Eine grün leuchtende Straßenbahn, die nachts durch Prag fährt, Elche, die in den Statuensockeln auf der Karlsbrücke leben, Haie, die im Dunkeln im Himmel auf Jagd gehen: „Die andere Stadt“ ist eine wahre Wunderkammer skurriler Gestalten und Szenen. In diese Welt dringt der Protagonist ein, als er in einem Antiquariat ein seltsames Buch in fremder Sprache findet und fortan zwischen dem normalen und dem obskuren, geheimen Prag hin und her wandert.
Alles liest sich wie ein Traum, doch Ajvaz betonte, dass er seine Inspiration nicht aus seinen Träumen ziehe. Für ihn seien viel mehr reale Orte eine Quelle für seine Geschichten. Im Fall von „Die andere Stadt“ war das der verschneite Hügel hinter der Prager Burg, den er während eines ruhigen Spaziergangs erkundete. Die Cafés und Antiquariate des Prags der späten 80er-Jahre dienten ebenfalls als Vorlage. Viele Orte existieren heute nicht mehr, doch bei einigen Dingen habe er ein wenig die Zukunft vorhergesagt, erklärte Ajvaz schmunzelnd. Wo damals nur gelbe und orangene Straßenbahnen durch die Hauptstadt Tschechiens fuhren, sind es heute auch grüne. Und dann ist da noch dieses „kleine“ Detail der sich bewegenden Bilder in den Zeitungen. Wer denkt da noch an die magische Welt von Harry Potter?
Auf dem internationalen Buchmarkt hat Ajvaz viele Fans. Zwei Länder hebt er gerne hervor:
In den USA galt er lange als SciFi-Autor und wurde der Unterkategorie des „New Weird“ zugeordnet, einer literarischen Mischgattung aus SciFi, Horror und Romantik, die er sich unter anderem mit Edgar Allen Poe teilen durfte. In Japan liegt schnell der Vergleich zum magischen Erzählen und zu volkstümlichen Märchen nahe. Hier wurde „Die andere Stadt“ mit Anime- und Mangageschichten verglichen.
In der eigenen Sprache warnte Ajvaz dann noch vor der ersten Auflage, die leider einige Tippfehler habe. Das mag beim Lesen nicht stören, führte aber in einigen Übersetzungen zu Deutungsproblemen. So schlüpft eine Figur im Koreanischen nicht durch ein Loch, sondern durch Normen.
Seine Arbeit sieht Michal Ajvaz wie die eines Gärtners: Wie Blumen oder Gemüse müssen die Geschichten wachsen und gedeihen. Aus einem leeren Kopf entstehen Gedanken und Emotionen, aus denen wiederum Geschichten und Charaktere hervortreten. Sein neuestes Werk „Passagen unter Glas“ wird im März 2026 pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Allee Verlag erscheinen. Damit schließen sich für den Autor mehrere Kreise: Auf Deutsch liegt dann sein zuerst und sein aktuell zuletzt veröffentlichter Roman vor. Der Erscheinungstermin ist dabei sehr bewusst gewählt, denn wichtiger Handlungsort ist die Leipziger Buchmesse. Das Bild der vielen Cosplayer, die vor ein paar Jahren wie so viele andere Messebesucher*innen im März vom Schnee überrascht wurden, hat ihn inspiriert und er hat es in seine Geschichte aufgenommen: Im verschneiten Leipzig treffen seine Figuren hier auf durch den Winternebel stapfende japanische Dämonen.




