Tschechien

Frankfurter Buchmesse
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Woher nehmt ihr eure Inspiration?

Antonín Zhořec: Die Gedichte kommen von selbst zu mir, aber um sie festhalten und aufschreiben zu können, muss ich ruhig sein, nicht überfordert, ausreichend leer und offen, damit sie sich in mir festsetzen können. Ich habe das Gefühl, dass für mich beim Schreiben eher Ruhe oder Erholung als Inspiration entscheidend sind. Die Gedichte lassen sich anderswo inspirieren, sie lassen sich fast fertig in mir nieder. Vielleicht wachsen sie dann noch sprachlich nach, bekommen eine präzisere Form. Ansonsten habe ich aber den Eindruck, dass sie nicht direkt aus mir herauskommen und dass ich sie nicht von außen (mit Inspiration) nähre. Ich bin nur ihr Schreiber. Wenn ein Gedicht an mir vorbeizieht und ich frisch genug bin, um es wahrzunehmen, schreibe ich es auf.

Štěpánka Borská: Inspiration finde ich in der täglichen Beobachtung meiner Umgebung, in Gesprächen, meinen eigenen oder fremden Emotionen, in Ereignissen zu Hause und in der Welt, im Wald, in der Stadt oder in interessant klingenden Wörtern. Ich schreibe alles, was mich interessiert, in die Notizen meines Handys. Früher habe ich Notizbücher benutzt, aber irgendwann habe ich vergessen, sie überallhin mitzunehmen. 

(c) David Konecny

Sufian Massalema: In meinen Texten beschäftige ich mich oft mit Themen, die man als „allgemein“ bezeichnen könnte – Familiengeschichte, Kindheit oder meine Heimatstadt. Gleichzeitig integriere ich gerne traditionelle islamische Erzählungen und Ästhetik in meine Texte. Im tschechischen Kulturkontext können diese Elemente neue und unerwartete Bedeutungen erhalten. Ich experimentiere gerne damit, was funktioniert und was nicht. In meinem ersten Buch war ein zentrales Motiv meine Faszination für Orte oder Dinge, die sich nischig, seltsam oder irgendwie „nicht ganz richtig“ anfühlen. Ich habe versucht, sie zu vermenschlichen oder mich selbst in sie hineinzuversetzen, um meine eigene Position in der Welt zu finden. In meinem nächsten Buch möchte ich diese Idee wieder aufgreifen und weiterentwickeln. Allerdings möchte ich den Fokus auf menschliche Traditionen und die Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, verlagern – auch wenn sie unnatürlich oder seltsam sind – und untersuchen, wie wir sie nach und nach normalisiert haben.

Was bedeutet Poesie für euch?

Antonín Zhořec: In letzter Zeit bedeutet sie für mich vor allem die Angst, dass ich ihr nicht die ganze Fürsorge geben kann, die sie meiner Meinung nach verdient und die ich ihr schuldig bin. Die Angst macht mich unruhig, und dann habe ich nicht mehr genug Platz in mir, um sie aufzufangen, und drehe mich im Kreis. Aber ich glaube, dass ich einen Weg aus diesem Kreis finden werde, dass ich eine Geheimtür entdecken oder einen Deckel im Boden aufbrechen werde. Dann werde ich wieder frisch aufnehmen und aufschreiben können. Ich wollte schreiben, dass ich die Poesie wie einen Schmetterling in einem Netz fangen würde – aber genau so geht es nicht, Poesie muss frei herumfliegen können, und wenn sie es selbst will, wird sie zu mir fliegen und lange genug bleiben, damit ich sie zu Papier bringen kann.

Štěpánka Borská: Die Möglichkeit, mich verschlüsselt zu Themen zu äußern, mit denen ich selbst nicht zurechtkomme. Sei es zu meinen eigenen Gefühlen oder zu den Auswirkungen weltweiter und nationaler Ereignisse. Bis zu einem gewissen Grad kann das therapeutisch sein, aber es hat definitiv seine Grenzen. Ein Gedicht sollte nicht in Subjektivität abgleiten. Ich denke, dass ein guter Text auch daran zu erkennen ist, dass die Leser:innen ihn unterschiedlich interpretieren können. Gleichzeitig macht es mir Spaß, nach ungewöhnlichen Wortverbindungen zu suchen. Ich freue mich über die Flucht aus dem Alltag, wo die Gesetze des Alltäglichen nicht gelten.

Sufian Massalema: Das ist keine einfache Frage. Während ich darüber nachdachte, fiel mir eine aktuelle Ausgabe des tschechischen Literaturmagazins Tvar ein, in der tschechische Schriftsteller dasselbe gefragt wurden. Ihre Antworten ließen sich im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen: Entweder sei es unmöglich zu definieren, was Poesie ist oder was sie bedeutet, oder Poesie „sei einfach“, oft begleitet von einem witzigen Zitat, je nach Geschmack. Ich möchte mich lieber keiner dieser Kategorien zuordnen. Für mich ist Poesie eine Methode – ein Werkzeug, um zu beschreiben, wie ich die heutige Realität wahrnehme und wie ich sie interpretiere. Ich stelle mir unsere Welt gerne als eine Welt vor, in der das Übernatürliche real ist, in der die Realität vielschichtig und voller Geheimnisse ist, die sich nicht allein mit dem Verstand begreifen lassen. In diesem Moment ist Poesie die einzige Möglichkeit, darüber ausreichend zu sprechen und zu schreiben.

(c): Sabine Felber/Literaturtest

Habt ihr ein (literarisches) Vorbild? Was liest ihr gerne?

Antonín Zhořec: Ich lese Texte, die sich nicht scheuen, aus der Reihe zu tanzen, die leicht chaotisch, verdichtet und ungezügelt sind. Texte, die sich von der Alltäglichkeit abheben wollen, unter die Oberfläche gehen und sich subversiv mit der „Welt um uns herum“ auseinandersetzen, was auch immer das bedeuten mag. Ich mag es, wenn einem das Geschriebene im Hals stecken bleibt und einen fast erstickt.

Ich habe kein literarisches Vorbild, aber ich möchte einige Bücher nennen, die mich in den letzten Jahren beeindruckt haben (die mir im Hals stecken geblieben sind und mich fast erstickt haben – ich schreibe das mit Herzlichkeit und Respekt für sie).  Das jüngste Ersticken verursachte bei mir „Das Selbstmordmuseum einer Transfrau“ von Hannah Baer, eine grausame, durchsichtige, pathetische und zugleich unpathetische, herzzerreißende Lektüre. Gerne habe ich mich auch von „Blutbuch“ von Kim De l’Horizon ersticken lassen, das ärgert, sprachlich streicheln kann, die Welt zerbrechen und wieder zusammensetzen kann, ehrlich und tief klagen kann, Werte zerstören und neue aufbauen kann, aber vor allem umarmen kann, wenn man sich darauf einlässt. Es hilft, einen kleinen Platz in einer Welt zu finden, die selbst keinen Raum bietet. Dann gibt es noch „Teorie o čínské duši“ (Theorie über die chinesische Seele) von Carlos A. Aguilera, zu dem ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll, denn dieses Buch ist im besten Sinne des Wortes ein opiumartiger Trip. Und aus der tschechischen Literatur erstickt mich bis heute „Das Leiden des Fürsten Sternenhoch“ von Ladislav Klíma, das man am besten laut vorliest, während man mit seinem Partner im Bett liegt (so habe ich es praktisch ganz gelesen), wenn man einen ausreichend willigen und verrücktheitsliebenden Partner hat. Zu guter Letzt, um nichts zu vergessen, atme ich „Kobold“ von Radka Denemarková. Eine mitreißende Lektüre, die sprachlich begeistert. Es liest sich wie ein Schlangenbiss.

Štěpánka Borská: Ich verfolge aufmerksam Debüts und lese gerne zeitgenössische tschechische Dichter und Dichterinnen. Namentlich und nach dem Zufallsprinzip Vojtěch Štěpán, Anna Řezníčková, Jakub Racek, Thea Sedmidubská, Jaromíra Zálišová, Nela Bártová, Sufian Massalema, Tim Postovit, Zofia Bałdyga oder Autoren und Autorinnen, die ihre Bücher in der Gedichtreihe des Odeon-Verlags veröffentlicht haben. Ich habe auch eine Faszination für etablierte Autoren durchlaufen, zu denen beispielsweise Ivan Wernisch gehört. Ich kombiniere Poesie mit Prosa und sehr gerne mit literarischen Reportagen, insbesondere denen, die im slowakischen Verlag Absynt erschienen sind.

Sufian Massalema: In der Belletristik würde ich Orhan Pamuk als einen wichtigen Einfluss nennen. Ich strebe danach, über alltägliche Dinge und menschliche Geschichten mit derselben Tiefe und Sensibilität zu schreiben wie er. In der Poesie inspirieren mich die islamische Sufi-Dichtung und die Poesie aus der Mogul-Ära in Indien. Außerdem bewundere ich zutiefst das Werk von František Halas und Vladimír Holan. Viele meiner Freund:innen aus der Literaturwelt sind auch meine Vorbilder. In jedem von ihnen sehe ich Eigenschaften, die mir meiner Meinung nach fehlen, und ich versuche ständig, mich weiterzuentwickeln und zu verbessern, damit ich ihr Niveau erreichen kann.

Ihr alle lebt in Prag. Habt ihr dort einen Lieblingsort?

Antonín Zhořec: Mein liebster Ort in Prag ist eine Weide, die in der Nähe meines Wohnortes wächst. Ich nenne sie meine Weide, aber natürlich gehört sie mir nicht, ich besitze sie nicht. Sie ist meine Weide, so wie ich ihr Mensch bin (oder sein könnte). Ich besuche sie oft und beobachte, wie die Menschen ihr die Haare schneiden. Sie wächst nämlich über dem Bürgersteig, sodass sie jedes Mal, wenn sie normal großen Menschen beim Gehen im Weg ist, zurückgeschnitten wird. Ich bewundere ihre Frisuren. Ich berühre sie, und wenn sie gerade frisch geschnitten ist, muss ich springen, um sie zu erreichen. Wenn Sie sie auch sehen möchten, finden Sie sie hier. Bitte gehen Sie behutsam mit ihr um.

Von den Räumen, die man betreten kann, mag ich „Safe Space“ am liebsten, ein feministisches Unternehmen, das Ende dieses Jahres schließen wird und sicherlich noch ein wenig Liebe von den Menschen, die dort hingehen, gebrauchen könnte. Dort gibt es großartige vegane Gerichte und man kann sich auch mit Büchern satt essen.

Štěpánka Borská: In Prag mag ich das Viertel Žižkov, das seinen ganz eigenen Charme hat. Dazu tragen auch die zahlreichen Kneipen bei. Außerdem gefallen mir eher die unerforschten Teile der Metropole. Zum Beispiel die Notkolonie Slatiny, in der Jonáš Zbořil seine Prosa Flora angesiedelt hat.

Sufian Massalema: Obwohl ich kein eingefleischter Eisenbahnfan bin, ist mein Lieblingsort in Prag ein Platz oberhalb eines Eisenbahntunnels zwischen den Stadtteilen Vinohrady und Nusle im Stadtzentrum. Abends schaue ich gerne den Nachtzügen zu und frage mich, woher ihre Passagiere kommen und wohin sie fahren.


Antonín Zhořec (*2000) ist Community-Koordinator bei Amnesty International und Queer-Aktivist. Er studierte Hispanistik an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und studiert derzeit Gender Studies an der Fakultät für Humanwissenschaften der Karlsuniversität. Er schreibt Rezensionen für die Zeitschrift Revue Prostor und nimmt regelmäßig an Autor:innenlesungen teil. Seine Gedichte wurden unter anderem in Psí víno, der Kulturzeitschrift A2, der Wochenzeitschrift Tvar und in der Anthologie Toto je môj coming out (Adolescent, 2022) veröffentlicht. Im Jahr 2023 wurde er mit dem zweiten Platz des Literarischen Preises Vladimír Vokolka ausgezeichnet und erhielt eine lobende Erwähnung im Literarischen Wettbewerb Jiří Červenka. Im Frühjahr 2024 erschien sein Debüt-Gedichtband Rejpnu si do solární bouře (Ich steche in den Sonnensturm) im Verlag Adolescent.

Gedicht: Ich trage Organgenkerne aus einem brennenden Schwein

schlichte manuelle Arbeit geeignet für Schwermetallhandwerker
ein heulender Kopf zertrümmert die mit Orangensaft übergossene Bohrmaschine

als Rettungsmittel dient ein Fußhandschuh mit einer Verschlussklappe
in der Umgebung wachsen Orangenbäume mit orangenen Blättern

Schilder warnen vor häufigem Körperstellungswechsel in der Maschine
ein brennendes Schwein kriecht auf seinen Händen

den helmbewehrten Arbeitern droht das Polieren der Schweine mit Schwermetall
ins ausgebohrte Loch steckst du den kleinen Zeh des linken Fußes

die Geburtenrate der brennenden Schweine erhöht die Anzahl der Orangenbäume
die orangenen Blätter halten Zimmertemperatur

für die Überwachung sorgen verbrannten Grasbüschel nahe der angefeuchteten Zehe
das brennende Schwein hat sich erhoben

die zertrümmerte Bohrmaschine platzieren wir unter die Hände der Orangenbäume
die Schwermetallhandwerker essen die Kerne der Orangenfrüchte auf

die kleinen Zehen der Orangenbäume durchbohren wir bei Zimmertemperatur
in der Umgebung wachsen Schweine mit orangenen Blättern 



Štěpánka Borská (1997 in Brünn) veröffentlichte Zeitschriftenbeiträge in Tvar, Hostinec, Weles und Psí víno. Sie nahm erfolgreich am Vladimír-Vokolek-Preis, dem Ortenova Kutná Hora-Festival und zweimal am František-Halas-Literaturwettbewerb teil. Sie studierte Bohemistik und Journalismus in Prag. Sie arbeitet in den Medien, ist Mitorganisatorin der regelmäßigen Autorenlesungen unter dem Namen Poezie & piano und betreibt einen Instagram-Account für Poesie namens poetickýmezichlebník.

Gedicht:

Ich beschränke die Kommunikation mit meiner Familie auf Pressemitteilungen.

Verlassene Fabrikhallen drücken auf den alten Beton.

Es ist stickig im Laubwald.

Das Verständnis verflüchtigt sich schnell.

Wie viel Gewalt können wir ertragen,

bis sich die Kanten verbiegen?

Das Völkerrecht zuckt

wie ein übersalzener Baum.


Sufian Massalema (*1999) wurde in Jablonec nad Nisou geboren. Neben seinem Studium widmet er sich dem Slam Poetry und dem Schreiben von Gedichten. Seine Texte wurden mit dem Vladimír-Vokolek-Literaturpreis und dem Václav-Hrabě-Literaturwettbewerb in Hořovice ausgezeichnet. Sein Debütgedichtband Možnosti přehlíženého (Möglichkeiten des Übersehenen) wurde für den Jiří-Orten-Preis nominiert. Einerseits schildert sein Werk die unwirtliche Sudetenlandschaft und sein eigenes Gefühl, dort nicht dazuzugehören, andererseits präsentiert es Bilder von einer Reise in das Land seiner Vorfahren. Die Sprache seiner Gedichte verbindet Standardtschechisch mit Elementen der Umgangssprache und des Arabischen und erweitert so den semantischen Raum des Textes. Er bewegt sich frei zwischen Epochen, Geografien und kulturellen Traditionen, ohne sich der Romantisierung hinzugeben.

Gedicht: Basra

Ein Hubschrauber über Basra

wie ein Deckenventilator

die Rotorfrequenz

zählt die Zeit bis zum Beginn

der Nachmittagsnachrichten herunter

wir veranstalten Wettbewerbe, um zu sehen,

wie viele Comics wir

in eine Bananenkiste stopfen können

Fischer, die in den Hafen treiben,

diskutieren über Tankerwracks

Worte lassen Raum für Interpretationen

der Kofferraum des Familien-Volvo war noch nie kleiner

Das Interview führte Annika Grützner.

Dank der Förderung durch den Zukunftsfonds werden im Herbst in Frankfurt zum Beispiel die deutsche Übersetzung von Václav Havels Buch „Někam jsem to ukryl“ („Ich habe es irgendwo versteckt“) mit Aufzeichnungen aus dem Charta-Jahr 1977 vorgestellt oder der vollständige fünfte Band der deutsch-tschechischen Werkausgabe Vladimír Holans, die Gedichtsammlung „Na postupu“/„Auf dem Vormarsch“. In Hessen finden mit durch die Förderung unter anderem auch drei große Ausstellungen statt: „More is now! Neue tschechische Architektur“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main, eine Ausstellung der tschechischen Künstlerin Anna Hulačová in der Schirn Kunsthalle Frankfurt sowie die Ausstellung „Tschechisches Buchdesign und Illustration 1900–2025“ im Klingspor Museum Offenbach.

Im Rahmen der Sonderausschreibung „Der Weg zu uns“ hat der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds bereits 40 hervorragende deutsch-tschechische Projekte gefördert. Das Interesse ist so groß, dass den ursprünglich vorgesehenen Betrag von 7 Millionen CZK um weitere 3 Millionen auf insgesamt 10 Millionen CZK aufgestockt wurde. Da der Großteil der Mittel jedoch bereits ausgeschöpft ist, ist die Antragstellung nur noch bis zum 15. April 2026 möglich. 

Danach können weiterhin Anträge im Rahmen der regulären Förderung des Zukunftsfonds eingereicht werden. Mehr dazu auf der Website.

Antonín, was passiert, wenn man in einen Sonnensturm eintaucht?

Die Sonne wird schwächer, und man spürt Sonnenbrand unter der Haut und Glut unter den Füßen. Ein Blinder schreit: „Soleil, soleil“. Die schäbigen Sonnenstrahlen fallen auf den Boden. So würde, glaube ich, das Gedicht antworten, in dem sich der Titelvers der Sammlung befindet. Ein Sonnensturm ist ein ausgelassenes Treiben, und nichts lässt sich mit Sicherheit sagen; auf jeder Seite der Sammlung verläuft das Treiben anders und nicht immer angenehm.

Was bedeutet Poesie für Sie?

In letzter Zeit bedeutet sie für mich vor allem die Angst, dass ich ihr nicht all die Aufmerksamkeit schenken kann, die sie meiner Meinung nach verdient und die ich ihr schulde. Die Angst weckt Unruhe in mir, und dann habe ich in mir nicht mehr genug Platz, um sie einzufangen; ich drehe mich im Kreis. Ich glaube aber, dass ich einen Weg aus diesem Kreis finden werde, dass ich eine Geheimtür entdecken oder eine Luke in seinem Boden aufbrechen werde. Dann werde ich wieder frisch fangen und aufschreiben können. Ich wollte schreiben, dass ich die Poesie wie einen Schmetterling in einem Netz fangen würde – aber genau so geht es nicht, die Poesie muss frei umherfliegen, und wenn sie es selbst will, wird sie zu mir fliegen und lange genug bleiben, damit ich sie zu Papier bringen kann.

Ich finde, Surrealismus trifft den Kern Ihrer Gedichte. Ist diese Strömung etwas, in der Sie sich wiederfinden? Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?

Die Gedichte kommen von selbst zu mir, daher ist die Frage vielleicht treffender, was sie dazu bewegt, zu kommen, und warum gerade diese Gedichte zu mir kommen. Oft schreibe ich die wichtigsten Verse kurz vor dem Einschlafen oder kurz vor dem Aufwachen auf; darin ähnelt der Schreibprozess zweifellos dem Surrealismus. Die wesentlichsten Teile kommen aus den Randbereichen der Träume. Wenn ich mich an die Vorstellung von Inspiration halten soll, ist meine Hauptinspiration die Entfernung vom Wachzustand.

Ich habe das Gefühl, dass für mich beim Schreiben eher Ruhe oder Erholung entscheidend sind als Inspiration. Die Gedichte lassen sich anderswo inspirieren, in mir setzen sie sich schon fast fertig. Vielleicht wachsen sie dann noch sprachlich heran, erhalten eine präzisere Form. Ansonsten habe ich aber den Eindruck, dass sie nicht direkt aus mir heraus entstehen und dass ich ihnen keine Nahrung von außen (Inspiration) zuführe. Ich bin nur ihr Schreiber. Wenn ein Gedicht an mir vorbeizieht und ich frisch genug bin, um es wahrzunehmen, halte ich es fest.

Haben Sie ein literarisches Vorbild? Was lesen Sie gerne?

Ich lese Texte, die sich nicht scheuen, aus der Reihe zu tanzen, die leicht chaotisch, verdichtet und ungezügelt sind. Solche Texte, die der Alltäglichkeit entfliehen wollen, unter die Oberfläche greifen und subversiv mit der „Welt um uns herum“ umgehen, was auch immer das bedeuten mag. Ich mag es, wenn einem das Schreiben im Hals stecken bleibt und einen fast erstickt.

Ich habe kein literarisches Vorbild, aber ich möchte einige Bücher vorstellen, die mich in den letzten Jahren tief bewegt haben (diejenigen, die mir im Hals stecken blieben und mich fast erstickten – das schreibe ich mit Herzlichkeit und Respekt ihnen gegenüber). Das jüngste Erstickungsgefühl verursachte mir „Das Selbstmordmuseum eines Transmädchens“ von Hannah Baer, eine grausame, kristallklare, pathetisch und unpathetisch herzzerreißende Lektüre. Auch habe ich mich gerne von „Blutbuch“ von Kim De l’Horizon ersticken lassen, das provoziert, sprachlich streicheln kann, die Welt zerschmettert und wieder zusammensetzt, aufrichtig und tief klagt, Werte zerbricht und neue aufbaut, aber vor allem umarmt, wenn man sich darauf einlässt. Es hilft dabei, sich ein winziges Plätzchen in einer Welt zu finden, die an sich keinen Raum bietet. Dann ist da noch „Die Theorie der chinesischen Seele“ von Carlos A. Aguilera, zu der ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll – dieses Buch ist ein opiumartiger Rausch, im besten Sinne des Wortes. Und aus der tschechischen Literatur erstickt mich bis heute „Das Leiden des Prinzen Sternenhoch“ von Ladislav Klíma, das man am besten laut vorliest, während man sich mit seinem Partner im Bett einkuschelt (so habe ich es praktisch gelesen), sofern man einen ausreichend willigen und die Verrücktheit liebenden Partner hat. Und schließlich, um nichts zu vergessen, atme ich gerade „Der Kobold“ von Radka Denemarková ein. Ein lebhaftes Leseerlebnis, sprachlich mitreißend. Es liest sich wie ein Schlangenbiss, den man durchlebt.

In dem Gedichtband taucht das Motiv der Körperlichkeit auf. Ist die Körperlichkeit für Sie ein wichtiger Aspekt dieses Bandes oder eher nur ein Motiv unter vielen? Und wenn Sie über den Körper und körperliche Erfahrungen schreiben, hat das für Sie auch etwas Befreiendes?

Körperlichkeit! Die ist für mich in diesem Band absolut entscheidend, zumindest im Rückblick. Als ich sie schrieb, habe ich nicht darüber nachgedacht, aber wenn ich mir jetzt dieselbe Sammlung vorstellen müsste, aus der die Körperlichkeit (und all ihre Formen) herausgenommen wäre, scheint es mir, als bliebe davon nur ein kurzer, wortkarger Zettel mit ein paar aufgeklebten Tigerhaaren übrig.

Eher als befreiend würde ich es als unvermeidlich bezeichnen, was das Schreiben über Körperlichkeit angeht. Oder durch Körperlichkeit. Oder wegen der Körperlichkeit. Vor allem wohl durch Körperlichkeit – ich erlebe das Schreiben sehr körperlich, ich spüre oft, wie es sich in meinem Körper festsetzt; es kommt vor, dass ich nicht einschlafen kann, weil ich ein Gedicht in mir spüre. Ich habe keine Wahl, ich muss in solchen Momenten schreiben und den Text in eine angemessen vollendete Form bringen, damit er mir – diesmal mehr auf dem Papier als im Körper – Ruhe gewährt. Alle meine Gedichte kommen von außen und gelangen über den Körper auf das Papier, sodass sich der Körper in ihnen festsetzt (genauso wie die Gedichte im Körper). In manche schreibt er sich stärker ein, in manche weniger, aber ich glaube, dass er letztendlich in jedem Gedicht vorhanden ist.

Als ich Ihre Sammlung durchblätterte, fiel mir auf, wie oft darin das Motiv des Tigers vorkommt. Mir kam sofort der Tiger von Tracy (William Saroyan) in den Sinn, der für die Hauptfigur eher ein symbolischer Begleiter ist. Wie ist Ihr Tiger? Was verkörpert er in Ihrer Sammlung?

Der Tiger ist ein mächtiger, lebhafter, vielzehiger, langkralliger Albtraum (aber nicht nur das!). Der Tiger ist ein tiefes Erleben verschiedener Art. Das kann ich erst mit deutlichem Abstand zum Schreiben der Sammlung sagen; lange Zeit konnte ich Fragen zum Tiger nicht beantworten, obwohl sie als Erstes aufkommen, wenn mich Leute nach der Sammlung fragen. Eine Zeit lang habe ich vor Interviews sogar darum gebeten, dass mich die Interviewer nicht nach der Symbolik/Bedeutung des Tigers fragen, weil ich wahrscheinlich eine peinliche Stille verursacht hätte oder mit einer knappen Antwort gekommen wäre, die überhaupt nicht dem entspricht, was der Tiger alles bedeutet. Jetzt kann ich es einfach auf ein tiefes Erleben zusammenfassen. Das Wesen des Tigers ist auch der Grund, warum der Tiger so unbeständig und wandelbar ist – tiefes Erleben ist unbeständig und vielfältig.

In Ihrer Sammlung arbeiten Sie neben dem Tschechischen auch mit anderen Sprachen; an der Karlsuniversität haben Sie Hispanistik studiert. Schreiben Sie auch in anderen Sprachen?

Rein in anderen Sprachen schreibe ich nicht, in meiner Muttersprache fühle ich mich am sichersten. In anderen Sprachen vertraue ich eher der Übersetzung als mir selbst. Es gibt jedoch bestimmte Wortverbindungen, Bezeichnungen und Beschreibungen, die das Tschechische auf Anhieb nicht so gut wiedergeben kann, oder deren Klang für das, was ich benenne, unzureichend ist und eine andere Sprache eine elegantere Lösung bietet; dann habe ich nichts gegen Fremdsprachigkeit, wenn sie in das Gedicht passt. Es darf jedoch kein allumfassendes tschechisches Äquivalent geben. Wenn es eines gibt (und ich es bemerke), wähle ich lieber dieses. In meinem ersten Gedichtband war ich offen für alle sprachlichen Ausdrucksformen, die sich in meine Texte einbringen lassen; in dem geplanten zweiten Band habe ich mich bewusst auf das grundlegende Tschechische und ergänzendes Spanisch beschränkt. Die Gedichte des zweiten Bandes sind in gewisser Weise kompakter und benötigen daher auch eine kompaktere Sprache.

Sie sind in der LGBTQIA+-Community aktiv. Wie spiegelt sich diese Erfahrung in Ihrem Schaffen wider? Kann sie ein Mittel bei der Suche nach der eigenen Identität sein?

Ich spüre in mir keine eindeutigen Identitäten; ich bezeichne meine Anteile nur dann mit identitären Kategorien, wenn es für das zwischenmenschliche Verständnis notwendig ist, also außerhalb meiner selbst. In mir selbst spüre ich keine klar abgegrenzten Identitäten / kein identitäres Erleben; oft bezeichne ich meine Anteile sogar so, wie es mir gerade passt, wenn ich mich in einem Kreis von Menschen befinde, die darüber schmunzeln können und mich verstehen. Aber ich schreibe sicherlich genauso queer, wie ich selbst queer bin, im nicht-identitären Sinne des Wortes. Zum Beispiel empfinde ich den Verfall von Körpern, das Verschmelzen von Körpern, die Verwandlung von Körpern als ein fließendes Element, ebenso wie das Erfassen von Emotionen durch Animalität.

Was also die Suche nach meiner Identität angeht, ist das Schreiben für mich nicht das Mittel dazu. Was andere Menschen betrifft, kann ich keine Antwort geben, aber ich würde mir wünschen, dass meine Poesie, sollte sie denn ein solches Mittel sein, eher ein Mittel zum freudvollen Erleben des eigenen Seins in seinen subversivsten, ursprünglichsten Formen wäre.

Sie haben auch an der gestalterischen Gestaltung des Gedichtbands mitgewirkt. Was kam zuerst – die Gedichte oder die Illustrationen? Oder umgekehrt? Oder beides parallel? Was gab die Richtung vor?

Zuerst kamen die Gedichte, und alle hatten bereits ihre endgültige, sprachlich überarbeitete Form, als ich mit den Illustrationen begann. Ich wollte, dass die Illustrationen die Sammlung nicht nur begleiten, sondern vielmehr erweitern, den Tigern weitere Formen und Ebenen verleihen. Das ist mir, glaube ich, erst bei der Gestaltung der Malvorlagen gelungen.

In die Sammlung sind Malbücher eingebettet. Ist das eine Möglichkeit, sie interaktiver zu gestalten? Wie lässt sich die Passivität der Leserschaft durchbrechen? Oder gibt es einen ganz anderen Grund?

Ich glaube, ohne die Malvorlagen wäre die Sammlung unvollständig; die Malvorlagen sind ein Teil von ihr, genauso wie sie ein Teil der Malvorlagen ist. Ich betrachte keinen der beiden Teile als Ergänzung zum anderen. Die Sammlung ohne die Malvorlagen mag zwar bestehen, ist aber nicht vollständig. Nicht nur ich darf mich über den Sonnensturm lustig machen, wenn das Spott- und Sticheleien zu etwas gut sein sollen.

Sie sind kürzlich bei einer Literaturveranstaltung in Berlin aufgetreten. Wie war es? Welche Reaktionen des Publikums und welche Eindrücke nehmen Sie mit? War das Ihre erste Literaturveranstaltung im Ausland?

Die Lesung in Berlin war sehr angenehm! Ich habe zusammen mit drei jungen Dichtern und Dichterinnen gelesen, die ich kenne, sodass wir uns nicht nur auf der Bühne, sondern auch außerhalb gut verstanden haben. Ich schätze die Reaktionen des Publikums sehr, sie waren durchweg freundlich. Ich erinnere mich, dass das Publikum das Wort „außerweltlich“ schätzte, das ich in Bezug auf meine Gedichte verwendet habe. Ich musste etwas Bestimmtes sagen und fand in meinem üblichen Wortschatz keinen passenden Ausdruck; dieses Wort war meine letzte Rettung vor Fülllauten. Das mache ich eigentlich meistens so, dass ich mir Wörter ausdenke. Anfangs schämte ich mich, wenn ich (und das passiert mir oft) die Tatsachen nicht mit passenden, bereits existierenden Wörtern benennen konnte, besonders aus der Position eines Dichters heraus. Jetzt wehre ich mich aber nicht mehr, wenn ein Wort, das ich mir ausgedacht habe, aus mir herauskommen will. Nicht immer merke ich auch rechtzeitig, dass es erfunden ist, dann gibt es gar keine Möglichkeit, es zurückzuhalten. Das ist mein stärkstes Berliner Erlebnis: die Rückmeldung, dass es den Leuten diese provisorische Benennung nichts ausmacht, dass sie sie sogar zu schätzen wissen. Solche sprachlichen Spielereien mache ich auch in meinen Gedichten, daher beziehe ich diese Rückmeldung auch auf sie, obwohl sie wohl nicht so weit gedacht war. Und ja, die Lesung in Berlin war meine erste literarische Veranstaltung im Ausland, ich bin wirklich dankbar für diese Gelegenheit.

Letzte Woche sind Sie bei einem Literaturabend aufgetreten, der Teil der tschechischen Beteiligung an der Leipziger Buchmesse war – das ist eine große Sache. Was glauben Sie, warum gerade Ihr Text Aufmerksamkeit erregt hat?

Ich würde vermuten, dass er durch seine Zügellosigkeit aufgefallen sein könnte. Er breitet sich in alle Richtungen aus und weicht von keinem der eingeschlagenen Wege ab, auch wenn der Weg etwa zu einem markanten Bild des Ekelhaften, des Pathetischen, zu einem schwer fassbaren Wirrwarr halbgedachter Wörter oder zu fieberhafter Leidenschaft führt. Gleichzeitig gelingt es ihm, in seiner Zügellosigkeit zusammenzuhalten, denn er wird fest von einem Tiger, Feuer und der Farbe Gelb umklammert.


Foto: Sabine Felber, Literaturtest
Das Gespräch mit dem Autor Antonín Zhořec führten Karolína Tomečková und Annika Grützner.

Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?

Als Mensch der Sprache sage ich natürlich: Ich kann in allen Sprachen prinzipiell alles ausdrücken, was ich ausdrücken möchte. Nur die Mittel unterscheiden sich jeweils. Scheinbar bedeutungsgleiche Ausdrücke haben dann eben doch etwas andere Nuancen. Oder ich muss für etwas, das ich in der einen Sprache mit einem kurzen Wort ausdrücken kann, in der anderen Sprache zu einer eher weitschweifigen Phrase greifen.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Nein. Und wenn es doch passiert, dann habe ich wohl etwas falsch gemacht. Oder – was nicht weniger schlimm ist – etwas falsch verstanden.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

Ich übersetze Texte. Die bestehen erst einmal aus „Wörtern“, aber das fokussiert auf die Oberfläche. Denn Wörter haben – oder bekommen – Bedeutungen, und natürlich entstehen durch die Rezeption des Texts beim Publikum auch Bilder. Im Idealfall schaffe ich es, alle Bedeutungsnuancen in die Zielsprache zu transportieren, aber generell ist mein Ziel, dass beim Lesen des deutschen Textes möglichst dieselben oder zumindest sehr ähnliche Bilder entstehen, damit ähnliche Gefühle ausgelöst werden. Kurz gesagt: Ich kann einen der drei Aspekte nicht ohne die anderen übersetzen.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen? Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?

Humor ist generell schwer zu übersetzen. Denn er beruht oft auf Anspielungen und Missverständnissen. Bezugspunkt dafür ist nicht selten ein regional geprägtes Phänomen (bekannte Personen aus Vergangenheit und Gegenwart, historische Ereignisse, Pop- und Alltagskultur), das im Kontext der Zielsprache völlig unbekannt ist. Damit ist dem Witz die Grundlage entzogen – und ich habe eine Kopfnuss zu knacken.

Oder das Ganze beruht auf einem sprachlichen Lapsus, das ist dann höchst problematisch. Denn wenn ich in einem Text, der im tschechischen Kontext spielen, mit einem aus der deutschen Sprache entlehnten Lapsus ankomme, ergibt sich da eine Schieflage. (Ich kann allerdings nicht ausschließen, dass ich es dennoch schon einmal getan habe.)

Über inhaltliche und/oder stilistische Aspekte möchte ich hier nicht sprechen, denn damit lande ich sofort in klischeebelasteten Bereichen. Klischees – insbesondere diejenigen, derer sich die Kulturen der Ausgangs-und Zielsprache übereinander befleißigen – sind beim Übersetzen zwar nicht irrelevant (eher im Gegenteil, man sollte sie kennen), aber als Kategorien eignen sie sich nicht.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Die Kompaktheit. Die Zeichenzahl eines aus dem Tschechischen (oder Slowakischen) ins Deutsche übersetzten Textes kann um 25 bis 30 Prozent höher liegen. Slawische Sprachen funktionieren ja im Prinzip wie Latein – Bezüge zwischen den Satzbausteinen werden durch Endungen klar gemacht. Damit gibt es im Tschechischen zudem viel größere Freiheit bei der Wortfolge.

Außerdem vermisse ich im Deutschen die Möglichkeit, die korrekte Aussprache eines Wortes eindeutig zu notieren.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Die deutsche Sprache ist mein Werkzeug. Ich muss also zusehen, es immer schön zu pflegen und einsatzbereit zu halten. Sprich: Ich lese – abgesehen von tschechischen und slowakischen Büchern – vor allem auf Deutsch geschriebene Literatur. Aber genauso wichtig ist es, ins Deutsche übersetzte Werke zu lesen. Sowohl Schriftsteller·innen als auch Übersetzer*innen sind ja die Autor*innen ihrer deutschsprachigen Texte und damit wichtige Inspirationsquelle für mich.

Was sind deine Lieblingsworte auf Deutsch und auf Tschechisch?

Ich habe ein Faible für expressive Begriffe. Auf Deutsch bin ich ein großer Fan des sächsischen Multifunktions-Stöhners „Ooohr näääj!“, der einen sehr hohen Grad der Missbilligung ausdrückt. Leider kann man die akustischen Qualitäten nicht vollumfänglich aufs Papier bringen. (Siehe auch meine Bemerkung dazu weiter oben.) Und natürlich wird diese Ausruf auch von einem entsprechend gezogenen Flunsch begleitet.

Auf Tschechisch gibt es sehr viele Begriffe mit deutschsprachigen Wurzeln, die auch gern mal einen expressiven Anstrich haben. Mein Favorit ist da „rambajs“, der Ausdruck für ohrenbetäubenden Lärm in Anwesenheit sich chaotisch benehmender Menschen (gern auch in größeren Mengen). Prototypisch stelle ich mir eine Szene aus der alemannischen Fastnacht vor: disharmonisch bediente (Blech-)Blasinstrumente plus Schlagwerk in Kombination mit bizarren Kostümen und lautem Herumgeschreie.

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

Aktuell läuft das Lektorat an Marek Tomans Roman České sklo, der demnächst im Verlag Drava als Böhmisches Glas erscheinen wird.

Parallel dazu sitze ich am Projekt MYKO, einer Art Graphic Novel, die beim Hamburger Verlag Ankerwechsel erscheinen wird. Prämisse ist: „Pilze berichten für Pilze über Pilze“, und zwar in Form der Zeitschrift MYKO, von der ein Jahrgang – zehn knallbunte Hefte (Illustrationen von Daniela Olejníková), inklusive zwei Doppelhefte – zu einem Sammelband zusammengefasst sind. Es gibt Wissenswertes über die Welt der Pilze, Geschichtliches, Mykomythologisches, aber auch Gedichte (die Texte stammen von Jiří Dvořák). Ein Riesenspaß, aber auch eine hohe Dichte von Kopfnüssen, die ich knacken muss.

Und als dann werde ich auch mal wieder in ein slowakisches Projekt einsteigen: Arpád Soltész hat in seinem Roman Sviňa (Dreckschwein) den Fall des Mords an dem Investigativjournalisten Ján Kuciak und seiner Lebensgefährtin Martina Kušnírová im Februar 2018 samt der politischen Gemengelage und dem mafiösen Filz in der Slowakei (unter der Regierung Robert Fico) aufgegriffen und das Ganze zu einem drastischen Hard-boiled Hardcore-Text verarbeitet. Der Berliner Verlag Voland & Quist veröffentlicht das Buch, um einen Fokus auf diese leider wieder und noch immer aktuellen Themen zu richten.


Foto: Pavel Němec
Das Interview führte Annika Grützner.

Petra Dvořáková präsentierte auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse bereits zum zweiten Mal ihren Roman „Die Krähen“ (Anthea Verlag, übersetzt von Hana Hadas). An das Thema persönlicher und familiärer Traumata knüpft Jiří Hájíček mit dem Roman „370m über NN“ (Karl Rauch Verlag, übersetzt von Kristina Kallert) an, in dem die Protagonistin nach Jahren in die überflutete Landschaft ihrer Kindheit zurückkehrt, um nicht nur den Verlust ihres Zuhauses zu verarbeiten, sondern auch das Ereignis, das einst ihre Familie entzweite. Moderiert wurden die Veranstaltungen von Christina Frankenberg und Maximilian Mengeringhaus, übersetzt haben Nella Nitrová und Rico Schote.

Am nationalen Stand folgte eine Diskussion zwischen Michal Ajvaz und Lukáš Cabala, die von Stefanie Bose moderiert und von Rico Schote gedolmetscht wurde. Ajvaz sprach dabei über seinen Roman „Passagen unter Glas“ (Anthea Verlag, Übersetzung: Veronika Siska), Cabala stellte den Roman „Denkst du noch an Trenčín?“ (Anthea Verlag, Übersetzung: Stefanie Bose) vor, eine poetische Hommage an seine Heimatstadt, in der sich Trenčín in einen Raum verwandelt, in dem Erinnerungen, Fantasien und unerwartete menschliche Geschichten miteinander verschmelzen.

Am Abend begaben wir uns in die eindrucksvolle Schaubühne Lindenfels, wo Barbara Šalamounová gemeinsam mit Professor Volker Schlecht an die tschechisch-deutschen künstlerischen Verbindungen ihrer Eltern, Jiří Šalamoun und Eva Natus-Šalamoun, erinnerte. Die Veranstaltung war eine Hommage an zwei herausragende Persönlichkeiten der Buchillustration und Grafik, deren Schaffen und Berufsleben eng mit dem tschechischen und deutschen Umfeld verbunden waren.

Ebenfalls in der Schaubühne Lindenfels fand auch der Abend „Körper, Worte, Saunen“ statt, den Marek Torčík mit der Vorstellung seines Romans „Was die Zeit nicht nimmt“ (Anthea Verlag, Übersetzung: Mirko Kraetsch) eröffnete, einem der markantesten tschechischen Debüts der letzten Jahre. Moderiert wurde die Veranstaltung von Libuše Černá, Auszüge las Stephan Wolf-Schönburg vor.

Auf Marek Torčík folgten Marita Kelbl mit dem Buch „Weder Junge noch Mädchen“ (Anthea Verlag, Übersetzung: Barbora Schnelle) , Iryna Zahladko mit dem Titel „Wie sich in Krankheit schminken“ und Antonín Zhořec mit dem Gedichtband „Ich piekse den Sonnensturm“. Die Diskussion moderierte Daniel Schmidt, Leseproben trug Laura Richter vor.

Den Abschluss des Abends bildeten Vratislav Maňák mit seinem Buch „Mit Wittgenstein in der Schwulensauna“ (Karl Rauch Verlag, Übersetzung: Lena Dorn). Moderiert wurde die Veranstaltung von Martin Krafl, Auszüge las Stephan Wolf-Schönburg vor.

Fotos: Sabine Felber/Literaturtest

Danuše Siering und Ondřej Cikán (Ketos Verlag) diskutierten darüber, wie man Schätze der tschechischen Literatur für ein deutschsprachiges Publikum aufspüren und präsentieren kann. Am Stand wurde zudem die deutsche Übersetzung des Romans „Letnice“ (Pfingsten) von Miroslav Hlaučo vorgestellt (Anthea Verlag, Übersetzung: Raija Hauck). Die Veranstaltung wurde von Mirko Schwanitz moderiert, das Dolmetschen übernahm Nella Nitrová.

Am tschechischen Nationalstand wurden zwei Bücher vorgestellt: Zunächst präsentierte Petr Hanel seinen Roman „Du weißt nen Scheiß über Sterne“ (Anthea Verlag, übersetzt von Hana Hadas), eine schonungslose Geschichte über das Erwachsenwerden, Männlichkeit und die Suche nach sich selbst im Zeitalter des Internets. Anschließend knüpfte Marie Iljašenko mit ihrem Gedichtband „Menschen hören überhaupt nur sehr wenig“ an (Anthea Verlag, übersetzt vom Julia Miesenböck), der den städtischen Raum einfängt, der sowohl von Menschen als auch von Tieren bewohnt wird. Die Diskussion moderierte Ruben Höppner, die Übersetzung übernahmen Nella Nitrová und Michala Čičváková.

In den eindrucksvollen Räumlichkeiten der Leipziger Passagen im Mädler Art Forum präsentierten sich Petra Dvořáková und Michal Ajvaz. Petra Dvořáková stellte dort „Die Krähen“ vor (Anthea Verlag, übersetzt von Hana Hadas), eine eindringliche Novelle über das Erwachsenwerden, schmerzhafte Familienbeziehungen und das Unverständnis zwischen den Generationen. Den Abend moderierte Christina Frankenberg, aus dem Buch las Steffi Böttger. Michal Ajvaz sprach anschließend über seinen Roman „Passagen unter Glas“ (Allee Verlag, übersetzt von Veronika Siska), dessen Handlung sich gerade in den Leipziger Passagen zu einer vielschichtigen, fantasievollen Erzählung entfaltet. Die Diskussion moderierte Maximilian Mengeringhaus, die Lesung übernahm ebenfalls Steffi Böttger.

Fotos: Sabine Felber/Literaturtest

Wir freuen uns, dass Tschechien Teil der diesjährigen Leipziger Buchmesse war, die in diesem Jahr eine Rekordzahl von 313.000 Besucherinnen und Besuchern verzeichnete und erneut ihre wichtige Rolle in der europäischen Literaturszene unter Beweis stellte. Vom 19. bis 22. März bot die Messe mehr als 3.000 Veranstaltungen an über 300 Orten in ganz Leipzig sowie Begegnungen mit 2.044 Ausstellerinnen und Ausstellern aus 54 Ländern. Die tschechische Teilnahme war somit Teil einer außergewöhnlich starken Ausgabe, die zeigte, wie lebendig und inspirierend die heutige Buchwelt ist.

An der feierlichen Eröffnung des tschechischen Nationalstandes nahmen die Messedirektorin Astrid Böhmisch, der Botschafter der Tschechischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland, Jiří Čistecký, der Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek, Tomáš Kubíček, der Direktor des Tschechischen Literaturzentrums, Martin Krafl, die Leiterin der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig, Gabriele Goldfuss, sowie der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos, teil.

Markéta Pilátová stellte auf der Messe ihr Buch „Bába Bedla“ vor, das kürzlich auch auf Deutsch unter dem Titel „Die Maronenmatrone“ im Drava Verlag in einer Übersetzung von Mirko Kraetsch erschienen ist. An dem Buch wirkte auch die Illustratorin Martina Trchová mit. Miroslav Hlaučo stellte seinen Debütroman „Letnice“ vor, der in Tschechien gleich zweimal mit dem Magnesia Litera-Preis ausgezeichnet wurde. Das Buch, das dem magischen Realismus zugeordnet wird, ist jetzt auf Deutsch unter dem Titel „Pfingsten“ im Anthea Verlag erschienen, übersetzt wurde es von Raija Hauck. Weitere Auslandsausgaben sind in Vorbereitung. Die Gespräche moderierte Mirko Schwanitz, das Dolmetschen übernahm Bianca Lipanská.

An der Pressekonferenz nahmen der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos, der Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek und Direktor von Czechia 2026, Tomáš Kubíček, der Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor von Czechia 2026, Martin Krafl, der Leiter des Film Industry Office des KVIFF, Hugo Rosák, die Schriftstellerin Markéta Pilátová und der Schriftsteller Miroslav Hlaučo teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Annika Grützner (Literaturtest), das Dolmetschen übernahm Bianca Lipanská.

Fotos: Sabine Felber, Literaturtest

Der Abend „AHOJ MONTAG“ lockte 90 Besucherinnen und Besucher ins Haus des Buches und bot eine tolle, herzliche Atmosphäre. Durch das Programm führte Tino Dallmann, Auszüge aus dem Buch las die Schauspielerin Steffi Böttger vor, die Übersetzung übernahm Nella Nitrová. Unser Dank gilt der Generalkonsulin der Tschechischen Republik in Sachsen, Ivona Valhová, und dem Direktor des Literarischen Hauses in Leipzig, Thorsten Ahrend.

Fotos: Carmen Laux

Seit dem 19. März 2026 können Verlage und Literaturagenturen aus Mittel- und Osteuropa, die Filmrechte besitzen, Titel mit hohem filmischem Potenzial für das Projekt „Book-to-Screen at KVIFF“ einreichen. In Ausnahmefällen können auch Einrichtungen mit Sitz außerhalb dieser Region berücksichtigt werden, sofern sie ein Buch einer Autorin oder eines Autors aus einem dieser Länder einreichen.

Aus den eingegangenen Bewerbungen wählt eine internationale Jury, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der organisierenden Organisationen, anschließend 5–10 Werke aus. Diese werden am 7. Juli 2026 während der Industry Days auf dem diesjährigen Internationalen Filmfestival Karlovy Vary einheimischen und ausländischen Produzentinnen und Produzenten vorgestellt. Neben den Buchpräsentationen wird das Programm auch eine Podiumsdiskussion zum Thema Verfilmungen sowie ein Networking-Treffen für alle Teilnehmer*innen umfassen.

Die Anmeldefrist für Bücher endet am 30. April 2026; das Anmeldeformular und alle Teilnahmebedingungen finden Sie hier.

Die organisierenden Einrichtungen ließen sich bei der Gründung von „Book-to-Screen at KVIFF“ von dem ähnlichen Projekt „Books at Berlinale“ inspirieren, das bereits seit 2006 erfolgreich vom Berlinale Co-Production Market und der Frankfurter Buchmesse veranstaltet wird.

„Die PPF-Stiftung wurde 2019 gegründet, um tschechischen Talenten dabei zu helfen, Wege in die Welt zu finden und zu erschließen. Vor drei Jahren waren wir an der Gründung der Programmreihe CEE Book Market auf dem Literaturfestival Book World Prague beteiligt, die heute eine unersetzliche Rolle im internationalen Handel mit Werken tschechischer Autor*innen spielt. Gleichzeitig haben wir die Teilnahme der Tschechischen Republik an der Frankfurter Buchmesse unterstützt, die wir als einzigartige Gelegenheit betrachten, tschechische Literatur und Kultur allgemein einem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren. Und da wir davon überzeugt sind, dass es sinnvoll ist, Synergien zwischen den Projekten, an denen die PPF-Stiftung beteiligt ist, zu schaffen und zu fördern und sich gleichzeitig von bewährten Praktiken aus dem Ausland inspirieren zu lassen (in diesem Fall durch die Zusammenarbeit der Berlinale und der Frankfurter Buchmesse), haben wir auch die neue Initiative des Internationalen Filmfestival Karlovy Vary unterstützt, die sich mit Film- und Fernsehadaptionen literarischer Werke befasst. Ich freue mich, dass wir alle in dieser Zusammenarbeit das Potenzial für neue Möglichkeiten und den Nutzen für die tschechische und mitteleuropäische Kultur sehen“, beschreibt Jana Tomas Sedláčková, Vorstandsmitglied der PPF-Stiftung, die Entstehung des Programms „Book-to-Screen at KVIFF“.

Industry Days KVIFF_ilustrační foto_foto_Film Servis Festival Karlovy Vary

„Literatur ist eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Kino, Fernsehen und Streaming-Plattformen. Mit dem Projekt „Book-to-Screen“ beim KVIFF schaffen wir einen weiteren Treffpunkt für Verlage, Agenturen und Filmemacher*innen, an dem sie neue Geschichten für Film- und Serienadaptionen entdecken können. Gleichzeitig wollen wir literarische Stimmen aus Mittel- und Osteuropa sichtbar machen und ihnen Raum im internationalen Filmkontext bieten. Gemeinsam mit unseren Partnern freuen wir uns darauf, den Dialog zwischen der Buch- und der Filmindustrie in Karlovy Vary weiter zu vertiefen“, sagt Juergen Boos, Leiter der Frankfurter Buchmesse.

„Wir freuen uns, an der Entstehung dieses Projekts beteiligt zu sein, das dank aller beteiligten Organisationen und der Unterstützung der PPF-Stiftung die Chance hat, zur bedeutendsten Veranstaltung ihrer Art in unserer Region zu werden. Es ist uns damit gelungen, die Buch- und Filmindustrie miteinander zu verbinden und so nicht nur tschechischen Autorinnen und Autoren neue Wege ins Ausland und über den literarischen Bereich hinaus zu eröffnen“, betont Tomáš Kubíček, Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek in Brünn, die den Ehrengastauftritt Tschechiens auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vorbereitet.

„Dank des neuen Projekts „Book-to-Screen at KVIFF“ erhalten Filmproduzent*innen eine weitere Gelegenheit, neue Geschichten zu entdecken, Rechte an sorgfältig ausgewählten Titeln zu erwerben und Beziehungen zu Verlagen und Literaturagenturen aus der gesamten Region Mittel- und Osteuropas aufzubauen. Eine solche Zusammenarbeit macht für uns Sinn und ergänzt die Mission unserer Film Industry-Sektion hervorragend“, sagt Kryštof Mucha, Geschäftsführer des Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary.

Book-to-Screen beim KVIFF – Wichtigste Informationen:


Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

Iryna, in Ihrem vorletzten Gedichtband „Jak se líčit v nemoci“ – nominiert für den Magnesia-Literaturpreis und ausgezeichnet mit dem Preis der Literaturkritik – greifen Sie unter anderem die Traumata des Krieges sowie die Erfahrung einer schweren Krankheit wieder auf. Nun erscheint Ihr neuer Gedichtband „Propaganda“. Welche Themen behandeln Sie darin, und worin unterscheidet er sich für Sie von Ihrem vorherigen Buch?

„Propaganda“ ist ein Wort, das wir verwenden, wenn wir über Politik und die gesellschaftliche Lage sprechen. Genau darum geht es in diesem Gedichtband, und daher lässt sich sagen, dass er an das vorherige Buch anknüpft, in dem einer der zentralen Gedanken derjenige war, dass das Persönliche politisch ist. Die Gedichte aus „Propaganda“ entstanden in den Jahren 2023–2025 und waren meist Reaktionen auf ganz konkrete Ereignisse und Situationen, sei es im gesellschaftlichen oder im persönlichen Leben.

Sehen Sie „Propaganda“ als ein aktivistisches Buch?

Es handelt sich um engagierte Poesie, und ich betrachte sie als eine Form des Aktivismus durch Kunst. Ich stehe dazu und scheue mich nicht davor, auch wenn ich gelegentlich höre, dass das Wort „Aktivist“ für tschechische Bürger nicht gerade verlockend ist. Das Wort „Propaganda“ wahrscheinlich auch nicht, aber ich wollte mit diesem Begriff spielen. Ich möchte zeigen, dass auch ich etwas zu propagieren habe – zum Beispiel meine Werte oder meine Gedanken zu unangenehmen Themen.

Das Buch hat aber auch einen zweiten Teil, der die „Propaganda“ auf die Ebene persönlicher Erfahrungen verlagert, insbesondere erotischer. Und noch genauer gesagt – der queeren Erotik. Ich tue also eigentlich das, was Traditionalisten und Rechtsradikale als „Propagierung der Gender-Ideologie“, „Schwulenpropaganda“ oder „Perversion des verdorbenen Westens“ bezeichnen würden. Eine solche Rhetorik fasziniert mich, und es ist schlichtweg unmöglich, mit ernstem Gesicht dagegen anzukämpfen.

„Wie man sich bei Krankheit schminkt“ soll in deutscher Übersetzung erscheinen. In welcher Phase befindet sich die Übersetzung derzeit und wann soll sie erscheinen? Womit erklären Sie sich, dass das Buch auch im Ausland Interesse geweckt hat?

Das Buch wird Ende des Sommers erscheinen, und derzeit wird an der Übersetzung gearbeitet. Das Erscheinungsbild ist jedoch bereits bekannt – es wird im Wesentlichen mit der tschechischen Ausgabe identisch sein. Gemeinsam mit dem Verlag bereiten wir bereits Neuigkeiten für die Leipziger Buchmesse vor; es handelt sich um einfache, aber schöne Faltblätter mit Informationen zum Buch.

Das Interesse im Ausland verdanke ich dem Literaturkritiker*innenpreis und dem Tschechischen Literaturzentrum, das sich um Titel kümmert, die in Tschechien Anerkennung gefunden haben. In zwei von vier Fällen gebührt der Verdienst für die Übersetzung meinen Übersetzerinnen, die nach der Lektüre des Buches dessen Potenzial erkannt haben. Dieses Potenzial ist mir selbst auch bewusst. Es handelt sich um Themen, die sich relativ leicht auf den Kontext eines anderen Landes übertragen lassen. Dazu trägt auch die Form bei, insbesondere das Vorhandensein von Tagebucheinträgen. Genres wie Confessional Poetry und Autofiktion in der Prosa sind derzeit in der westlichen Literaturszene sehr beliebt, vor allem beim Lesepublikum.

Mir ist auch bewusst, dass die Persönlichkeit einer Autorin, die in ein anderes Land gezogen ist und begonnen hat, in einer neuen Sprache zu schreiben, für das Publikum interessant sein kann. Zudem handelt es sich um eine Autorin aus der Ukraine. Ich beurteile nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber es ist wahr, dass heutzutage die Persönlichkeit eines Autors oder einer Autorin den Wert eines Werks steigern – und manchmal auch mindern – kann.

Iryna Zahladko, foto: Tomáš Vodňanský

In Ihrer Poesie sind der Körper und die Körperlichkeit stark präsent, oft sehr direkt, ja geradezu unerschrocken. Fühlen Sie sich manchmal verletzlich, wenn Sie sich vor fremden Menschen so „bloßstellen“? Und kann das umgekehrt auch befreiend sein?

Sowohl vor der Veröffentlichung des Buches „Jak se líčit v nemoci“ als auch bei „Propaganda“ fühlte ich mich verletzlich. Ich hatte Bedenken, ob ich mir selbst damit einen Gefallen tue, wenn ich über so persönliche und körperliche Themen schreibe. Bei dem erstgenannten Buch war es vor allem deshalb schwierig, weil es um Krankheit und stellenweise um rein körperliches Leiden ging. Ich hatte Angst vor taktlosen Fragen, die mir die Leute nach der Veröffentlichung stellen könnten.

Einige Fragen – vor allem in Medieninterviews – haben mich dann tatsächlich durch ihre Taktlosigkeit überrascht. Ich hatte die Angewohnheit, sie einer Freundin zu schicken und sie zu fragen, ob sie ihr auch taktlos vorkommen. Manchmal hatte ich nämlich das Gefühl, dass ich nicht mehr angemessen beurteilen konnte, was noch in Ordnung ist und was nicht. Mit der Zeit habe ich jedoch gelernt, auf alles so zu antworten, dass ich mich dabei nicht verletzt fühle – manchmal antworte ich also etwas schroff und so, dass es für den Fragesteller unangenehm ist. Genau darin lag jene Befreiung, die ich jetzt auch im Zusammenhang mit Propaganda spüre.

Sie haben theoretische Physik studiert. Beschäftigen Sie sich weiterhin mit Wissenschaft? Schlägt sich das Thema Wissenschaft auch in Ihrem literarischen Schaffen nieder? Hat Sie die Poetisierung der Wissenschaft nie gereizt?

Nein, genauso wenig wie die „Verwissenschaftlichung“ der Poesie. Diese beiden Welten vermischen sich im Prozess meiner literarischen Arbeit, aber nicht in den Texten selbst. Ich bin in der Lage, systematisch zu arbeiten, meinen kreativen Prozess zu reflektieren, bestimmte Muster zu erkennen und zu planen. Das erscheint mir an sich schon als ein recht wissenschaftlicher Ansatz.

Der Wissenschaft widme ich mich derzeit nicht, aber ich nutze mein Wissen, um meinen Freunden verschiedene physikalische Kuriositäten zu erklären. Die Leute interessieren sich wirklich für Dinge wie Schrödingers Katze, Schwarze Löcher oder die Tatsache, dass sich das Universum ständig ausdehnt. Manchmal habe ich aber auch erklärt, wie Magnetresonanz oder ein Telefonsignal funktionieren. Die Wissenschaft hat mich schon immer interessiert und wird mich auch weiterhin interessieren.

In „Jak se líčit v nemoci“ thematisieren Sie eine Reihe sehr schmerzhafter Erfahrungen. Sind diese Texte bereits während dieser Erlebnisse entstanden oder eher im Nachhinein? Und ist die Rückkehr zu diesen Themen für Sie nicht manchmal retraumatisierend?

Retraumatisierend ist es nicht, vielleicht, weil es sich nicht um ein einzelnes Ereignis handelte, sondern eher um einen andauernden Prozess, den ich fortlaufend reflektieren konnte. Oder vielleicht, weil ich immer noch nicht das Gefühl habe, dass all das längst hinter mir liegt. Denn in gewisser Weise lebe ich darin weiter: Der Krieg dauert noch an, und im Jahr 2022 wurde bei mir eine Depression diagnostiziert, die später als Angst-Depressions-Störung umdiagnostiziert wurde. Diese Diagnose ist jedoch nicht nur eine Folge des Krieges und der durchlebten Krankheit. Hinzu kommt ein großer Minderheitenstress – ich bin Migrantin, ich bin queer und lebe in einer Welt und auf einem Kontinent, auf dem der Faschismus langsam wieder aufblüht. Die schmerzhafte Erfahrung dauert an.

Und was bedeutet der Titel eigentlich: Sollen wir uns „in der Krankheit schminken“? Kann Make-up das verbergen, was wir durchleben – oder ist es eher eine Stütze, die uns helfen kann, eine schwierige Situation zu überstehen? Wie ist der Titel entstanden?

Es ist ein Vers aus einem Gedicht aus dem Band. Der Arbeitstitel lautete jedoch „Ich schminke mich nicht“, weil ich an meinen vorherigen Band „Tváření“ (dt.: „Gesichtsausdruck“) anknüpfen wollte. Und ich glaube, das ist mir auch gelungen. Eine kuriose Tatsache: In der Beschreibung eines Online-Buchladens steht, dass in dem Buch ausführlich erklärt wird, wie man sich während einer Krankheit richtig schminkt. Ich glaube jedoch, dass das Buch eher das Gegenteil zeigt. Man kann zwar eine Krücke benutzen, aber die Krücke selbst kann man nicht verstecken. Das meine ich natürlich metaphorisch – eine Krücke kann auch ein Lächeln oder ein Verhalten sein, das das eigentliche Erleben verbirgt.

Was lesen Sie selbst gerne in der aktuellen tschechischen Lyrik, was inspiriert Sie? Sind es gerade die jungen Dichterinnen und Dichter, die Sie kürzlich bei einer Veranstaltung in Berlin begleitet haben?

Mich inspiriert, wie dynamisch die Lyrikszene in Tschechien ist. Ich verfolge gerne aufstrebende Autor*innen, die aber nicht unbedingt queer sein müssen. Dass die meisten, die in Berlin gelesen haben, queer waren, ist mir erst aufgefallen, als ich im Saal saß und ihnen zuhörte. Das war also nicht beabsichtigt. Das Konzept des Abends war es, dem deutschen Publikum tschechische Lyrik näherzubringen, von der bisher nur der erste Band erschienen ist.

Was sollte Ihrer Meinung nach in der heutigen starken Konkurrenz nicht untergehen – sei es die Autorenschaft, bestimmte Bücher oder eine bestimmte Art des Schreibens?

Auf keinen Fall sollte das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Gemeinschaft untergehen. Die Lyrikszene ist nicht so wettbewerbsorientiert wie die der Prosa. Worum sollte man auch konkurrieren? Um die paar Tausend, die der Verlag einem für die Urheberrechte zahlt? Um ein Honorar von zweitausend Kronen inklusive Reisekosten? Um die Teilnahme an einem einstündigen Interview umsonst? Wir sind eher Verbündete in einer unglücklichen Situation unterfinanzierter Kultur als Konkurrent*innen. Das hat sich jetzt sicherlich ein wenig geändert dank des Projekts Czechia 2026 und der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse. Als Gemeinschaft und Schriftsteller*innenschaft erwarten wir natürlich vom dramaturgischen Beirat Entscheidungen, die der tschechischen Literaturszene zugutekommen und die Vielfalt ihrer Persönlichkeiten und Themen zeigen. Damit ist jedoch kein Wettbewerb verbunden, sondern eher gemeinsame Sorgen und ein wenig Misstrauen.


Foto: Tereza Škoulová, Tomáš Vodňanský
Das Interview mit Iryna Zahladko führte Karolína Tomečková.

Marita, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Ihr Buch in Deutschland trotz der starken Konkurrenz Aufmerksamkeit erregt hat?

Ich denke, ein Grund könnte sein, dass queere Themen für Kinder und Jugendliche in der Literatur nicht ausreichend vertreten sind, während die Gesellschaft bereit ist, Trans-Erfahrungen näher kennenzulernen.

Deutschland hat gegenüber Tschechien vielleicht einen gewissen Vorsprung bei der Entstigmatisierung und der systematischeren Auseinandersetzung mit sozialen Themen. Gleichzeitig glaube ich aber nicht, dass die Tschechische Republik in der menschlichen Dimension der Sache „hinterherhinkt“. Auch bei uns gibt es viele Menschen, die versuchen, einen sicheren und offenen Raum für Kinder zu schaffen – seien es Lehrerinnen und Lehrer, Buchhändlerinnen und Buchhändler, Bibliothekarinnen und Bibliothekare oder Künstlerinnen und Künstler. Gerade dank ihnen gelangen wichtige Themen in Schulen, Bibliotheken und Familien.

Aus meiner Erfahrung mit außerschulischer Bildung kann ich sagen, dass es beispielsweise in Italien mehr Bücher, Hilfsmittel und Einrichtungen mit ähnlicher Ausrichtung gibt. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind jedoch oft nicht nur eine Frage des Angebots an Titeln, sondern vielmehr der systemischen Unterstützung. Wenn es hier Raum für Verbesserungen gibt, dann liegt dieser meiner Meinung nach vor allem in der langfristigen Unterstützung der Menschen, die diese Arbeit leisten – damit sie über ausreichende Ressourcen, methodische Materialien und gesellschaftliche Anerkennung verfügen.

Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, womit gerade tschechische Bücher junge Leserinnen und Leser im Ausland ansprechen können? Was können sie ihnen bieten?

Für mich sind Romane und Comics von tschechischen Autorinnen und Autoren wie Štěpánka Jislová, Marek Torčík oder Jakub Stanjura attraktiv, die auf persönlichen Erfahrungen aus der Gegenwart aufbauen. Meiner Meinung nach finden sie zumindest in Europa leicht Anklang.

In Ihrem Portfolio ist mir aufgefallen, dass Sie Praktika in Porto, Chicago, Paris oder Rom absolviert haben. Was haben Ihnen diese Erfahrungen gebracht und wie haben sie sich auf Ihren aktuellen Stil ausgewirkt?

Bei allen Praktika habe ich natürlich Menschen kennengelernt, die sich mit Literatur und Kunst beschäftigen, und ich wage zu sagen, dass sie mir geholfen haben, vielseitig zu denken. In Porto habe ich Zeit mit jungen Illustratorinnen und Illustratoren verbracht, in Paris habe ich dank des Künstlers Gérard Lo Monaco gelernt, wie man Verspieltheit und Professionalität miteinander verbindet, und in Rom habe ich entdeckt, wie man mit Büchern und ihren Themen arbeiten kann.

In Ihrem Buch behandeln Sie das Thema des Lebens nicht-binärer und transsexueller Menschen. Glauben Sie, dass dieses Thema in der tschechischen Literatur nach wie vor unterrepräsentiert ist?

Auf jeden Fall. Ich wünsche mir, direkt von tschechischen Büchern, Comics und Zines umgeben zu sein, die von verschiedenen queeren Erfahrungen erzählen. Es gibt viele solcher Geschichten, aber nur wenige davon werden umgesetzt.

Sie arbeiten mit farbigen Illustrationen, oft in Pastelltönen. Haben Sie auch mit anderen künstlerischen Ansätzen experimentiert (zum Beispiel minimalistischeren, schwarz-weißen)? Was gefällt Ihnen an den verspielten, farbenfrohen Illustrationen, die für Sie typisch sind?

Diese Farben begleiten mich einfach. Ich wähle sie nach meinen Gefühlen aus, die mir sagen, wie das Projekt wirken soll. Zeichnen ist für mich Minimalismus. Mit einer dunklen oder schwarzen Linie schaffe ich ein festes Fundament und mit dem Rest spiele ich dann.

Ich habe wohl nur ein einziges eigenes Buch in Schwarz-Weiß gestaltet, das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich kann mir gut vorstellen, dass ich wieder auf ein Projekt stoße, bei dem ich auf Farbe verzichten kann.

Ihr Buch bietet Kindern Raum, ihre Identität zu erforschen, ohne den Druck, eindeutige Antworten geben zu müssen. Wie gehen Kinder Ihrer Meinung nach mit der Frage „Wer bin ich?“ um, wenn die Gesellschaft ihnen oft nur zwei Schubladen anbietet? Und wie kann Literatur einen sicheren Ort schaffen, an dem ein Kind es sich erlauben darf, nicht zu wissen, wer es ist?

Kinder gehen mit der Frage „Wer bin ich?“ genau so um, wie Sie es beschrieben haben. Sie wählen aus konkreten Möglichkeiten aus. Ich glaube, dass nicht nur sie, sondern alle die Möglichkeit verdienen, sich in jedem Alter zu verändern und verschiedene Aspekte dessen auszuprobieren, was das Leben bietet.

Wie sind die Reaktionen auf das Buch – sowohl von jüngeren Leserinnen und Lesern als auch von Eltern?

Vor allem spüre ich, dass es geschätzt wird, dass es ein solches Buch über Trans-Menschen gibt. Jüngere Leserinnen und Leser finden in den Geschichten eine Bestätigung ihrer Existenz in der Gesellschaft, und Eltern sowie alle anderen, die Kinder erziehen, haben ein Hilfsmittel, um ihnen das Thema Queerness näherzubringen.

Haben Sie jemals eine Reaktion wie „Das habe ich gebraucht“ erhalten?

Manchmal bekomme ich nette Nachrichten von Teenagern auf Instagram oder von Eltern und Geschwistern queerer Kinder. Es hat mich zum Beispiel gefreut, als das Buch jemanden dazu inspiriert hat, einen neuen Namen oder Spitznamen auszuprobieren, oder ihm geholfen hat, den Mut aufzubringen, sich einem Elternteil mit seinem Wunsch anzuvertrauen.

Und wie sehen Ihre weiteren Pläne aus: Welchen Themen möchten Sie sich in der Literatur und Illustration weiterhin widmen?

Ich würde sagen, dass mich nach wie vor interessiert, was den Charakter eines Menschen ausmacht, und dazu gehören auch Beziehungen. Zu den Eltern, zu Freunden, zum Partner oder vielleicht auch zur Nachbarin. Dem möchte ich mich zumindest als Illustratorin widmen.


Foto: Nikola Uhle
Das Interview mit der Autorin Marita Kelbl führte Karolína Tomečková.

Marek, Ihr Romandebüt, das größtenteils im mährischen Přerov spielt, ist auf Deutsch erschienen und wird auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Wie fühlen Sie sich dabei? Ist Ihnen beim Schreiben in den Sinn gekommen, dass der Roman internationale Resonanz finden könnte?

Ich denke, dass die konkreten Merkmale der Stadt und auch einige ihrer Probleme, die im Roman vorkommen, keineswegs spezifisch sind. Das Problem der Wohnraumknappheit, stillgelegte und verfallende Industriekomplexe und Orte, die von neuer Wildnis überwuchert werden, gibt es nicht nur in Přerov oder in Tschechien. Mir persönlich macht es Spaß, Texte zu lesen, die an konkreten Orten angesiedelt sind, mich auf den Seiten in einem Raum zu bewegen, den ich mir vorstellen kann, auch wenn ich ihn vielleicht noch nicht kenne. Ich weiß nicht, ob mir so etwas gelungen ist, aber ich würde gerne glauben, dass es so ist.

Ihr Roman ist derzeit einer der meistübersetzten in Tschechien. Womit erklären Sie sich diesen Erfolg? Und wie sind die Reaktionen in den verschiedenen Ländern? Wie lässt sich die Erfahrung aus dem mährischen Přerov überhaupt beispielsweise ins Spanische übertragen?

Das ist eher eine Frage an den Verlag und noch genauer an den Übersetzer. Ich glaube ein wenig, dass es vor allem das Verdienst von Pavlína Juráčková ist, meiner Literaturagentin, die für den Verlag Paseka die Auslandsrechte regelt. Literatur ist meiner Meinung nach ein ganzes Ökosystem. Ein einzelner Autor kann das beste Buch schreiben, aber ohne die Arbeit und Begeisterung anderer Menschen, seien es Lektor*innen, Übersetzer*innen, Agent*innen und so weiter, muss das Buch nicht unbedingt zu den Leser*innen gelangen. Umso mehr gilt das für Literatur aus kleinen Sprachen, die gegenüber dem Englischen einen enormen Nachteil hat. Mich persönlich fasziniert dann, wie sorgfältig die Übersetzer*innen lesen und was ich in diesem Prozess von ihnen lernen kann.

Přerov hat in Tschechien nicht gerade den besten Ruf. Kehren Sie trotzdem gerne dorthin zurück? Hat die Stadt etwas zu bieten?

Ja, ich kehre gerne urück. Přerov fasziniert mich, es ist eine Industriestadt im Herzen der Haná und von einzigartiger Natur umgeben; vielleicht liegt es auch an der Bečva, und ich fühle mich irgendwie ganz natürlich zu Städten hingezogen, die von Flüssen geprägt sind. Für mich ist es eine Stadt, an der ich die Druckpunkte der heutigen Gesellschaft ertasten kann. Sei es die zunehmende Entfremdung der Menschen von der Natur, die Einsamkeit oder die sich vertiefenden Unterschiede zwischen den ärmsten und den reichsten Einwohnern. Es ist eine Stadt als Labor oder eine Stadt als Schaufenster. Ich denke, dass die Probleme, mit denen es zu kämpfen hat, allgemeiner und struktureller, systemischer Natur sind: Sie hängen mit dem Abfluss von Arbeitsplätzen und gebildeten Menschen aus den Regionen oder etwa mit der Vernachlässigung durch das Zentrum zusammen.

Romane mit queerer Thematik erscheinen heute mehr denn je. Womit kann ein neuer Text überzeugen, wenn sich bestimmte Motive wiederholen? Und was sagt der Anstieg dieser Literatur über die heutige Zeit aus?

Es erscheinen auch viele nicht-queere Romane, und wir fragen nicht, was sie den Lesern Neues bieten können. Wir beschäftigen uns nicht mit sich wiederholenden Motiven, wir betrachten sie als universelle Botschaft menschlicher Erfahrung. Das sind auch diese „queeren“ Romane, nur können wir sie bisher noch nicht durch diesen Filter lesen. Mein Roman ist zur Hälfte die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, aber aus irgendeinem Grund überlagert die queere Erfahrung des Erzählers alles. Für mich als queere Person war dieser Aspekt meines Romans jedoch keineswegs entscheidend; mir ging es darum, die Klassenerfahrung zu beschreiben, zu zeigen, dass das Gefühl der Andersartigkeit und Ausgrenzung nicht nur auf der Ebene der sexuellen Identität, sondern gerade auch auf der der Klasse bestehen kann. Dieser Anstieg ist meiner Meinung nach vor allem eine Frage der Nachfrage: Wir hungern nach Geschichten, die das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen widerspiegeln, nicht nur einen begrenzten Ausschnitt.

Wie sind die Reaktionen der Leserschaft auf das Buch? Hat sich jemand an Sie gewandt, dem das Buch den Mut gegeben hat, das Thema seiner Identität und seines Geschlechts gegenüber seinem Umfeld anzusprechen?

Unterschiedlich, und das ist in Ordnung. Es macht mir Spaß. Und ja, es hat sich jemand gemeldet. Aber was mich am meisten freut und überrascht, ist, wenn Menschen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen das Buch lesen und darin genau das finden, worum es mir vor allem ging – nämlich eine Reflexion über das eigene Gedächtnis und die Unmöglichkeit, in die Erfahrungen anderer einzutauchen.

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Als Sie das erlebt haben, worum es in „Was die Zeit nicht nimmt“ geht, was hat Ihnen damals geholfen, sich bewusst zu machen, was Sie gerade durchmachten? Wo haben Sie nach Informationen, Inspiration oder einem „Rettungsanker“ gesucht? Hat dabei auch die Literatur eine Rolle gespielt? Sei es Ihre eigene oder die anderer Autor*innen.

„Was die Zeit nicht nimmt“ ist keine Autobiografie. Der Roman funktioniert etwas anders, und obwohl ich darin viele Dinge aus meinem Leben verarbeite, gehe ich recht frei damit um. Was mir aber mein ganzes Leben lang hilft, sind die Bücher anderer Menschen; ich finde in ihnen Trost – nicht im Sinne von Beschwichtigung und Verständnis, sondern es ist eher eine Erleichterung, die Welt für einen Moment anders zu erleben, durch die Augen und die Sprache fremder Menschen, und zu wissen, dass ich nicht allein bin…

In dem Roman sprechen Sie einige sehr schwere Themen an – zum Beispiel Mobbing, häusliche Gewalt oder Alkoholismus. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig sein kann, über solche Dinge zu schreiben, besonders vor Menschen, die man nicht kennt. Was hilft Ihnen dabei, öffentlich über diese Themen zu sprechen, sodass es für Sie sicher und erträglich ist und nicht retraumatisierend? Und bringt es Ihnen manchmal auch positive Emotionen?

Ja, aber alles wird durch das Prisma der Erinnerung wahrgenommen – und diese neigt dazu, uns alles rückwirkend verstärkt zurückzugeben, nach dem Prinzip der stärkeren Erinnerung. Beim Schreiben habe ich immer wieder an den Kurzfilm La Jetée von Chris Marker gedacht; mich hat interessiert, ob ein einziges gewalttätiges Bild das gesamte Leben eines bestimmten Menschen vorzeichnen kann. Deshalb geraten die oft grauen, ausdruckslosen Tage in Vergessenheit; was bleibt, sind diese markanten „Eindrücke“. Sie werden verzerrt, übertrieben und ungenau sein, und gleichzeitig werden sie das formen, was wir sind. Ich wollte kein sicheres Buch schreiben, ich glaube nicht an Literatur als sicheren Ort, auch wenn ich denke, dass sie ein Medium der Empathie ist. Aber der Weg dorthin führt gerade über geteilten Schmerz, darüber, dass wir den anderen sehen, auch wenn es vielleicht nicht in einem schmeichelhaften Licht ist.

In Rezensionen werden Sie mit dem französischen Schriftsteller Édouard Louis verglichen. Welchen anderen Autor*innen fühlen Sie sich – sei es thematisch, stilistisch (oder in irgendeiner anderen Hinsicht) – nahe?

Es gibt viele solche Menschen. Ich mag es, wenn Bücher miteinander im Dialog stehen, ja sogar, wenn sie sich widersprechen. Ich fühle mich der Poesie von Anne Carson nahe, den Romanen von Virginia Woolf, W. G. Sebald, Ann Quin oder Clarice Lispector. Beim Schreiben greife ich insgesamt viel häufiger auf Poesie und Theorie zurück als auf Prosa an sich.

Neben Prosa schreiben Sie auch Gedichte und veröffentlichen in Medien (zum Beispiel in Respekt oder Druhá směna) Kommentare zu sozialen und politischen Themen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie in der Publizistik Ihre Berufung gefunden haben? Und worin unterscheidet sie sich für Sie vom Schreiben eines Romans, in dem Sie ebenfalls beispielsweise Klassenungleichheiten thematisieren, nur auf andere Weise und auf größerer Fläche?

Ich schreibe, weil ich in der Welt lebe. Ich bin kein Extrovertierter, ich habe Angst vor Menschenmengen, aber ich habe das Bedürfnis, zumindest irgendwie gegen den zunehmenden Faschismus, gegen die wachsenden Ungleichheiten und die immer häufiger werdenden Angriffe auf Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten zu kämpfen. Und so bleibt mir nur das Schreiben. Poesie und Prosa sind für mich jedoch langsamere Medien. Sie funktionieren auf der Grundlage von Bildern und Geschichten, es geht dabei viel mehr um die Natur der Sprache, darum, welche Macht sie hat und wann sie diese verliert. Sie haben ganz andere Ziele als die Publizistik, auch wenn sich diese manchmal überschneiden können.

Woran arbeiten Sie gerade? Was bereitet Ihnen (nicht nur) literarisch Freude?

Ich stelle gerade meinen zweiten Roman fertig, der den Arbeitstitel „Plötzliche Wetterumschwünge“ trägt. Er handelt von dem, worüber ich schon seit längerer Zeit nachdenke – nämlich von dem wachsenden Gefühl der Einsamkeit, der Isolation und einer gewissen Unfähigkeit, aus dem eigenen Kopf herauszukommen. Er handelt ein wenig von Mikrobiologie, von Wolkenimpfung, viel vom Wetter und auch von Weltuntergängen. Sowohl den privaten als auch den gesellschaftlichen.


Foto: Paseka
Das Interview mit dem Autor Marek Torčík führte Karolína Tomečková.