Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

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Das Studio JinJan bringt eine kleine Felsenstadt zur Frankfurter Buchmesse mit. Ein Interview mit den Architekten

JinJan - Jindřich Ráftl a Jan Tůma
„Alle Macht der Fantasie.“ An diesem Motto von Jan Švankmajer orientierte sich bei der Gestaltung des tschechischen Pavillons auch das Studio JinJan – Jindřich Ráftl und Jan Tůma –, das auch für die Gestaltung des tschechischen Pavillons für die Expo 2020 in Dubai verantwortlich war. Anstelle einer wörtlichen Küste entstand diesmal eine Landschaft ohne klaren Maßstab oder Grenzen, die die Besucher*innen aus dem Trubel der Buchmesse herausreißen und in die Welt ihrer eigenen Vorstellungskraft entführen soll. Wie entstand der Entwurf?

Was war für Sie die wichtigste Inspirationsquelle bei der Gestaltung des Pavillons? Und wie haben Sie mit dem Motto des Ehrengastauftritts gearbeitet?

Zunächst fanden wir das Thema „Tschechien als Land an der Küste“ großartig. Wir wollten diese Utopie auf irgendeine Weise in die reale Welt übertragen. Gleichzeitig haben wir versucht, Berührungspunkte zwischen der Küste und dem Buch zu finden. Als wir diese beiden Dinge nebeneinanderstellten und nach bestimmten Schnittpunkten suchten, kam uns der Gedanke, dass sowohl die Küste als auch das Buch eine Art Schnittstelle zur Unendlichkeit darstellen.

Insbesondere bei Büchern ist es so, dass diese flachen Bücher in der realen physischen Welt, sobald man sie aufschlägt, in ihren Seiten unendliche Welten der Fantasie verbergen, in die wir jederzeit eintauchen können. Sie reißen uns aus dem alltäglichen Trott heraus und entführen uns ganz woandershin. Wir würden uns freuen, wenn es gelänge, diese Essenz auch in den Entwurf des Pavillons einfließen zu lassen.

Was hat euch geholfen, diese Idee in den Raum zu übertragen?

Im Pavillon verwenden wir aufblasbare Strukturen, die ebenso ungreifbar und vergänglich sind wie die Vorstellungskraft selbst. Sie sind nicht allzu explizit. Die Besucher können sich unter diesen Strukturen eigentlich alles vorstellen. Die einzige Grenze ist ihre Vorstellungskraft und das, was sie selbst aus dem Raum mitnehmen.

Wichtig war für uns auch der Umgang mit dem Maßstab. Diese Objekte sind bewusst „maßstabslos“ – sie können an kleine, vom Wasser umspülte Kieselsteine, große Felsen, eine Küste oder eine ganze Felsenstadt erinnern. Der Besucher kann sich zwischen ihnen wie eine Ameise zwischen riesigen Steinen fühlen, aber gleichzeitig auch wie ein Mensch, der durch die Landschaft wandert. Dabei versuchen wir, dass die aufblasbaren Strukturen den Blick so weit wie möglich ausfüllen und der Besucher weder die Wände des Pavillons wahrnimmt noch genau weiß, wo der Raum endet. So soll er das Gefühl einer grenzenlosen Landschaft gewinnen und zumindest für einen Moment vergessen, dass er sich mitten auf einer Buchmesse befindet.

Pavilon Czechia 2026

Was erwartet die Besucher*innen beim Betreten dieser imaginären Landschaft?

Den Eingang selbst verstehen wir als eine Art Schnittstelle. Der Mensch durchquert gewissermaßen ein Buch und gelangt in die Vorstellungswelt, in seinen Kopf oder in das, was ihm das Buch vermittelt. Uns gefällt der Kontrast zwischen der relativ standardisierten Umgebung der Buchmesse, die ihre klaren Regeln hat, und der Landschaft des Pavillons, die ganz andere Regeln kennt.

Wir wollten, dass der Besucher gedanklich wirklich in eine andere Welt versetzt wird und für einen Moment nicht mehr wahrnimmt, dass er sich immer noch innerhalb des Messegeländes befindet. Er soll das Gefühl haben, in eine andere Welt eingetreten zu sein, und eigentlich gar nicht ganz sicher sein, in welchem Maßstab oder in welcher Umgebung er sich gerade befindet.

Worin bestand für Sie die größte Herausforderung bei der Arbeit mit einem so großen Raum?

Der Pavillon wird eine Fläche von etwa zweieinhalbtausend Quadratmetern haben. Es war für uns eine ziemlich große Aufgabe – dieses Thema so umfassend zu gestalten, dass der Raum als ein aussagekräftiges Ganzes zusammenhält. Für die Besucher wird es Auditorien, Ausstellungen, eine Bibliothek und eine Chill-Zone geben. All diese Funktionen so zusammenzuführen, dass sie stets ein Ganzes bilden, ist eine große Herausforderung.

Welche Rolle spielt dabei die Nachhaltigkeit?

Sie ist für uns sehr wichtig. Aufblasbare Strukturen füllen nicht nur den Raum gut aus, sondern lassen sich auch sehr einfach aufbauen und transportieren. Wir transportieren keine großen Mengen an physischem Material – vor Ort arbeiten wir im Grunde genommen hauptsächlich mit Luft, die überall vorhanden ist.

Das war einer der Aspekte, die wir berücksichtigt haben. Im Messebau gibt es oft große Probleme mit dem Transport großer Mengen an Gegenständen, von der Bühnenausrüstung bis hin zu Dekorationen. Auch das war einer der Gründe, warum wir uns gerade für aufblasbare Strukturen entschieden haben. Sie sind leicht, lassen sich vor Ort einfach aufbauen und wichtig ist auch ihre weitere Verwendbarkeit nach Ende der Veranstaltung. Es handelt sich also nicht nur um eine selbstzweckhafte Sache, die für eine bestimmte Veranstaltung geschaffen wurde.

Welche konkreten Elemente im Pavillon verweisen auf das Thema „Küste“?

Von Anfang an war es uns wichtig, das Thema „Land an der Küste“ nicht allzu wörtlich zu nehmen. Wir wollten nicht einfach Sand in den Pavillon schütten und dort Palmen aufstellen. Die aufblasbaren Objekte können so manche an Kieselsteine am Strand erinnern, andere an Felsen oder vielleicht an eine Felsenstadt. Genau darum geht es für uns bei der Vorstellungskraft – wir überlassen es dem Besucher, was er darin sieht.

Daneben tauchen konkretere Motive auf, die mit dem Meer und der Küste verbunden sind, zum Beispiel ein Leuchtturm oder eine Boje. Diese haben eine gewisse nautische Optik, aber auch bei ihnen wollen wir den Besuchern keine eindeutige Deutung aufzwingen. Damit hängt auch die Farbgebung zusammen. Die Landschaft der aufblasbaren Strukturen selbst arbeitet vor allem mit Beige- und Blautönen, während die in die Landschaft eingebetteten Elemente durch kontrastierendes Orange hervorgehoben werden.

Der Leuchtturm arbeitet zudem mit Licht und Text. Auf den einzelnen Objekten können dadurch Fragmente aus den präsentierten Büchern erscheinen, sodass der Buchinhalt Teil der Landschaft selbst wird.

Was sollen die Besucher*innen im Inneren des Pavillons erleben?

Auch die Lichtstimmung im Pavillon spielt eine wichtige Rolle, denn wir möchten, dass es sich nicht nur um eine bloße Ausstellung oder Präsentation von Büchern handelt, sondern dass der Raum einen echten Eindruck auf die Besucher hinterlässt. Er soll für sie eine Art Mikrokosmos, eine Mikrowelt im Rahmen der gesamten Buchmesse sein, in die sie kommen und ihrer Fantasie und Vorstellungskraft freien Lauf lassen können.

Der Raum wird bewusst abgedunkelt sein, und das Licht wird einzelne Blickpunkte hervorheben. Der Umgang mit Licht und Schatten hilft uns, die umgebende Messesituation in den Hintergrund zu rücken und das Gefühl zu verstärken, dass man eine andere Welt betreten hat. Die ganzheitliche szenische Gestaltung war für uns sehr wichtig, ebenso wie deren Verbindung mit der architektonischen Lösung, sodass beide Ebenen ein Ganzes bilden.

Wir wollten die Architektur nicht vom szenischen Erlebnis der Besucher trennen. Man kann sich das ein wenig wie ein inszeniertes Theaterstück für Besucher vorstellen, die durch den Raum schlendern. Sie haben die Möglichkeit, sich mit Büchern vertraut zu machen, aber gleichzeitig etwas in der Nähe des Leuchtturms zu erleben oder beispielsweise die Grenzen der Küste zu entdecken.

Und wo steht der Besucher oder die Besucherin in all dem?

Wir versuchen, übermäßige Beschreibbarkeit zu vermeiden. Wir möchten, dass der Entwurf und seine Form metaphorisch sind. Auch wenn wir konkret benannte Orte schaffen, wie zum Beispiel den Leuchtturm, sollte dennoch Raum für die Besucher bleiben, die für uns eigentlich Mitgestalter sind. Es ist ihre Wahrnehmung, die den Raum vervollständigt.

Manche sehen in den Objekten Steine an der Küste, andere eine Felsenstadt und wieder andere eine ganz andere Landschaft. Es gibt kein einheitliches Erlebnis, das man von einem Besuch mitnehmen sollte. Es dreht sich alles um die Vorstellungskraft. Wir haben versucht, auch mit Emotionen zu arbeiten, zum Beispiel mit Neugier, die die Besucher dazu motivieren könnte, diese ganze Traumlandschaft viel intensiver zu erkunden und dabei gleichzeitig die tschechische Kultur kennenzulernen.

Und wie es im Motto heißt, das eng mit Jan Švankmajer verbunden ist: „Alle Macht der Fantasie!“ Also kommt vorbei, wir freuen uns auf euch!


Das Interview mit JinJan führten Jiří Sedlák, Jiří Suchánek und Karolína Tomečková.