Tschechien

Frankfurter Buchmesse
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Die tschechische Lyrik verdient geduldige Pflege und sollte sich nicht der Nachfrage aus dem Ausland unterwerfen, sagt Ondřej Cikán

Ondřej Cikán, foto: Sabine Felber
Tschechische Lyrik besteht nicht nur aus kanonischen Namen wie Mácha oder Erben, sondern auch aus zeitgenössischen Werken, in denen weibliche Stimmen immer deutlicher zu hören sind. Ondřej Cikán, Träger des Österreichischen Staatspreises für literarische Übersetzung ins Deutsche, erklärt im Interview, womit tschechische Gedichte im deutschsprachigen Raum überzeugen können.

Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie mehrere Titel aus dem Verlagsprogramm von Kétos vorgestellt. Nach welchen Kriterien wählen Sie tschechische Bücher aus, die Sie dem Publikum im deutschsprachigen Raum präsentieren möchten?

Der Verlag Kétos ist direkt auf tschechische Literatur ausgerichtet. Wir konzentrieren uns auf Werke und Strömungen, durch die sich die tschechische Literatur auszeichnet. Zum einen veröffentlichen wir nach und nach einen Querschnitt durch die tschechische Literatur, der aus der Perspektive des Poetismus interessant ist: also das, was die Poetisten inspirierte, von Mácha über die Symbolisten, dann die tschechischen Poetisten und Surrealisten selbst, und schließlich alles Mögliche, was vom Poetismus beeinflusst wurde oder in irgendeiner Weise damit verwandt ist, sei es im Underground oder im zeitgenössischen Schaffen. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf alle möglichen Nebenwege und markante Einzelgänger, die vielleicht sogar bei uns in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehören beispielsweise Váchal, Kocourek, Nevšímal usw.

Welche konkreten Titel haben Sie in Leipzig vorgestellt? Können Sie kurz erläutern, warum Sie gerade diese ausgewählt haben?

Wir haben die Dichterinnen Iveta Ciprysová und Radka Rubilina zu Veranstaltungen nach Leipzig eingeladen. Iveta Ciprysová ist eine junge Dichterin, die sich weder vor dem gebundenen Vers noch vor deutlichen Anspielungen, etwa auf Nezval oder Hlaváček, scheut, was hervorragend in unser Programm passt. Radka Rubilina, Direktorin des Tschechischen Zentrums in Sofia, verbindet antike Mythologie mit dem subjektiven, zeitgenössischen Schicksal ihres poetischen Ichs. Die Art ihrer Abkürzungen und Gleichnisse erinnert uns an Ingeborg Bachmann. Genau das sind unsere weiteren großen Interessen: die Antike und die Verknüpfung deutscher mit tschechischer Kultur. Außerdem stellen wir noch die Novelle „Jensen und Lilie“ von Josef Kocourek vor, mit der wir unser Programm surrealistischer und abenteuerlicher Romane ergänzen, und schließlich auch meinen neuen Gedichtband.

Der Verlag Kétos konzentriert sich stark auf Lyrik. Was reizt Sie gerade an diesem Bereich der tschechischen Literatur?

Um eine Handlung nacherzählen zu können, brauche ich keine Literatur: Das kann auch künstliche Intelligenz oder eine Fernsehdokumentation. Die Poesie ist insofern interessant, als sie im Idealfall aus den vielfältigen Möglichkeiten der Sprache schöpft, um die reine Handlung zu verstärken, sichtbar zu machen, zu vertonen. Die tschechische Poesie – in der Tradition Máchas und der Poetisten – zeichnet sich in dieser Hinsicht aus. Sie ist allerdings besonders anspruchsvoll für die Übersetzung, da sie die Besonderheiten der tschechischen Sprache maximal ausnutzt. Genau das reizt und inspiriert mich aber auch für das Schreiben auf Deutsch.

Poesie gehört in Tschechien nicht zu den Massenliteraturgattungen. Wie sieht die Situation in Deutschland und allgemein im deutschsprachigen Raum aus? Und wie wird tschechische Poesie dort aufgenommen – hat sie Ihrer Meinung nach die Chance, auch ein breiteres Publikum anzusprechen?

Die Lyrik gehörte in Tschechien schon viel länger zu den populären Genres als im deutschsprachigen Raum. In Österreich und Deutschland wird Lyrik selbst an Gymnasien kaum noch gelesen, da sie für das Abitur im Grunde genommen nicht mehr verpflichtend ist. Im deutschsprachigen Raum ist die Situation der Lyrik weitaus schlechter als in der Tschechischen Republik. Hinzu kommt noch das Problem, dass es Russland im Laufe der vergangenen Jahrhunderte gelungen ist, sich als einzige Kulturnation östlich von Ostdeutschland zu etablieren. Ja, seit 2022 werden auch zeitgenössische ukrainische Autoren gelesen, was gut ist. Aber die Grundlagen weder der ukrainischen noch der tschechischen Literatur sind im deutschsprachigen Raum fast niemandem bekannt. Dabei war gerade die tschechische Literatur mit der deutschen – trotz aller großen Unterschiede – bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten eng verbunden. Kurz gesagt: Die tschechische Poesie einem breiteren deutschsprachigen Publikum näherzubringen, ist ein Langstreckenlauf, aber meiner Meinung nach ist dies wichtiger und für beide Seiten gewinnbringender, als Romane für den Export nach dem aktuellen deutschen Geschmack zu schreiben.

Neben aktuellen Werken veröffentlichen Sie auch ältere Texte. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese aus, und inwiefern können sie für die Leserinnen und Leser von heute aktuell sein?

Wir alle leben in der Gegenwart, die wie jede Epoche Moden unterliegt. Wenn wir etwas Neues, etwas Überraschendes finden wollen, werden wir paradoxerweise leichter in der Vergangenheit fündig, die den heutigen Moden nicht unterlag. Ich habe Altgriechisch und Latein studiert und Romane aus Zeiten gelesen, als dieses Genre noch völlig neu und unberührt war. Literatur ist für mich so etwas wie Naturwissenschaft: In verschiedenen Sprachen und zu verschiedenen Zeiten gelangten die Dienerinnen und Diener der Musen zu unterschiedlichen Erkenntnissen, zum Beispiel in Bezug auf Rhythmus, Klangmalerei oder Bildhaftigkeit, die uns heute in unserer Sprache inspirieren können, damit wir keine Trottel sind.

Sie sind als Übersetzer, Verleger und Autor tätig. Wie gelingt es Ihnen, diese Rollen unter einen Hut zu bringen – und inwiefern bereichern sie sich gegenseitig (oder behindern sie sich vielleicht sogar)?

Das Übersetzen ist Inspiration für das Schreiben, und das Schreiben ist Training für das Übersetzen. Das Übersetzen und das Verlagswesen nehmen mir Zeit für mein eigenes Schaffen, aber andererseits weiß ich nicht, wie ich selbst schreiben würde, wenn ich mich nicht durch das Übersetzen üben würde. Gleichzeitig ist das Übersetzen in gewisser Weise ein Hindernis für mein eigenes Schaffen, insofern, als ich gerne über neue Übersetzungen spreche und Fragen beantworte, aber meine eigenen neuen Gedichte nicht erwähne. Damit es nicht so heißt: Ich schreibe einen tschechischen Gedichtband in verschiedenen metrischen Versformen, denn die Fähigkeit zur Metrik ist eine Besonderheit der tschechischen Sprache, und ich habe das Bedürfnis, diese Metrik zu erforschen. Auf Deutsch ist von mir gerade der Gedichtband „Die Kinder der Riyun“ im Limbus Verlag erschienen. Er ist von japanischem Manga beeinflusst und handelt von einem zeitlosen Kampf gegen Dämonen. Außerdem geht es viel um Prag.

Kommt es vor, dass manche tschechischen Texte auf Deutsch anders „wirken“ als im Original? Hat Sie die Reaktion deutschsprachiger Leserinnen und Leser schon einmal überrascht?

Auf jeden Fall. Und in bestimmten Fällen muss man das vorhersehen und entsprechende Nachworte verfassen. Ein extremes Beispiel sind Egon Bondy und Ivo Vodseďálek, die die Rote Armee mit der Wehrmacht verglichen und die Wehrmacht so verherrlichten, wie es sich die stalinistische Propaganda für die Verherrlichung der Roten Armee gewünscht hätte. Das ist ein großartiger Witz, den wir Tschechen sofort verstehen, der den Deutschen aber Angst einjagt.

Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach öffentliche Lesungen, Messen und Festivals, damit das Publikum den Weg zur Übersetzungsliteratur findet?

Bei Lesungen und auf Messen habe ich die Möglichkeit, die Leser mit meiner eigenen Begeisterung anzustecken. Außerdem kann ich in beiden Sprachen lesen, um zu zeigen, wie schön beide – Tschechisch und Deutsch – sind und wie gut sie eigentlich miteinander harmonieren. Deutsch hat in Tschechien nicht gerade den Ruf einer klangvollen Sprache – und dasselbe gilt für Tschechisch im deutschen Sprachraum. Die Schönheit einer Sprache muss man hören.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich arbeite gerade an der Übersetzung des Epos „Astronautilia“ von Jan Křesadlo. Es ist ein monumentales Werk: ein Science-Fiction-Epos mit fast 7000 Versen, das Křesadlo 1994 verfasste, und zwar ursprünglich in altgriechischen Hexametern. Auch durch solche Auswüchse ist die tschechische Literatur außergewöhnlich. Und ich bin nun mal klassischer Philologe und beherrsche zudem die tschechische Sprache, also musste ich mich einfach daran wagen. Das Werk wird dreisprachig erscheinen, im tschechischen und griechischen Original mit deutscher Übersetzung, und es wird etwa 900 Seiten umfassen. Das griechische Original werden wir in einer kritischen Ausgabe veröffentlichen, an der Georg Danek, ein Spezialist für homerische Epen von der Universität Wien, arbeitet.

Haben Sie unter den aktuellen tschechischen Autoren oder Autorinnen einen persönlichen Favoriten oder eine Favoritin?

Wenn ich einzelne aktuelle tschechische Autoren oder Autorinnen nennen würde, würde ich die anderen wohl verärgern. Meine Favoriten sind schlichtweg diejenigen, die wir bei Kétos veröffentlichen. Und wir veröffentlichen sie, weil sie auf eine Weise schreiben, die für die deutschsprachige Literatur ungewöhnlich ist. Einen Autor könnte ich aber wohl erwähnen, weil er so seltsam und unbekannt ist, dass ich damit niemanden beleidige: Es ist Erwin Fellner, ein Spezialist für Sicherheitstechnologie aus einer tschechischen Familie mit Wurzeln in Triest, der zwischen Militärmessen, auf denen er Drohnen und Raketen vorstellt und für die Unterstützung der Ukraine wirbt, einen ziemlich erotischen und zugleich parodistischen Gedichtband verfasst hat – allerdings auf Deutsch. Auch solche Tschechen veröffentlichen wir.

Foto: Sabine Felber, Literaturtest

Das Interview mit dem Verleger und Übersetzer Ondřej Cikán führte Karolína Tomečková.