Du bist Lyriker, Dramatiker und Autor von Kinderbüchern. Woher beziehst du deine Inspiration? Wie entscheidest du dich für deinen nächsten Text bzw. das nächste Thema?
Inspiration ist für mich meistens keine plötzliche Idee, die aus dem Nichts kommt. Vielmehr beobachte ich über längere Zeit Dinge, die mich beunruhigen, faszinieren oder die ich nicht ganz verstehe. Das können Tiere sein, eine Landschaft, ein historisches Ereignis, ein altes Foto, ein seltsames Wort oder eine vergessene menschliche Geschichte. Ich mache mir viele Notizen – früher in Notizbüchern, heute oft auf dem Handy –, und manche davon warten jahrelang darauf, dass ich herausfinde, wozu sie eigentlich gehören.
Auch die verschiedenen Bereiche meines Schaffens greifen ständig ineinander. Ich empfinde die Vielfalt meiner Arbeit nicht als etwas, das sich in voneinander getrennte Bereiche aufteilen ließe. Poetisches Denken kann in einem Sachbuch über Tiere auftauchen, und eine historische Recherche kann wiederum zum Ausgangspunkt eines Gedichts oder einer Geschichte werden. Deshalb wähle ich meine Themen oft gar nicht völlig bewusst aus. Vielmehr merke ich irgendwann, dass ich immer wieder zu etwas zurückkehre – und in einem bestimmten Moment begreife ich, dass daraus ein Buch werden könnte.
Gemeinsam mit der Illustratorin Renáta Fučíková hast du ein Buch über Franz Kafka veröffentlicht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie hat sie sich gestaltet?
Ich habe Renáta Fučíková aufgrund ihrer hervorragenden Arbeiten im Bereich der didaktischen Illustration um eine Zusammenarbeit gebeten. Als Germanist beschäftige ich mich seit Langem mit Kafka und wollte ein Buch schaffen, das ihn jüngeren Leserinnen und Lesern anders vorstellt als als unantastbare Ikone der Weltliteratur. Mich interessierte, was für ein Mensch er war, in welchem Prag er lebte, welche Beziehungen er hatte, wovor er Angst hatte, was ihm Freude machte – und natürlich, wie aus diesem Leben seine Literatur hervorging.
Deshalb war die visuelle Ebene für mich außerordentlich wichtig. Wir wollten kein illustriertes Lehrbuch schaffen. Text und Bild sollten gemeinsam erzählen und dabei manchmal jeweils einen etwas anderen Weg einschlagen. Ich versuchte eher, Kafka zu entmythisieren und mich an die Fakten zu halten, während Renátas Illustrationen Raum für Metaphern, Geheimnisse und unterschiedliche Interpretationen öffnen konnten. Einige Texte Kafkas stellten wir zudem in Form von Comics vor, andere durch Auszüge aus seinen Erzählungen.
Ich glaube, gerade die Spannung zwischen der sachlich-dokumentarischen und der künstlerischen Ebene ist eine der Stärken des Buches. Unsere Zusammenarbeit wurde später fortgesetzt: Im „Kafka-Jahr“ 2024 bildete das Buch die Grundlage für die international erfolgreiche Ausstellung Franz Kafka: Ein Mensch seiner und unserer Zeit.

Außerdem übersetzt du Texte ins Tschechische. Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen der deutschen und der tschechischen Sprache?
Deutsch und Tschechisch sind sich nicht zuletzt aufgrund ihres jahrhundertelangen Zusammenlebens überraschend nahe, funktionieren zugleich aber sehr unterschiedlich. Das Deutsche kann durch die Zusammensetzung von Wörtern außerordentlich präzise Begriffe bilden, und seine Syntax ermöglicht es, lange Sätze wie eine Architektur zu bauen, in der sich die Bedeutung manchmal erst am Ende endgültig erschließt. Das Tschechische ist durch seine Deklination und die freiere Wortstellung beweglicher. Wörter lassen sich innerhalb eines Satzes verschieben und dadurch können Akzent, Rhythmus oder emotionale Färbung sehr fein verändert werden.
Für einen Übersetzer von Lyrik ist außerdem der Klang entscheidend. Das Deutsche hat einen anderen Rhythmus, eine andere Wortstruktur und eine etwas andere Reimtradition als das Tschechische. Übersetzen ist deshalb niemals ein mechanisches Übertragen von Bedeutungen. Ich habe beispielsweise Georg Trakl, R. M. Rilke, Paul Celan oder Goethes Faust übersetzt, und jedes Mal musste ich gewissermaßen ein anderes Tschechisch finden, das eine vergleichbare Wirkung wie das Original entfalten konnte.
Ein Übersetzer befindet sich in einer paradoxen Situation: Er muss kreativ sein, aber sein Ideal besteht darin, möglichst unsichtbar zu bleiben. Der Lesende sollte nicht den Übersetzer bewundern, sondern das Gefühl haben, dass ein fremdsprachiger Autor auf Tschechisch zu ihm spricht.
Du unterrichtest Kreatives Schreiben an der Karls-Universität in Prag. Welche Tipps hast du für angehende Schriftsteller*innen und Texter*innen?
Mein erster Rat ist einfach: lesen. Viel und Unterschiedliches, auch Bücher, wie man sie selbst niemals schreiben würde. Ohne Lektüre schließt sich das eigene Schreiben einerseits sehr leicht in der Welt der eigenen Vorstellungen ein, andererseits kann sich das notwendige Sprachgefühl kaum entwickeln und verfeinern.
Mein zweiter Rat lautet, tatsächlich zu schreiben und nicht unbedingt auf Inspiration zu warten. Talent ist wichtig, aber Schreiben ist auch ein Handwerk. Man muss lernen, einen Text zu kürzen, umzuschreiben, beiseitezulegen und nach einiger Zeit wieder zu ihm zurückzukehren. Deshalb halte ich beim Unterrichten des kreativen Schreibens die gemeinsame Diskussion konkreter Texte für sehr wichtig. Autor*innen müssen lernen, Feedback anzunehmen, zugleich aber auch eine Grenze zu ziehen und zu erkennen, welche Kritik man nicht annehmen sollte.
Und mein dritter Rat klingt vielleicht paradox: Man sollte nicht versuchen, zu schnell Schriftsteller*in zu werden. Zunächst braucht man etwas, das es wirklich wert ist, mitgeteilt zu werden, und man muss seinen eigenen Weg finden, es auszudrücken. Das gilt auch für Kinderliteratur. Ein Kind ist kein weniger intelligenter Erwachsener. Beim Schreiben für Kinder sollten wir uns nicht zu ihnen hinabbeugen, sondern mit ihnen als gleichberechtigte Partner*innen sprechen.



Du befindest dich gerade in Mikulov, um hier im Rahmen eines Artist-in-Residence-Programms zu schreiben und zu arbeiten. Wie gestaltet sich dein Alltag? Wie lange wirst du hier sein?
Ein Residenzaufenthalt bedeutet für mich vor allem die Möglichkeit, für eine gewisse Zeit aus meinem gewohnten Rhythmus auszusteigen. Zu Hause muss sich das Schreiben die Zeit ständig mit der Lehre, Übersetzungen und anderen Verpflichtungen teilen. Hier kann ich mich auf einige Projekte konzentrieren, die längere Zeit und Ruhe brauchen.
Allerdings kann ich nicht acht Stunden am Computer sitzen und arbeiten. Ich muss gehen. Dafür ist Mikulov ideal: Die Stadt hat eine außerordentlich reiche Geschichte, und die Landschaft in ihrer Umgebung ist so markant, dass sie einen zwingt, hinzusehen. Deshalb empfinde ich Spaziergänge nicht als Unterbrechung der Arbeit. Oft sind sie ein Teil davon. Ich notiere mir etwas, fotografiere etwas und kehre später zum eigentlichen Schreiben zurück. Ich arbeite vor allem tagsüber, und am Abend versuche ich, wenn es möglich ist, den Text eine Weile ruhen zu lassen.
Ich verbringe den ganzen August in Mikulov. Das ist lange genug, um sich nicht mehr wie ein Tourist zu fühlen, und zugleich kurz genug, um sich immer noch bewusst zu sein, dass man sich an einem anderen Ort als zu Hause befindet.

Dein Buch Das große Buch der bedrohten Tierarten ist auch auf Deutsch erschienen. Wie entstand dieses Buch und was möchtest du jungen Leserinnen und Lesern damit vermitteln?
Das Buch ist Teil einer Reihe, zu der auch ein Atlas ausgestorbener und ein Atlas prähistorischer Tiere gehören. Ich wollte keinen klassischen Atlas schreiben, in dem die einzelnen bedrohten Arten lediglich anhand von Angaben zu Größe, Verbreitung und Lebensweise beschrieben werden. Mich interessierten ihre Geschichten – und vor allem die Geschichten ihrer Beziehung zum Menschen.
Deshalb habe ich mehrere Dutzend Arten aus unterschiedlichen Teilen der Welt ausgewählt. An ihren Schicksalen lassen sich sehr unterschiedliche Ursachen ihrer Bedrohung zeigen: die Zerstörung natürlicher Lebensräume, die Jagd, der Handel mit Tieren oder der Klimawandel. Besonders faszinierend finde ich jene Fälle, in denen es dank menschlicher Anstrengungen gelungen ist, eine Art zu retten.
Wichtig war mir, nicht zu belehren. Der Mensch ist ein Teil des Problems, aber er kann auch ein Teil der Lösung sein. Gerade die Kinder, die dieses Buch heute lesen, werden in einigen Jahrzehnten mitentscheiden, wie unsere Welt aussehen wird. Und ich glaube, die erste Voraussetzung dafür, etwas schützen zu wollen, besteht darin, es kennenzulernen und sich dafür zu interessieren.
Natürlich freue ich mich, dass das Buch auch auf Deutsch beim renommierten Trötsch Verlag erschienen ist. Der deutschsprachige Kulturraum ist mir als Germanist und Übersetzer seit Langem sehr nahe, deshalb ist die deutsche Ausgabe für mich nicht einfach nur eine von vielen Übersetzungen meiner Bücher in andere Sprachen.
Was sind deine aktuellen Literaturtipps, um tiefer in die tschechische Literatur einzutauchen?
Die tschechische Literatur ist heute sehr vielfältig, deshalb würde ich statt eines einzelnen Buches eher verschiedene Wege empfehlen. Aus der zeitgenössischen Prosa würde ich auf jeden Fall Radka Denemarková nennen, die sich mit großen gesellschaftlichen und historischen Themen beschäftigt, aber auch Vratislav Maňák, dessen Reportageband S Wittgensteinem v gaysauně (Mit Wittgenstein in der Schwulensauna) zu Recht sowohl in Tschechien als auch in Deutschland große Aufmerksamkeit findet.
Als Lyriker möchte ich natürlich auch die Poesie nicht außer Acht lassen. Petr Hruška beispielsweise gehört für mich zu den bedeutendsten tschechischen Dichter*innen der Gegenwart: Er kann aus einer ganz alltäglichen Situation etwas Existenzielles entstehen lassen, ohne dafür große Worte zu benötigen. Aus der jüngeren und mittleren Generation würde ich außerdem Marie Iljašenko empfehlen, deren Lyrik auf sehr natürliche Weise die Grenzen zwischen Sprachen, Kulturen und nationalen Identitäten überschreitet.
Radek Malý (*1977 in Olomouc) ist Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er schreibt vor allem lyrische Texte und Kinderbücher, doch auch Dramen gehören zu seinem literarischen Schaffen. Als Übersetzer hat Malý unter anderem Gedichte von Erich Kästner, Georg Trakl und Paul Celan sowie Goethes "Faust" ins Tschechische übertragen. Er unterrichtet an der Karls-Universität in Prag.
Fotos: Radek Malý , Copyright Coverbild:Alžběta Holubová
Das Interview führte Annika Grützner.


