Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

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Danuše Siering: Die tschechische Literatur belehrt nicht, sie stellt Fragen

Danuše Siering, foto: Sabine Felber
Was kann die tschechische Literatur dem heutigen Europa bieten? Laut der Verlegerin Danuše Siering vor allem die Fähigkeit, wesentliche Fragen zu stellen, genau dort, wo andere oft vorschnell reagieren. Ihr neues „Buch Buch über Bücher – Kniha o knihách“ stellt dreißig bedeutende tschechische Autoren vor, deren Werke ins Deutsche und weitere Sprachen übersetzt wurden. Gerade jetzt, wo sich die Tschechische Republik auf ihre Rolle als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 vorbereitet, bietet das Buch dem deutschsprachigen Publikum einen faszinierenden Einblick in die tschechische Literatur der letzten hundert Jahre – von Karel Čapek bis zu bedeutenden zeitgenössischen Autoren.

Warum wollten Sie das „Buch über Bücher“ gerade jetzt veröffentlichen?

Weil die tschechische Literatur gerade jetzt sichtbar ist. Das Programm „Jahr der tschechischen Kultur“ in den deutschsprachigen Ländern und die bevorstehende Teilnahme Tschechiens als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 schaffen einen außergewöhnlichen Moment, in dem erneut intensiv über tschechische Autoren in ganz Europa gesprochen wird.

Wir wollten den Lesern eine klare Orientierung in der tschechischen Literatur der letzten hundert Jahre bieten – von Karel Čapek, Jaroslav Seifert und Bohumil Hrabal bis zu zeitgenössischen herausragenden Persönlichkeiten wie Radka Denemarková und Petr Sís.

Ich glaube, Kunst ist nicht nur eine Frage von Schönheit oder Überraschung. Gerade Literatur behandelt auf natürliche Weise Themen wie Macht, Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. In Zeiten von Beschleunigung, Spannung und Polarisierung gewinnt das Lesen besondere Dringlichkeit.

“Das Buch über Bücher” ist daher eine Einladung zum Lesen, die Horizonte erweitert und zum Nachdenken anregt.

Welchen Zweck verfolgen Sie damit, dass Sie das Buch für den deutschen Markt herausgeben?

Wir wollten die tschechische Literatur nicht museal präsentieren. Es geht nicht um den Export einer Identität, sondern um Dialog. Der deutsche Leser versteht sehr gut Fragen von Einfluss, Erinnerung, Schuld und Verantwortung – und genau hier berührt die tschechische Literatur auf natürliche Weise gemeinsame Themen.

Unsere Literatur nähert sich diesen Themen anders, ohne erklären oder moralisieren zu müssen. Oft durch Ironie, Absurdität und Stille. Genau darin liegt ihre Stärke und ihre europäische Relevanz. Sie kommt nicht, um zu belehren, sondern um Fragen zu stellen.

Das Buch heißt “Buch über Bücher”. Was sagen Sie mit diesem Titel?

Der Titel ist bewusst einfach gewählt. Es ist wirklich ein Buch über tschechische Bücher. Der Untertitel sagt es klar: 30 tschechische Autoren, die man lesen sollte. Damit lädt das Buch ein, die Vielfalt der tschechischen Literatur zu entdecken.

Jedes Kapitel ist ein kleines Innehalten bei einem Autor, seiner Denkweise und seiner Haltung zur Welt. Das Spektrum reicht vom geschriebenen Wort bis zur starken visuellen Sprache, etwa bei Jindřich Janíček, Andrea Tachezy oder den Illustrationen von Míla Fürstová zu Erbens Blumenstrauß.

Den Auftakt bildet ein Beitrag von Martin Krafl, dem Gasteditor und Programmdirektor des Ehrengastes CZECHIA auf der Frankfurter Buchmesse 2026 sowie des Jahres der tschechischen Kultur in den deutschsprachigen Ländern. Aus deutscher Perspektive sind vor allem die einführenden Worte des Schriftstellers und Verlegers Michael Krüger aufschlussreich, der als prägende Persönlichkeit des deutschsprachigen Literaturbetriebs gilt und wesentlich zur Vermittlung tschechischer Literatur in Deutschland beigetragen hat.

Es folgen 30 kurze, eigenständige Beiträge in Form von Interviews, Essays, Textauszügen, Fotografien sowie Texten von Autoren, Übersetzern und Verlegern.

Abgerundet wird das Werk durch ein markantes grafisches Konzept, das auf Karel Teige und Nezvals Alphabet verweist. Text, Bild und Typografie haben das gleiche Gewicht und verbinden Literaten der letzten hundert Jahre auf einzigartige Weise über Generationen hinweg.

Das Buch muss dabei nicht linear gelesen werden. Manchmal reicht es, es zu öffnen, durchzublättern und den Moment zu genießen.

Kniha o knihách/Buch über Bücher

Wie sind Sie bei der Auswahl der Autoren vorgegangen?

Die Auswahl der Autoren erfolgte nicht nach einem einzigen Schlüssel, um einen Kanon zu schaffen, sondern um einen lebendigen literarischen Raum zu eröffnen. Es ging uns um Stimmen, die wesentliche Fragen ihrer Zeit stellen können. Aus rund sechzig Vorschlägen haben wir Autoren ausgewählt, die offen und verantwortungsbewusst denken, generationen- und genreübergreifend, und die auch internationale, insbesondere deutschsprachige Leser ansprechen können.

Für uns ist die Harmonie von Inhalt und visueller Gestaltung entscheidend, damit alles organisch zusammenpasst. Einige Autoren arbeiten vor allem mit Text, andere inspirieren mit starker visueller Ausdruckskraft oder direkt mit Bild. Wenn Leser fragen, warum ein bestimmter Autor fehlt, antworte ich schlicht: Ich glaube, dieses Buch ist ein Anfang und seine Geschichte kann fortgesetzt werden.

Ist das nicht eher ein intellektuelles Buch für einen kleinen Leserkreis?

Im Gegenteil. Wir haben sehr darauf geachtet, dass es kein akademisches Buch für einen engen Kreis ist. Die Texte sind verständlich, die Form visuell ansprechend und teils verspielt, wie zum Beispiel bei Kateřina Šedá in der “Nationalen Sammlung von Angewohnheiten”. Das Buch richtet sich an neugierige Menschen, die Lust haben zu denken, zu entdecken und sich inspirieren zu lassen. Es eignet sich auch als Geschenk, das Auge und Geist gleichermaßen erfreut. Und das ist meiner Meinung nach heute nicht wenig.

In dem Buch tauchen häufig Themen wie Macht und Freiheit auf. Ist es ein politisches Buch?

Es ist ein verantwortungsvolles, aber kein politisches Buch im klassischen Sinn. Die tschechische Literatur hatte nie die Ambition, unpolitisch zu sein, da Macht immer in sie eingriff. Was diese Autoren verbindet, ist keine Ideologie, sondern die Fähigkeit, unbequeme Fragen zu stellen – bei Milan Kundera, Václav Havel, Alice Horáčková oder im spirituellen Ausdruck bei Tomáš Halík.

Ich spüre einen besonderen Widerspruch in der heutigen Zeit. Wir leben ständig in Verbindung und doch in wachsender Distanz. Wir wissen mehr übereinander, verstehen uns aber weniger. Es geht nicht um dramatisches Chaos, eher um stille Ermüdung. Die Welt verändert sich schneller, als wir sie begreifen können, und Unruhe entsteht aus dem, was fehlt – das Gefühl von Sicherheit, Einfachheit und Kontinuität, vielleicht auch Vertrauen. Dennoch bleibt etwas Beständiges: Beziehungen, Erinnerung, die Fähigkeit zu warten.

Unser Buch sagt den Menschen nicht, was sie tun sollen, sondern öffnet Raum für eigenes Nachdenken und Interpretation.

Was sollen die Leser aus dem Buch mitnehmen?

Vor allem die Freude am Lesen. Das Gefühl, auf ein Buch zu treffen, das klug und gut lesbar ist. Der Leser muss den tschechischen Kontext oder einzelne Autoren nicht kennen; das Buch führt ihn durch die tschechische Literatur auf natürliche und leichte Weise.

Ich wünsche mir, dass der Leser auch das Bewusstsein mitnimmt, sich Zeit gegönnt zu haben – einen Moment des Innehaltens bei einem Bild, Text oder Gedanken.

Und vielleicht weckt es auch Neugier. Die Lust, einen der Autoren zu entdecken, der ihn anspricht, und dabei zu den Geschichten zurückzukehren, die einen nicht ohne Hoffnung zurücklassen.

Was soll der Leser fühlen, wenn er das Buch schließt?

Das ist eine gute Frage. Ich wünsche mir, dass die Leser das Gefühl mitnehmen, dass es auch in einer komplexen Welt Gedanken und Geschichten gibt, die Tiefe, Inspiration und Hoffnung schenken – und dass Literatur Menschen weiterhin verbinden und neue Perspektiven eröffnen kann, auch heute.


Die Autorin des Interviews ist Barbora Vojtová; mit freundlicher Genehmigung aus dem NN Magazine übernommen.
Foto: Sabine Felber, Literaturtest