vinohrady und Nusle im Stadtzentrum. Abends schaue ich gerne den Nachtzügen zu und frage mich, woher ihre Passagiere kommen und wohin sie fahren.
Antonín Zhořec (*2000) ist Community-Koordinator bei Amnesty International und Queer-Aktivist. Er studierte Hispanistik an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und studiert derzeit Gender Studies an der Fakultät für Humanwissenschaften der Karlsuniversität. Er schreibt Rezensionen für die Zeitschrift Revue Prostor und nimmt regelmäßig an Autor:innenlesungen teil. Seine Gedichte wurden unter anderem in Psí víno, der Kulturzeitschrift A2, der Wochenzeitschrift Tvar und in der Anthologie Toto je môj coming out (Adolescent, 2022) veröffentlicht. Im Jahr 2023 wurde er mit dem zweiten Platz des Literarischen Preises Vladimír Vokolka ausgezeichnet und erhielt eine lobende Erwähnung im Literarischen Wettbewerb Jiří Červenka. Im Frühjahr 2024 erschien sein Debüt-Gedichtband Rejpnu si do solární bouře (Ich steche in den Sonnensturm) im Verlag Adolescent.
Gedicht: Ich trage Organgenkerne aus einem brennenden Schwein
schlichte manuelle Arbeit geeignet für Schwermetallhandwerker
ein heulender Kopf zertrümmert die mit Orangensaft übergossene Bohrmaschine
als Rettungsmittel dient ein Fußhandschuh mit einer Verschlussklappe
in der Umgebung wachsen Orangenbäume mit orangenen Blättern
Schilder warnen vor häufigem Körperstellungswechsel in der Maschine
ein brennendes Schwein kriecht auf seinen Händen
den helmbewehrten Arbeitern droht das Polieren der Schweine mit Schwermetall
ins ausgebohrte Loch steckst du den kleinen Zeh des linken Fußes
die Geburtenrate der brennenden Schweine erhöht die Anzahl der Orangenbäume
die orangenen Blätter halten Zimmertemperatur
für die Überwachung sorgen verbrannten Grasbüschel nahe der angefeuchteten Zehe
das brennende Schwein hat sich erhoben
die zertrümmerte Bohrmaschine platzieren wir unter die Hände der Orangenbäume
die Schwermetallhandwerker essen die Kerne der Orangenfrüchte auf
die kleinen Zehen der Orangenbäume durchbohren wir bei Zimmertemperatur
in der Umgebung wachsen Schweine mit orangenen Blättern
Štěpánka Borská (1997 in Brünn) veröffentlichte Zeitschriftenbeiträge in Tvar, Hostinec, Weles und Psí víno. Sie nahm erfolgreich am Vladimír-Vokolek-Preis, dem Ortenova Kutná Hora-Festival und zweimal am František-Halas-Literaturwettbewerb teil. Sie studierte Bohemistik und Journalismus in Prag. Sie arbeitet in den Medien, ist Mitorganisatorin der regelmäßigen Autorenlesungen unter dem Namen Poezie & piano und betreibt einen Instagram-Account für Poesie namens poetickýmezichlebník.
Gedicht:
Ich beschränke die Kommunikation mit meiner Familie auf Pressemitteilungen.
Verlassene Fabrikhallen drücken auf den alten Beton.
Es ist stickig im Laubwald.
Das Verständnis verflüchtigt sich schnell.
Wie viel Gewalt können wir ertragen,
bis sich die Kanten verbiegen?
Das Völkerrecht zuckt
wie ein übersalzener Baum.
Sufian Massalema (*1999) wurde in Jablonec nad Nisou geboren. Neben seinem Studium widmet er sich dem Slam Poetry und dem Schreiben von Gedichten. Seine Texte wurden mit dem Vladimír-Vokolek-Literaturpreis und dem Václav-Hrabě-Literaturwettbewerb in Hořovice ausgezeichnet. Sein Debütgedichtband Možnosti přehlíženého (Möglichkeiten des Übersehenen) wurde für den Jiří-Orten-Preis nominiert. Einerseits schildert sein Werk die unwirtliche Sudetenlandschaft und sein eigenes Gefühl, dort nicht dazuzugehören, andererseits präsentiert es Bilder von einer Reise in das Land seiner Vorfahren. Die Sprache seiner Gedichte verbindet Standardtschechisch mit Elementen der Umgangssprache und des Arabischen und erweitert so den semantischen Raum des Textes. Er bewegt sich frei zwischen Epochen, Geografien und kulturellen Traditionen, ohne sich der Romantisierung hinzugeben.
Gedicht: Basra
Ein Hubschrauber über Basra
wie ein Deckenventilator
die Rotorfrequenz
zählt die Zeit bis zum Beginn
der Nachmittagsnachrichten herunter
wir veranstalten Wettbewerbe, um zu sehen,
wie viele Comics wir
in eine Bananenkiste stopfen können
Fischer, die in den Hafen treiben,
diskutieren über Tankerwracks
Worte lassen Raum für Interpretationen
der Kofferraum des Familien-Volvo war noch nie kleiner
Das Interview führte Annika Grützner.


