Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?
Das Tschechische ist oft viel beweglicher, verspielter, biegsamer als das Deutsche. Konkret fallen mir dazu zuerst die Aspekte der Verben ein: um den Unterschied zwischen einer vollendeten, prozessualen, einmaligen oder sich wiederholenden Handlung im Deutschen auszudrücken, muss man sich mit anderen Mitteln verhelfen (zum Beispiel mit Adverbien). Überhaupt lässt sich mit den Verben, und nicht nur mit ihnen, im Tschechischen viel spielen. Durch die Beweglichkeit der Sprache mit ihren vielen Endungen und der relativ freien Satzstruktur lässt sich auch viel natürlicher reimen, oder sagen wir: anders rhythmisieren als im Deutschen, ohne dass es gekünstelt wirkt.
Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?
Das sollte eigentlich niemals passieren – abgesehen davon, dass die Figur plötzlich eine andere Sprache spricht. Die Figur bleibt dieselbe, sie hat nur andere Mittel zur Verfügung, um sich ausdrücken, begreiflich zu machen. Es kommt mitunter vor, dass sie mehr sagen muss, manchmal andere Bilder verwendet, aber sie spricht im selben Ton, mit derselben Intention.
Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?
Zuerst muss ich das Bild vor mir sehen. Das schaue ich mir dann an, betrachte das Sprachmaterial, lausche dem Rhythmus, dem Duktus, schaue zwischen die Zeilen und probiere dann aus, wie ich das ganze Paket mit möglichst wenigen Verlusten auf die andere Seite, in eine andere Sprache und einen anderen Kontext gut bringen kann.
Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen?
Ehrlicherweise ärgert mich dieses Herumreiten auf dem tschechischen Humor, der oft für eine gewisse bierselige Tollpatschigkeit steht. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob auf Tschechisch mehr gelacht wird als auf Deutsch – oder ob uns da nicht die tradierten Klischees zu fest in ihren Krallen halten. Manchmal habe ich auch den Eindruck, es wird viel weggelacht, um sich nicht auseinandersetzen zu müssen, oder es werden Grenzen deutlich überschritten und als Humor getarnt.
Aber es ist natürlich immer eine Herausforderung, Humor, der auf Anspielungen, Sprachbesonderheiten oder konkretem lokalen Wissen, einer Art stiller Vereinbarung, basiert, zu übertragen. Doch das gilt ja für alle Sprachen.
Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?
Alles, was sprach- und (kultur)kontext-immanent ist, ist schwierig, da muss man oft nach ähnlichen Bildern etc. suchen. Und was mir auch oft begegnet ist: Man macht sich auf Tschechisch anders über bestimmte politische, historische oder auch gesellschaftliche Kontexte lustig, oder ironisiert sie – zum Beispiel über den Zweiten Weltkrieg und den deutschen Faschismus –, weil man es eben aus einer anderen historisch-politischen Perspektive tut. Aber es trifft auch andere Bereiche, die Grenzen des Sagbaren sind teilweise sehr unterschiedlich.
Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?
Ich bewege mich oft zwischen den Sprachen, in einem Transferraum. Das Übersetzen hat definitiv die Art und Weise beeinflusst, wie ich auf Sprache schaue, auf jede Sprache. Beim Übersetzen lese ich auch ganz anders, viel intensiver, tiefer, vieldimensionaler – wie meine geschätzte Kollegin Kristina Kallert einmal sagte, das Übersetzen ist die äußerste Lektüre.
Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?
Vor Kurzem ist der Band „Und ich sah mein Gesicht“ mit Gedichten von Petr Hruška (Voland&Quist) erschienen und in den nächsten Tagen wird der Roman „Handlungsstörung“ von Emma Kausc (Zeitkind Verlag) in die Buchläden kommen.
Aktuell arbeite ich noch an einigen Büchern, die zu Frankfurt erscheinen. Zwei Prosatexte sind derzeit im Lektorat – die Romane „Radikale Bedürfnisse“ von Tereza Semotamová (Voland&Quist) und „Ein Bogen aus Fabel“ von Anna Luňáková (Verlag Das Wunderhorn). Mit meiner Kollegin Daniela Pusch geben wir gemeinsam eine Anthologie „Poežije“ mit zeitgenössischer tschechischer Lyrik heraus, die wir zusammen mit anderen Kolleg*innen auch übersetzen (edition.fotoTapeta). Und das letzte Projekt für Frankfurt ist die Übersetzung der Gedichte von Iryna Zahladko.
Dazu kommen noch Lesungen und andere Veranstaltungen. Ein schönes Projekt, das mich im Herbst erwartet, ist eine gemeinsame Performance mit dem Duo Stock-Wettin und dem Komponisten Friedemann Stolte, in der tschechische Lyrik in Übersetzung auf zeitgenössische Komposition und Musik trifft. Darauf freue ich mich auch sehr.
Foto: Paul Jeute
Das Interview führte Nathalie Weber.


