Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

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Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?

Das betrifft wohl wie bei anderen Sprachen Flüche und Schimpfwörter, sowie Koseformen. Dann gibt es noch Wörter wie „rohlík“, das ist ein typisch tschechisches Gebäck, wie die „Brezn“ im Bayerischen. Nur handelt es sich nicht um etwas Rundes oder Geschwungenes, sondern eine Brötchenstange aus feinstem Auszugsmehl. So ein „rohlík“ ist im Tschechischen etwas völlig Alltägliches, kommt im nahezu jedem Text vor. Manchmal erlaube ich mir, es so stehen zu lassen – an das französische Croissant haben wir uns auch schließlich gewöhnt.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Ich hoffe sehr, dass es nicht passiert! Es ist ja mein Job, dass es nicht passiert.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

Sehr oft in Bildern, das unterscheidet ja einen literarischen Text vom sachlichen.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen?

Wortspiele, Diminutive.

Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?

Leider – oder Gottseidank! – die latent rassistischen und misogynen.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Diminutive, Regionalismen, wie zum Beispiel die aus meinem südmährischen Geburtsort.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Man wird feinsinniger, drückt sich gewählter aus.

Was war die schwerste Entscheidung, die du je in einer Übersetzung treffen musstest?

Kommt immer wieder vor: Inwieweit bin ich bereit, Rassismen, v.a. in Form von Antiziganismen zu reproduzieren?

Was sind deine Lieblingsworte auf Deutsch und auf Tschechisch?

„Sehnsucht“ und „rampouch“ (Eiszapfen).

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

An „Prag Noir“, einer sehr kurzweiligen Sammlung von Krimi-Noir-Kurzgeschichten namhafter tschechischer Autorinnen. Und an „Pacanka“ von Klára Elšíková, einer radikalen Selbstfindungsgeschichte.

Das Interview führte Nathalie Weber.

Die Autorinnen und Autoren werden ihre Bücher bei mehr als 100 literarischen und kulturellen Veranstaltungen einem internationalen Laien- und Fachpublikum vorstellen. Im Mittelpunkt des fünftägigen Programms steht die gestalterisch anspruchsvolle Ausstellung Tschechiens im Ehrengastpavillon mit einer Fläche von mehr als 2.000 m², der zwei Veranstaltungsbühnen sowie umfangreiche Buchausstellungen bietet.

Die Liste der Nominierten aus den Bereichen Prosa, Lyrik, Comics, Kinderliteratur, Theater und Sachbuch wurde vom dramaturgischen Beirat des Projekts zusammengestellt, der sich aus 23 führenden Expertinnen und Experten aus der Buch- und Literaturbranche, aus Kulturinstitutionen und dem Kulturmanagement, aus dem Übersetzungswesen sowie von den Hauptveranstaltern zusammensetzte, und zwar nach den zu Beginn des Projekts festgelegten Kriterien. Hauptkriterium für die Auswahl war, dass die Autorin oder der Autor über eine neue Übersetzung ins Deutsche verfügt, die in den Jahren 2024–2026 von einem deutschen, österreichischen oder schweizerischen Verlag veröffentlicht wurde, der aktiv an der Werbung für das Werk mitwirkt. Sekundäre Kriterien waren eine neue Übersetzung des Buches in eine andere Weltsprache oder gegebenenfalls die Verleihung eines bedeutenden Literaturpreises an den Autor oder die Autorin in Tschechien oder im Ausland in den Jahren 2024–2026.

„Die aktuelle Auswahl ist das Ergebnis langer und sorgfältiger Diskussionen im dramaturgischen Beirat. Wir müssen sagen, dass es eine sehr schwierige Entscheidung war. Wir konnten nicht alle nach Frankfurt am Main schicken, die wir gerne gesehen hätten. Auch wenn es den Anschein haben mag, dass der Programmraum, der durch fünf Messetage und zwei Bühnen gegeben ist, umfangreich ist, handelt es sich dennoch um eine begrenzte Anzahl. Wir haben versucht, diejenigen auszuwählen, die den vorgegebenen Kriterien am besten entsprechen. Uns ist klar, dass auch andere Autorinnen und Autoren es verdient hätten, ihre Bücher zu präsentieren, die aber beispielsweise keine neue Übersetzung ins Deutsche haben. Und es muss betont werden, dass die Auswahl oder Nicht-Auswahl für Frankfurt keinerlei Bewertung im Sinne von ‚künstlerischem Wert‘ bedeutet oder dass jemand ein besserer oder schlechterer Autor oder eine bessere oder schlechtere Autorin ist“, erklärt Jan M. Heller, Literaturkritiker, Chefredakteur der Zeitschrift Tvar und Direktor des Verlags AMU in Prag, die Schwierigkeit der Entscheidung für den dramaturgischen Beirat. Gleichzeitig bemühte sich der dramaturgische Beirat, die Vielfalt und Ausgewogenheit der Auswahl zu wahren – was Stile, Generationen und Geschlecht betrifft. Die ausgewählten Autorinnen und Autoren werden jedoch nicht die einzigen Persönlichkeiten sein, die sich in Frankfurt präsentieren. Dank der Aufmerksamkeit, die der Tschechischen Republik zuteilwird, können weitere tschechische Autorinnen und Autoren eigenständig von ausländischen Verlagen präsentiert werden und so vom gesteigerten Interesse an tschechischer Literatur profitieren.

Alle Autorinnen und Autoren kommen zur Frankfurter Buchmesse mit der aktuellen deutschen Übersetzung ihres Buches oder mehrerer Bücher, die von ausländischen Verlagen in den Jahren 2024–2026 veröffentlicht wurden. Dank der verstärkten Unterstützung durch das tschechische Kulturministerium und einer Sonderausschreibung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds „Cesta k nám“ im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf den Ehrengastauftritt stieg ihre Zahl in diesen drei Jahren bis zum 14. Mai 2026 auf 115.

Autorinnen und Autoren auf der Frankfurter Buchmesse 2026

Sortiert nach literarischen Genres und alphabetisch

Kinderliteratur:

Jakub Bachorík, Ivona Březinová, Ondřej Buddeus, Jiří Dvořák, Magda Garguláková, Petr Hanel, Lucie Hášová Truhelková, Vojtěch Matocha, Markéta Pilátová, Eliška Soffer Podzimek, Iva Procházková, Magdalena Rutová, Petra Soukupová, Olga Stehlíková, Andrea Tachezy

Theater:

Tomáš Dianiška, Hana D. Lehečková, Tomáš Ráliš

Comics:

Kateřina Čupová, Kateřina Illnerová, Jindřich Janíček, Štěpánka Jislová, Lucie Lomová, Karel Osoha, Mikuláš Podprocký, Stanislav Setinský, Petra Josefína Stibitzová, Jaromír 99

Sachbücher:

Tomáš Glanc, Tereza Matějčková

Lyrik:

Zofia Bałdyga, Petr Borkovec, Klára Goldstein, Petr Hruška, Marie Iljašenko, Sufian Massalema, Pavel Novotný, Lubomír Tichý, Jaromír Typlt, Iryna Zahladko

Prosa:

Elsa Aids, Michal Ajvaz, Bianca Bellová, Eli Beneš, Anna Bolavá, Tereza Boučková, Miřenka Čechová, Radka Denemarková, Lucie Faulerová, Anna Beata Háblová, Jiří Hájíček, Kristina Hamplová, Miroslav Hlaučo, Alice Horáčková, Matěj Hořava, Petra Hůlová, Dora Kaprálová, Emma Kausc, Petra Klabouchová, Štěpán Kučera, Vratislav Maňák, Alena Mornštajnová, Jan Novák, Magdaléna Platzová, Jaroslav Rudiš, Zuzana Říhová, Petr Šesták, Marek Toman, Jáchym Topol, Marek Torčík, Kateřina Tučková, Klára Wang Tylová, Klára Vlasáková, Martin Vopěnka, Jonáš Zbořil


Foto: Lucie Schubertová

Von unserer Pressereise nach Böhmen haben die NZZ und die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet.

Tagesschau.de und der MDR berichteten ausführlich über den Mitteldeutschen Verlag, der ein großes Repertoire an tschechischen Neuerscheinungen im Programm hat.

Ondřej Hübls Roman „Der Vorhang“ wurde vom Deutschlandfunk Kultur sowie von WDR Westart rezensiert.

Petr Šestáks Erzählung über einen Fahrradkurier, der sich täglich einen Weg durch den Wahnsinn des Straßenverkehrs bahnt, „Ausgebrannt“, wurde vom Deutschlandfunk Kultur sowie auf faustkultur.de rezensiert.

Auch die tschechischen Kinderbücher wurden fleißig besprochen: Lenka Blazes „Ich bin introvertiert” wurde im „Büchermarkt“ vom Deutschlandfunk Kultur vorgestellt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Iva Procházkovás „Mentha” rezensiert, und Marita Kelbls „Weder Junge noch Mädchen“ wurde vom Spiegel vorgestellt.

Außerdem berichtete der Buchmarkt über Dora Kaprálová, die den Magnesia Litera Preis gewonnen hat. Und in der Süddeutschen Zeitung ging es um die Residenz tschechischer Künstler*innen im Bamberger Künstlerhaus.

„Český obzor“ ist ein Wettbewerb von Anifilm, der sich auf tschechische Animationsfilme konzentriert. Über die Gewinnerprojekte entscheidet der Animationsfilmrat, der sich aus Fachleuten aus dem Bereich der Animation zusammensetzt.

Die Jury würdigte die Originalität und die kreative Umsetzung des Spots: „Der originelle Spot, der für das Projekt Czechia 2026 erstellt wurde, entstand anlässlich des Ehrengastauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse. Durch verspielte Animation verbindet er metaphorisch literarische Welten mit der Vision Tschechiens als kultureller Hafen und lädt dazu ein, unsere Geschichten zu entdecken.“

„Der Preis des internationalen Festivals Anifilm freut mich sehr, denn es handelt sich um eine Auszeichnung von professionellen Filmemachern. Auch wenn unser Spot überwiegend positive Resonanz findet, freut es mich immer, von Kollegen aus der Branche Anerkennung zu erhalten – das gibt mir das nötige Selbstvertrauen für die weitere Arbeit. Gleichzeitig schätze ich es sehr, dass Anifilm in seinem Programm auch Auftragsarbeiten Raum gibt. Dadurch erhalten auch Spots und Kurzfilme Aufmerksamkeit, die meist nur für einen bestimmten Anlass produziert werden und danach sofort ‚in der Schublade‘ landen. Das ist oft schade – besonders wenn genügend kreativer Spielraum und Zeit für die Entwicklung von Ideen vorhanden ist, wie es beim Projekt Czechia 2026 der Fall war. „Ich wünsche mir, dass der Spot den Besuchern der Frankfurter Buchmesse gefällt und dass der Ehrengastauftritt so verläuft, wie geplant“, sagte Jakub Kouřil.

Lesen Sie auch das Interview mit Jakub darüber, wie der Spot „Czechia 2026“ entstanden ist. Wir gratulieren Jakub und dem gesamten Kreativteam zu dieser Auszeichnung.

In der Staatsbibliothek zu Berlin diskutierten der Comiczeichner Mikael Ross und der Schriftsteller Petr Šesták mit Ludwig Lohmann über ihre Bücher „Der verkehrte Himmel“ und „Ausgebrannt“, über die Stadt, marginalisierte Stimmen, soziale Konflikte und den öffentlichen Raum.

Realisiert in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum Berlin.

Fotos: Tomáš Vedral & Katrin Unarová

Petr, hat dein Debüt schon die magische Marke von 10.000 verkauften Exemplaren überschritten und ist zum Bestseller geworden?

Das ist richtig. Als ich im April letzten Jahres verriet, dass ich dieses Ziel erreichen möchte, haben sich die Leute an die Stirn getippt und gesagt, ich solle wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Aber „Du weißt nen Schei* über Sterne“ hatte letzten Herbst, anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung, einen grandiosen Endspurt.

Ich habe das Gefühl, dass auch die Art und Weise, wie du über das Buch sprichst, einen großen Anteil an seinem Erfolg hat. Du bist sehr aktiv in den sozialen Netzwerken, im Podcast „Klub psáčů“ und in Interviews. Was hat dich dazu bewogen, so richtig Gas zu geben? Und wie fühlst du dich dabei eigentlich? Vor allem in den sozialen Netzwerken, die inspirierend sein können, aber auch ziemlich anstrengend. Man vergleicht sich dort leicht mit anderen und bekommt manchmal auch Hasskommentare ab.

Das ist sicher nicht nur ein Gefühl. Die sozialen Netzwerke haben viel bewirkt. Interessant ist, dass ich schon, als ich das Manuskript an den Verlag schickte, in der Begleit-E-Mail erwähnt habe, dass ich vorhabe, mich am Marketing zu beteiligen. Ich hatte nur wohl noch keine richtige Vorstellung davon, was ich damit eigentlich meine. Aber nach diesen neun Jahren des Schreibens wollte ich „Du weißt nen Schei* über Sterne“ einfach nicht sich selbst überlassen. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass das Buch drei Monate in den Regalen überlebt und dann in Vergessenheit gerät.

Im letzten Jahr habe ich mich voll und ganz dem Drehen von Reels gewidmet, aber nicht, weil sie mir bei der Werbung geholfen hätten. Sie wurden für mich auch zu einem Weg, meine filmische Kreativität zu kanalisieren. Ich habe gelernt, zu schauspielern, zu schneiden, mit Ton und komödiantischem Timing zu arbeiten. Doch letztendlich haben mir die Reels einfach zu viel meiner Kreativität geraubt. Jeden Tag fielen mir zwei bis drei Drehbücher ein, die ich gar nicht alle drehen konnte. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich meine hungrige Kreativität lieber in andere kreative Projekte lenken sollte. Deshalb habe ich jetzt in den sozialen Netzwerken einen Gang zurückgeschaltet.

Nimmst du selbst auch etwas aus den sozialen Netzwerken für dich mit? Inspirieren sie dich in irgendeiner Weise? Und was hat dich in letzter Zeit literarisch interessiert?

Wenn man Inhalte für soziale Netzwerke erstellen will, muss man auch viel davon konsumieren, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie dieses Medium funktioniert. Das war für mich anstrengend. Hätte ich nicht einen Großteil meiner Tätigkeit mit Instagram verbunden, hätte ich es wahrscheinlich gelöscht. Es gibt hier viele inspirierende Schöpfer, aber ich habe das Gefühl, dass mich die sozialen Netzwerke eher auslaugen.

Was die Welt der Bücher angeht, hat mich in letzter Zeit Jakub Stanjura beeindruckt, der einen faszinierenden Schreibstil hat. Und gerade jetzt erscheint bei Host ein neues Buch von Jan Hamouz, der eine der besten tschechischen Fantasy-Reihen schreibt.

Interessant an deinem Debüt ist auch, dass es sich um ein Young-Adult-Buch handelt, das aus der Perspektive eines Jungen geschrieben ist. Warum hast du dich gerade für diesen Weg entschieden? Und wie hast du dich in die Gedankenwelt eines Jungen in der Pubertät hineinversetzt?

Mir selbst hat ein solches Buch gefehlt. Und zwar nicht nur in der Pubertät, sondern auch später, wann immer ich in Beziehungen oder beim Knüpfen neuer Kontakte unsicher war. Ich hätte mir gewünscht, dass damals jemand zu mir gekommen wäre und mir gesagt hätte, dass alle um mich herum genauso verwirrt, ungeschickt und peinlich sind – dass Beziehungen nun einmal so sind. Wenn wir Teenager sind, aber auch, wenn wir schon über dreißig sind. (Es gab sogar Leser in den Dreißigern, die ähnliche Dinge erst vor kurzem erlebt haben.)

Petr Hanel: Du weißt nen Scheiß über Sterne

Ich glaube, genau deshalb hat „Du weißt nen Schei* über Sterne“ auch außerhalb der Teenager-Szene eine solche Reichweite. Viele Menschen finden hier Antworten auf Fragen, die sie jahrelang verfolgt haben.

Die ursprüngliche Absicht war also, Beziehungen ohne Filter zu zeigen. Ich habe mich für die Perspektive der Jungs entschieden, nicht nur, weil sie mir näher steht, sondern auch, weil mir ihre realistische Darstellung in der Literatur gefehlt hat. Ich wollte nichts romantisieren oder die Ecken und Kanten abschwächen, sondern die unzensierte Realität zeigen, die nicht nur für Leser interessant ist, die sie gerade erleben oder erlebt haben, sondern auch für Leserinnen, denen sie einen Einblick in unsere Köpfe und Erfahrungen gewährt.

Sich in den Kopf eines Jungen in der Pubertät hineinzuversetzen, war gar nicht so schwer. Ich habe in meinen Erinnerungen, in meinem Tagebuch oder in meinen ICQ-Archiven gestöbert… Es war keine leichte Lektüre, aber es hat mich daran erinnert, wie ich die Welt damals wahrgenommen habe.

Hast du beim Schreiben auch mit jemandem Rücksprache gehalten, der altersmäßig deinem Helden nahekommt?

Das Manuskript wurde im Laufe der Jahre von über zehn Testlesern gelesen, wobei ein Drittel im Alter der Hauptfiguren war. Einige von ihnen haben den Text sogar mehrmals gelesen und ihn angesichts der langen Entstehungszeit altersmäßig sogar überholt. Kurz vor der Veröffentlichung habe ich mir jedoch zwei Testleserinnen aus der Zielgruppe gesucht, die eine letzte „Aktualisierungs“-Prüfung durchgeführt haben.

In dem Buch sprichst du unter anderem auch das Thema der „Manosphäre“ an. Siehst du sie als etwas, das heute unter Schülern wirklich präsent ist?

Während ich diese Antworten schreibe, bin ich gerade auf dem Weg von Pilsen, wo ich vor Pfadfindern über dieses Thema einen Vortrag gehalten habe. Sie haben mich gefragt, ob ich einen solchen Vortrag halten könnte, weil sie bei den Jungs in den Gruppen frauenfeindliche Äußerungen bemerken. Ich habe also den Eindruck, dass die Manosphäre sehr präsent ist. In einem solchen Ausmaß, dass sie fast schon zum Mainstream wird. Und das leider nicht nur bei Schülern.

Hast du von jemandem eine Rückmeldung erhalten, dass dein Buch ihm geholfen hat, seine Sicht auf dieses Thema zu ändern?

Einige Jungs haben über ihre Erfahrungen mit der Manosphäre geschrieben, andere schrieben zum Beispiel, dass das Buch ihnen geholfen hat, sich über Wasser zu halten, als sie in einer Gemütsverfassung waren, von der sich diese Influencer am häufigsten nähren.

Es haben mir aber auch Mädchen geschrieben, denen das Buch geholfen hat, zu erkennen, dass sie sich nicht in einer gesunden Beziehung befinden. In einigen Fällen gerade mit jemandem, der die Rhetorik der Manosphäre übernommen hat.

Und dann gab es Eltern, die gerade dank „Du weißt nen Schei* über Sterne“ von der Manosphäre erfahren hatten und erkannten, dass sie mit ihren Söhnen über dieses Thema sprechen müssen, bevor diese in ein Alter kommen, in dem jegliche Kommunikation schwieriger wird.

Das Buch ist nun auch in deutscher Übersetzung erschienen, und du hast es in Leipzig vorgestellt. Wie war das für dich? Und hast du schon erste Reaktionen von deutschen Leserinnen und Lesern erhalten?

Als ich die erste Halle der Messe betrat, dauerte es nicht lange, bis mich die Überwältigung überkam. Die Menge an Menschen, die Vielzahl an Ständen und vor allem die brutale Menge an Büchern – oft auf den ersten Blick die Flaggschiffe führender Verlage, die mit großem Pomp präsentiert wurden. Und daneben das unbekannte „Du weißt nen Schei* über Sterne“.

Mir kamen die Klagen der Buch-Influencer in den Sinn, dass ihre Leselisten endlos lang seien, und ich fragte mich, ob sich mein Buch überhaupt einen Platz darin erkämpfen könnte.

Wie es ausgehen wird, wird die nahe Zukunft zeigen. Die ersten Reaktionen der deutschen Leser sind bereits da, manche sind begeistert, manche „nur“ positiv. Ich bin aber begeistert, dass es Hana Hadas gelungen ist, all diese Emotionen auch in die Übersetzung zu übertragen.

Du hast in den sozialen Netzwerken auch ein paar lustige Anekdoten aus der Übersetzungsarbeit von Hana Hadas geteilt. Fällt dir noch eine ein, die du mit uns teilen könntest?

Klar, davon gab es jede Menge. Bei dieser Passage mussten Hana und ich zum Beispiel den letzten Satz besprechen:

„Das Leben ist wirklich seltsam. Habt ihr jemals darüber nachgedacht, dass in keinem Film der Held auf die Toilette geht? Dass Bella vor Edward nie einen Wind zurückhält? Dass Harry und Ron nicht ein einziges Mal das Zaubermagazin mit den sich bewegenden, verführerischen Hexen aufgeschlagen haben und nicht das dringende Bedürfnis verspürten, im Hogwarts-Küchenbereich das gesamte Besteck zu polieren?“

Wie man sieht, ist die Welt des Films, in der du eine Zeit lang gearbeitet hast, eine große Inspiration für dich. Wie hat sich das konkret auf die Gestaltung des Buches ausgewirkt? Und würdest du gerne irgendwann wieder zum Film zurückkehren?

Ich experimentiere gerne mit literarischen Formen, und Filme dienten mir dabei als inspirierender Rahmen. Sei es das „Schnittverfahren“ zwischen den Szenen oder das Erzählen durch Bilder. Um konkreter zu sein: So entstand zum Beispiel eine Szene, in der ich zwei Protagonisten in einen beengten Raum stellte und versuchte, die romantische Spannung zwischen ihnen ohne Dialoge oder Gedankengänge auszudrücken, nur mithilfe von Beschreibungen der Körpersprache.

Meine filmischen Ambitionen haben mich jedoch nicht verlassen, und ich glaube, dass mir die Zeit in der zweiten Jahreshälfte erlauben wird, wieder ans Set zurückzukehren.

In welche Gewässer willst du dich als Nächstes begeben?

Ich hatte vor, mich an spekulativer Science-Fiction zu versuchen. Das heißt, eine etwas fortgeschrittenere Technologie zu nehmen – in diesem Fall wäre es ein spezifisches soziales Netzwerk – und sie in die heutige Welt zu versetzen. Dabei sollte die Geschichte diesmal nicht nur die Generation Z betreffen, sondern auch die Millennials und Themen, die für beide Generationen aktuell sind.

Meine Pläne wurden jedoch von Regisseur Robert Hloz durchkreuzt, der nach „Bod obnovy“ einen weiteren Science-Fiction-Film vorbereitet und mich gefragt hat, ob ich ihm das Drehbuch schreiben würde.

In dem Buch kommt auch deine Vorliebe für Musik zum Ausdruck. Wenn du sie mit einem einzigen Song beschreiben müsstest, welcher wäre das und warum?

Ich weiß nicht, ob ich es als regelrechtes Hobby bezeichnen würde. Aber gerade im Film hat mich die Musik schon immer sehr fasziniert. Dieselben Einstellungen können je nach der gewählten Hintergrundmusik sowohl gruselig als auch romantisch wirken. Deshalb hat mir die Vorstellung, die Welt der Musik mit der der Literatur zu verbinden, schon immer gefallen. Was wäre, wenn ich die Emotionen auf den Seiten mit einem passenden Song verstärken könnte? So entstand die Idee, einen Soundtrack zum Buch mit QR-Codes zu erstellen, über die man bestimmte Songs zu bestimmten Szenen abrufen kann.

Und wenn ich meine Beziehung zur Musik mit einem einzigen Song ausdrücken müsste, würde ich das nicht schaffen. Es wären nämlich zwei. „Best of You“ von den Foo Fighters und „Sunshine (Adagio in D Minor)“ von John Murphy. Die Antwort auf die Frage, warum, werde ich wohl nicht geben – hört sie euch an und spürt es selbst.


Foto: Michaela Samiecová; Sabine Felber/Literaturtest
Das Interview mit dem Autor Petr Hanel führte Karolína Tomečková.

Tomáš Kubíček und Martin Krafl aus dem tschechischen Ehrengastteam sowie Simone Bühler aus dem Team der Frankfurter Buchmesse haben die Zuschauer*innen auf das Programm des Ehrengastes eingestimmt. Ganz besonders danken möchten wir den Autor*innen Vratislav Maňák und Iva Procházková, die in Interviews ganz persönliche Einblicke zu ihren Werken und ihrem Schreiben gegeben haben.

Hier finden Sie die Videoaufzeichnung des Abends:

Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?

Das Tschechische ist reich an Diminutiva, mit denen man eine ganze Emotionsskala differenziert ausdrücken kann. Dieses Mittel steht im Deutschen nur teilweise zur Verfügung.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Der kulturelle und gesellschaftliche Hintergrund der Figuren kann nicht eins zu eins übertragen werden und daher wirken der Charakter und das Handeln der Figuren vor dem Erfahrungskontext der deutschen Leserinnen und Leser mitunter anders.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

Abwechselnd in allen drei Kategorien, wobei mir die Bedeutung wohl am wichtigsten ist.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen?

Der tschechische Humor verfügt für mich über eine größere Gelassenheit und Entspanntheit als der Deutsche, was in der Übertragung leicht missverstanden werden kann.

Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?

Witze, die sich auf aktuelle tschechische Verhältnisse oder konkrete Personen des öffentlichen Lebens beziehen.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Ich liebe am Tschechischen das Spielerische und Verspielte und lasse mich davon für das Deutsche inspirieren.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Ich bin mir meiner Sprache bewusster geworden und verfeinere sie als ein Instrument der künstlerischen Interpretation.

Was war die schwerste Entscheidung, die du je in einer Übersetzung treffen musstest?

Die Einsicht, dass ich ein mehrsprachiges tschechisches Gedicht im Geiste der k. u. k. Monarchie für die Leserschaft in Deutschland nur annähernd übertragen kann.

Was sind deine Lieblingsworte auf Deutsch und auf Tschechisch?

Zwei Kosewörter. Auf Deutsch: Augenstern. Auf Tschechisch: zlatíčko, Goldstück.

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

Aktuell schließe ich eine Poesieübersetzung ab und mein nächstes Projekt wird wieder Poesie sein.


Foto: Thomas Heimerl
Das Interview führte Nathalie Weber.

Warum wollten Sie das „Buch über Bücher“ gerade jetzt veröffentlichen?

Weil die tschechische Literatur gerade jetzt sichtbar ist. Das Programm „Jahr der tschechischen Kultur“ in den deutschsprachigen Ländern und die bevorstehende Teilnahme Tschechiens als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 schaffen einen außergewöhnlichen Moment, in dem erneut intensiv über tschechische Autoren in ganz Europa gesprochen wird.

Wir wollten den Lesern eine klare Orientierung in der tschechischen Literatur der letzten hundert Jahre bieten – von Karel Čapek, Jaroslav Seifert und Bohumil Hrabal bis zu zeitgenössischen herausragenden Persönlichkeiten wie Radka Denemarková und Petr Sís.

Ich glaube, Kunst ist nicht nur eine Frage von Schönheit oder Überraschung. Gerade Literatur behandelt auf natürliche Weise Themen wie Macht, Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. In Zeiten von Beschleunigung, Spannung und Polarisierung gewinnt das Lesen besondere Dringlichkeit.

“Das Buch über Bücher” ist daher eine Einladung zum Lesen, die Horizonte erweitert und zum Nachdenken anregt.

Welchen Zweck verfolgen Sie damit, dass Sie das Buch für den deutschen Markt herausgeben?

Wir wollten die tschechische Literatur nicht museal präsentieren. Es geht nicht um den Export einer Identität, sondern um Dialog. Der deutsche Leser versteht sehr gut Fragen von Einfluss, Erinnerung, Schuld und Verantwortung – und genau hier berührt die tschechische Literatur auf natürliche Weise gemeinsame Themen.

Unsere Literatur nähert sich diesen Themen anders, ohne erklären oder moralisieren zu müssen. Oft durch Ironie, Absurdität und Stille. Genau darin liegt ihre Stärke und ihre europäische Relevanz. Sie kommt nicht, um zu belehren, sondern um Fragen zu stellen.

Das Buch heißt “Buch über Bücher”. Was sagen Sie mit diesem Titel?

Der Titel ist bewusst einfach gewählt. Es ist wirklich ein Buch über tschechische Bücher. Der Untertitel sagt es klar: 30 tschechische Autoren, die man lesen sollte. Damit lädt das Buch ein, die Vielfalt der tschechischen Literatur zu entdecken.

Jedes Kapitel ist ein kleines Innehalten bei einem Autor, seiner Denkweise und seiner Haltung zur Welt. Das Spektrum reicht vom geschriebenen Wort bis zur starken visuellen Sprache, etwa bei Jindřich Janíček, Andrea Tachezy oder den Illustrationen von Míla Fürstová zu Erbens Blumenstrauß.

Den Auftakt bildet ein Beitrag von Martin Krafl, dem Gasteditor und Programmdirektor des Ehrengastes CZECHIA auf der Frankfurter Buchmesse 2026 sowie des Jahres der tschechischen Kultur in den deutschsprachigen Ländern. Aus deutscher Perspektive sind vor allem die einführenden Worte des Schriftstellers und Verlegers Michael Krüger aufschlussreich, der als prägende Persönlichkeit des deutschsprachigen Literaturbetriebs gilt und wesentlich zur Vermittlung tschechischer Literatur in Deutschland beigetragen hat.

Es folgen 30 kurze, eigenständige Beiträge in Form von Interviews, Essays, Textauszügen, Fotografien sowie Texten von Autoren, Übersetzern und Verlegern.

Abgerundet wird das Werk durch ein markantes grafisches Konzept, das auf Karel Teige und Nezvals Alphabet verweist. Text, Bild und Typografie haben das gleiche Gewicht und verbinden Literaten der letzten hundert Jahre auf einzigartige Weise über Generationen hinweg.

Das Buch muss dabei nicht linear gelesen werden. Manchmal reicht es, es zu öffnen, durchzublättern und den Moment zu genießen.

Kniha o knihách/Buch über Bücher

Wie sind Sie bei der Auswahl der Autoren vorgegangen?

Die Auswahl der Autoren erfolgte nicht nach einem einzigen Schlüssel, um einen Kanon zu schaffen, sondern um einen lebendigen literarischen Raum zu eröffnen. Es ging uns um Stimmen, die wesentliche Fragen ihrer Zeit stellen können. Aus rund sechzig Vorschlägen haben wir Autoren ausgewählt, die offen und verantwortungsbewusst denken, generationen- und genreübergreifend, und die auch internationale, insbesondere deutschsprachige Leser ansprechen können.

Für uns ist die Harmonie von Inhalt und visueller Gestaltung entscheidend, damit alles organisch zusammenpasst. Einige Autoren arbeiten vor allem mit Text, andere inspirieren mit starker visueller Ausdruckskraft oder direkt mit Bild. Wenn Leser fragen, warum ein bestimmter Autor fehlt, antworte ich schlicht: Ich glaube, dieses Buch ist ein Anfang und seine Geschichte kann fortgesetzt werden.

Ist das nicht eher ein intellektuelles Buch für einen kleinen Leserkreis?

Im Gegenteil. Wir haben sehr darauf geachtet, dass es kein akademisches Buch für einen engen Kreis ist. Die Texte sind verständlich, die Form visuell ansprechend und teils verspielt, wie zum Beispiel bei Kateřina Šedá in der “Nationalen Sammlung von Angewohnheiten”. Das Buch richtet sich an neugierige Menschen, die Lust haben zu denken, zu entdecken und sich inspirieren zu lassen. Es eignet sich auch als Geschenk, das Auge und Geist gleichermaßen erfreut. Und das ist meiner Meinung nach heute nicht wenig.

In dem Buch tauchen häufig Themen wie Macht und Freiheit auf. Ist es ein politisches Buch?

Es ist ein verantwortungsvolles, aber kein politisches Buch im klassischen Sinn. Die tschechische Literatur hatte nie die Ambition, unpolitisch zu sein, da Macht immer in sie eingriff. Was diese Autoren verbindet, ist keine Ideologie, sondern die Fähigkeit, unbequeme Fragen zu stellen – bei Milan Kundera, Václav Havel, Alice Horáčková oder im spirituellen Ausdruck bei Tomáš Halík.

Ich spüre einen besonderen Widerspruch in der heutigen Zeit. Wir leben ständig in Verbindung und doch in wachsender Distanz. Wir wissen mehr übereinander, verstehen uns aber weniger. Es geht nicht um dramatisches Chaos, eher um stille Ermüdung. Die Welt verändert sich schneller, als wir sie begreifen können, und Unruhe entsteht aus dem, was fehlt – das Gefühl von Sicherheit, Einfachheit und Kontinuität, vielleicht auch Vertrauen. Dennoch bleibt etwas Beständiges: Beziehungen, Erinnerung, die Fähigkeit zu warten.

Unser Buch sagt den Menschen nicht, was sie tun sollen, sondern öffnet Raum für eigenes Nachdenken und Interpretation.

Was sollen die Leser aus dem Buch mitnehmen?

Vor allem die Freude am Lesen. Das Gefühl, auf ein Buch zu treffen, das klug und gut lesbar ist. Der Leser muss den tschechischen Kontext oder einzelne Autoren nicht kennen; das Buch führt ihn durch die tschechische Literatur auf natürliche und leichte Weise.

Ich wünsche mir, dass der Leser auch das Bewusstsein mitnimmt, sich Zeit gegönnt zu haben – einen Moment des Innehaltens bei einem Bild, Text oder Gedanken.

Und vielleicht weckt es auch Neugier. Die Lust, einen der Autoren zu entdecken, der ihn anspricht, und dabei zu den Geschichten zurückzukehren, die einen nicht ohne Hoffnung zurücklassen.

Was soll der Leser fühlen, wenn er das Buch schließt?

Das ist eine gute Frage. Ich wünsche mir, dass die Leser das Gefühl mitnehmen, dass es auch in einer komplexen Welt Gedanken und Geschichten gibt, die Tiefe, Inspiration und Hoffnung schenken – und dass Literatur Menschen weiterhin verbinden und neue Perspektiven eröffnen kann, auch heute.


Die Autorin des Interviews ist Barbora Vojtová; mit freundlicher Genehmigung aus dem NN Magazine übernommen.
Foto: Sabine Felber, Literaturtest

Die Stipendiat*innen werden ab April oder Oktober 2026 nach Bamberg kommen und je nach eigener Wahl fünf oder elf Monate in der Villa Concordia verbringen. Während der Residenzzeit werden sie in Bamberg leben und arbeiten; ihnen stehen Räumlichkeiten direkt im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia sowie ein monatliches Stipendium in Höhe von 1.500 Euro zur Verfügung. Teil des Aufenthalts sind auch öffentliche Präsentationen, in deren Rahmen die Künstler*innen ihre Werke vorstellen.

Starke tschechische Vertretung in allen Bereichen

Tschechien ist in allen drei Kunstbereichen im Programm vertreten. In der bildenden Kunst wurden Monika Immrová und Karel Štědrý ausgewählt, in der Literatur Dora Kaprálová und Eva Profousová, in der Musik Jiří Kadeřábek und Pavel Šabacký.

Insgesamt wurden für das Jahr 2026 13 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Deutschland und Tschechien ausgewählt. In der bildenden Kunst sind dies Johanna Ehmke, Luca-Maria Hien, Monika Immrová und Karel Štědrý, in der Literatur Leon Engler, Franziska Hauser, Dora Kaprálová, Christine Koschmieder und Eva Profousová, in der Musik Jiří Kadeřábek, Lou Kilger, Julia Mihály und Pavel Šabacký.

Der bayerische Kulturminister Markus Blume erklärte bei der Bekanntgabe der Namen, dass gerade die Verbindung von Weltoffenheit, künstlerischer Exzellenz und fränkischer Herzlichkeit dem Künstlerhaus des Freistaates Bayern seinen unverwechselbaren Charakter verleihe. Seiner Meinung nach ist die Villa Concordia unter der Leitung von Direktorin Nora-Eugenie Gomringer ein Ort, an dem internationale Perspektiven nicht nur aufeinandertreffen, sondern sich auch gegenseitig inspirieren. Das diesjährige Partnerland Tschechien knüpfe an eine lebendige Tradition des kulturellen Austauschs an, und die Stipendien schafften Raum für interkulturellen Dialog, gegenseitiges Verständnis und künstlerischen Austausch.

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Offizielle Vorstellung der neuen Stipendiatinnen und Stipendiaten

Die neuen Stipendiat*innen werden am 19. Mai 2026 um 19 Uhr direkt in der Villa Concordia in Bamberg von Direktorin Nora-Eugenie Gomringer begrüßt und der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das internationale Künstlerhaus Villa Concordia besteht seit Oktober 1997. Jedes Jahr lädt es Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und einem weiteren Land aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur und Musik ein. In den vergangenen Jahren kamen Stipendiatinnen und Stipendiaten beispielsweise aus England, Norwegen, Polen, Schottland, Griechenland, Litauen, Slowenien, Finnland, Frankreich, der Ukraine, Irland und zuletzt aus der Türkei.

Weitere Informationen über das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg sowie über die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten finden Sie hier.

Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie mehrere Titel aus dem Verlagsprogramm von Kétos vorgestellt. Nach welchen Kriterien wählen Sie tschechische Bücher aus, die Sie dem Publikum im deutschsprachigen Raum präsentieren möchten?

Der Verlag Kétos ist direkt auf tschechische Literatur ausgerichtet. Wir konzentrieren uns auf Werke und Strömungen, durch die sich die tschechische Literatur auszeichnet. Zum einen veröffentlichen wir nach und nach einen Querschnitt durch die tschechische Literatur, der aus der Perspektive des Poetismus interessant ist: also das, was die Poetisten inspirierte, von Mácha über die Symbolisten, dann die tschechischen Poetisten und Surrealisten selbst, und schließlich alles Mögliche, was vom Poetismus beeinflusst wurde oder in irgendeiner Weise damit verwandt ist, sei es im Underground oder im zeitgenössischen Schaffen. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf alle möglichen Nebenwege und markante Einzelgänger, die vielleicht sogar bei uns in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehören beispielsweise Váchal, Kocourek, Nevšímal usw.

Welche konkreten Titel haben Sie in Leipzig vorgestellt? Können Sie kurz erläutern, warum Sie gerade diese ausgewählt haben?

Wir haben die Dichterinnen Iveta Ciprysová und Radka Rubilina zu Veranstaltungen nach Leipzig eingeladen. Iveta Ciprysová ist eine junge Dichterin, die sich weder vor dem gebundenen Vers noch vor deutlichen Anspielungen, etwa auf Nezval oder Hlaváček, scheut, was hervorragend in unser Programm passt. Radka Rubilina, Direktorin des Tschechischen Zentrums in Sofia, verbindet antike Mythologie mit dem subjektiven, zeitgenössischen Schicksal ihres poetischen Ichs. Die Art ihrer Abkürzungen und Gleichnisse erinnert uns an Ingeborg Bachmann. Genau das sind unsere weiteren großen Interessen: die Antike und die Verknüpfung deutscher mit tschechischer Kultur. Außerdem stellen wir noch die Novelle „Jensen und Lilie“ von Josef Kocourek vor, mit der wir unser Programm surrealistischer und abenteuerlicher Romane ergänzen, und schließlich auch meinen neuen Gedichtband.

Der Verlag Kétos konzentriert sich stark auf Lyrik. Was reizt Sie gerade an diesem Bereich der tschechischen Literatur?

Um eine Handlung nacherzählen zu können, brauche ich keine Literatur: Das kann auch künstliche Intelligenz oder eine Fernsehdokumentation. Die Poesie ist insofern interessant, als sie im Idealfall aus den vielfältigen Möglichkeiten der Sprache schöpft, um die reine Handlung zu verstärken, sichtbar zu machen, zu vertonen. Die tschechische Poesie – in der Tradition Máchas und der Poetisten – zeichnet sich in dieser Hinsicht aus. Sie ist allerdings besonders anspruchsvoll für die Übersetzung, da sie die Besonderheiten der tschechischen Sprache maximal ausnutzt. Genau das reizt und inspiriert mich aber auch für das Schreiben auf Deutsch.

Poesie gehört in Tschechien nicht zu den Massenliteraturgattungen. Wie sieht die Situation in Deutschland und allgemein im deutschsprachigen Raum aus? Und wie wird tschechische Poesie dort aufgenommen – hat sie Ihrer Meinung nach die Chance, auch ein breiteres Publikum anzusprechen?

Die Lyrik gehörte in Tschechien schon viel länger zu den populären Genres als im deutschsprachigen Raum. In Österreich und Deutschland wird Lyrik selbst an Gymnasien kaum noch gelesen, da sie für das Abitur im Grunde genommen nicht mehr verpflichtend ist. Im deutschsprachigen Raum ist die Situation der Lyrik weitaus schlechter als in der Tschechischen Republik. Hinzu kommt noch das Problem, dass es Russland im Laufe der vergangenen Jahrhunderte gelungen ist, sich als einzige Kulturnation östlich von Ostdeutschland zu etablieren. Ja, seit 2022 werden auch zeitgenössische ukrainische Autoren gelesen, was gut ist. Aber die Grundlagen weder der ukrainischen noch der tschechischen Literatur sind im deutschsprachigen Raum fast niemandem bekannt. Dabei war gerade die tschechische Literatur mit der deutschen – trotz aller großen Unterschiede – bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten eng verbunden. Kurz gesagt: Die tschechische Poesie einem breiteren deutschsprachigen Publikum näherzubringen, ist ein Langstreckenlauf, aber meiner Meinung nach ist dies wichtiger und für beide Seiten gewinnbringender, als Romane für den Export nach dem aktuellen deutschen Geschmack zu schreiben.

Neben aktuellen Werken veröffentlichen Sie auch ältere Texte. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese aus, und inwiefern können sie für die Leserinnen und Leser von heute aktuell sein?

Wir alle leben in der Gegenwart, die wie jede Epoche Moden unterliegt. Wenn wir etwas Neues, etwas Überraschendes finden wollen, werden wir paradoxerweise leichter in der Vergangenheit fündig, die den heutigen Moden nicht unterlag. Ich habe Altgriechisch und Latein studiert und Romane aus Zeiten gelesen, als dieses Genre noch völlig neu und unberührt war. Literatur ist für mich so etwas wie Naturwissenschaft: In verschiedenen Sprachen und zu verschiedenen Zeiten gelangten die Dienerinnen und Diener der Musen zu unterschiedlichen Erkenntnissen, zum Beispiel in Bezug auf Rhythmus, Klangmalerei oder Bildhaftigkeit, die uns heute in unserer Sprache inspirieren können, damit wir keine Trottel sind.

Ondřej Cikán, foto: Sabine Felber

Sie sind als Übersetzer, Verleger und Autor tätig. Wie gelingt es Ihnen, diese Rollen unter einen Hut zu bringen – und inwiefern bereichern sie sich gegenseitig (oder behindern sie sich vielleicht sogar)?

Das Übersetzen ist Inspiration für das Schreiben, und das Schreiben ist Training für das Übersetzen. Das Übersetzen und das Verlagswesen nehmen mir Zeit für mein eigenes Schaffen, aber andererseits weiß ich nicht, wie ich selbst schreiben würde, wenn ich mich nicht durch das Übersetzen üben würde. Gleichzeitig ist das Übersetzen in gewisser Weise ein Hindernis für mein eigenes Schaffen, insofern, als ich gerne über neue Übersetzungen spreche und Fragen beantworte, aber meine eigenen neuen Gedichte nicht erwähne. Damit es nicht so heißt: Ich schreibe einen tschechischen Gedichtband in verschiedenen metrischen Versformen, denn die Fähigkeit zur Metrik ist eine Besonderheit der tschechischen Sprache, und ich habe das Bedürfnis, diese Metrik zu erforschen. Auf Deutsch ist von mir gerade der Gedichtband „Die Kinder der Riyun“ im Limbus Verlag erschienen. Er ist von japanischem Manga beeinflusst und handelt von einem zeitlosen Kampf gegen Dämonen. Außerdem geht es viel um Prag.

Kommt es vor, dass manche tschechischen Texte auf Deutsch anders „wirken“ als im Original? Hat Sie die Reaktion deutschsprachiger Leserinnen und Leser schon einmal überrascht?

Auf jeden Fall. Und in bestimmten Fällen muss man das vorhersehen und entsprechende Nachworte verfassen. Ein extremes Beispiel sind Egon Bondy und Ivo Vodseďálek, die die Rote Armee mit der Wehrmacht verglichen und die Wehrmacht so verherrlichten, wie es sich die stalinistische Propaganda für die Verherrlichung der Roten Armee gewünscht hätte. Das ist ein großartiger Witz, den wir Tschechen sofort verstehen, der den Deutschen aber Angst einjagt.

Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach öffentliche Lesungen, Messen und Festivals, damit das Publikum den Weg zur Übersetzungsliteratur findet?

Bei Lesungen und auf Messen habe ich die Möglichkeit, die Leser mit meiner eigenen Begeisterung anzustecken. Außerdem kann ich in beiden Sprachen lesen, um zu zeigen, wie schön beide – Tschechisch und Deutsch – sind und wie gut sie eigentlich miteinander harmonieren. Deutsch hat in Tschechien nicht gerade den Ruf einer klangvollen Sprache – und dasselbe gilt für Tschechisch im deutschen Sprachraum. Die Schönheit einer Sprache muss man hören.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich arbeite gerade an der Übersetzung des Epos „Astronautilia“ von Jan Křesadlo. Es ist ein monumentales Werk: ein Science-Fiction-Epos mit fast 7000 Versen, das Křesadlo 1994 verfasste, und zwar ursprünglich in altgriechischen Hexametern. Auch durch solche Auswüchse ist die tschechische Literatur außergewöhnlich. Und ich bin nun mal klassischer Philologe und beherrsche zudem die tschechische Sprache, also musste ich mich einfach daran wagen. Das Werk wird dreisprachig erscheinen, im tschechischen und griechischen Original mit deutscher Übersetzung, und es wird etwa 900 Seiten umfassen. Das griechische Original werden wir in einer kritischen Ausgabe veröffentlichen, an der Georg Danek, ein Spezialist für homerische Epen von der Universität Wien, arbeitet.

Haben Sie unter den aktuellen tschechischen Autoren oder Autorinnen einen persönlichen Favoriten oder eine Favoritin?

Wenn ich einzelne aktuelle tschechische Autoren oder Autorinnen nennen würde, würde ich die anderen wohl verärgern. Meine Favoriten sind schlichtweg diejenigen, die wir bei Kétos veröffentlichen. Und wir veröffentlichen sie, weil sie auf eine Weise schreiben, die für die deutschsprachige Literatur ungewöhnlich ist. Einen Autor könnte ich aber wohl erwähnen, weil er so seltsam und unbekannt ist, dass ich damit niemanden beleidige: Es ist Erwin Fellner, ein Spezialist für Sicherheitstechnologie aus einer tschechischen Familie mit Wurzeln in Triest, der zwischen Militärmessen, auf denen er Drohnen und Raketen vorstellt und für die Unterstützung der Ukraine wirbt, einen ziemlich erotischen und zugleich parodistischen Gedichtband verfasst hat – allerdings auf Deutsch. Auch solche Tschechen veröffentlichen wir.


Foto: Sabine Felber, Literaturtest
Das Interview mit dem Verleger und Übersetzer Ondřej Cikán führte Karolína Tomečková.

Auf Schloss Wiepersdorf in Deutschland findet derzeit ein zweiwöchiger Residenzaufenthalt von vier Autor*innenduos statt, die sich der Vorbereitung neuer Buchprojekte für Kinder und junge Leser*innen widmen. Die Residenz entstand in Zusammenarbeit mit dem Projekt Czechia2026, dem Festival „Knižní lázně“ und Schloss Wiepersdorf sowie mit finanzieller Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Ausgewählt wurden folgende Autor*innenduos: Lukáš Csicsely und Domik Tyl; Alice Krajčírová und Anna Kulíčková; Markéta Pilátová und Monika Hajek; Anna Štičková und Veronika Bílková.

Die Teilnehmer*innen konnten ihre Projekte mit der tschechischen Illustratorin Michaela Kukovičová besprechen. In dieser Woche besuchte auch die deutsche Autorin, Illustratorin und Verlegerin Rita Fürstenau, Gründerin des preisgekrönten Verlags Rotopol, die Residenz.

Die beiden wurden von einer Fachkommission aus acht eingereichten Bewerbungen ausgewählt. Der Kommission gehörten Renáta Fučíková vom Dramaturgischen Rat des Projekts Czechia 2026, Klára Khine für das Festival „Knižní lázně“ sowie Barbora Müllerová und Naděžda Bilinová vom Internationalen Festival für Illustration und Comics „Lustr“ an.