Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

Facebook Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026Instagram Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026

Alena Wagnerová, die kürzlich ihren 90. Geburtstag gefeiert hat, ist eine unverzichtbare Persönlichkeit der tschechischen Literatur

Alena Wagnerová, foto: Karel Šanda
Ihre intellektuellen Horizonte gehen mit eleganter Selbstverständlichkeit über den Bereich der Sachliteratur hinaus und reichen bis in die Essayistik, Philosophie und feministische Soziologie hinein. Die präzisen Formulierungen der tschechisch-deutschen Schriftstellerin Alena Wagnerová während unseres Interviews lassen die Genauigkeit des Denkens einer Biologin, die Neugier einer Pionierin der sogenannten „Oral History“ (die Geschichte durch die Aussagen „unbedeutender“ Individuen betrachtet) sowie eine gewisse Radikalität des weiblichen Urteilsvermögens erkennen.

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, ein längeres Gespräch mit ihr zu führen. Ich denke oft an unsere Unterhaltung zurück, denn es war für mich im Grunde prägend – wie jedes Mal, wenn es mir im Leben gelungen ist, einer reifen, außergewöhnlichen Frau zu begegnen, die mir durch ihre langjährigen Erfahrungen all das beleuchtet hat, was ich bisher eher nur geahnt hatte. Man kann also mit gutem Gewissen schreiben, dass dieses einige Jahre alte, anlässlich des 90. Geburtstags von Alena Wagnerová aktualisierte Interview bis heute Gültigkeit hat.

Hat die Tatsache, dass Sie zur Literaturgruppe der „Šestatřicátníci“ (Sechsunddreißiger) gehörten, Sie geprägt?

Gewiss. Ich entstamme dieser Generation, genauer gesagt der „Sechsergruppe“ aus Brünn. Allerdings mit anderen Konnotationen. Ich bin sicherlich linker als Pavel Švanda oder Václav Havel; die Ideen des Sozialismus standen mir näher, auch wenn ich natürlich nie Parteimitglied war. Aber ich komme aus einem evangelischen Umfeld, und dort wurden Fragen der sozialen Gerechtigkeit intensiv gelebt. Das hat mich geprägt. Und auch das Schicksal meiner Generation: Die späteren Reformkommunisten waren sozusagen unsere Lehrer des Marxismus-Leninismus zu einer Zeit, als sie sich noch in ihrer dogmatischen Phase befanden. Sie vermittelten uns den Marxismus als ein System fertiger Wahrheiten, und unsere Aufgabe bestand darin, den Mund zu halten und mitzulaufen. Und das hat – nicht nur mich – mit einem Gefühl der Nutzlosigkeit zurückgelassen. Die Gesellschaft war fertig, und wir sollten nur gehorchen. Dabei wollten wir – als junge Intellektuelle – an ihrer Gestaltung mitwirken. Das war auch ein Problem von uns, den „Sechsunddreißigern“. In den 1950er Jahren gab es dort eine Zeit lang eine Diskussion über den sogenannten Aktivismus. Ich erinnere mich, dass Ivan Koreček und ich am Ufer der Moldau saßen, badeten und darüber sprachen, ob es möglich ist, das System zu beeinflussen, indem man sich auf irgendeine Weise in das System einfügt.

Und Ihre Meinung dazu?

Mir als aktivem Menschen lag es näher, das System durch kritische Mitwirkung zu verändern.

Einige Mitglieder der „Šestatřicátníci“ haben bereits ihre Memoiren veröffentlicht. Wie beurteilen Sie diese?

Sie sind zu sehr aus der Perspektive des Jahres 2000 und der Präsidentschaft von Václav Havel verfasst. Und da ich die Anfänge der „Šestatřicátníci“ kenne, sehe ich, was dort fehlt.

Was fehlt dort?

Als ich die Memoiren von Jiří Kuběna und Pavel Švanda sowie das Buch von Pavel Kosatík über die „Šestatřicátníci“ gelesen hatte, dachte ich mir, dass ich – obwohl ich das nie vorhatte – wohl doch meine Memoiren schreiben werde. Denn die Erinnerung einer Frau ist anders. Männer bauen von Anfang an ihre zukünftige Stellung in der Welt auf. Das spüre ich auch in der Korrespondenz zwischen Havel und Kuběna. Und dann gibt es da noch einige Ungenauigkeiten. Ich habe damals ein Tagebuch geführt, daher weiß ich zum Beispiel, dass sich die Brünner „Sechser“ bereits ein Jahr zuvor, genauer gesagt am 24. Mai 1952 bei Petr Wurm, getroffen hatten, als Kuběna angibt, der erst etwas später zu uns stieß, als sich die beiden Gymnasien zusammenschlossen, und unsere Gemeinschaft anschließend durch Kontakte nach Prag bereicherte. Daraus entstand dann die Chiffre 36/6. Nach dem Abitur begann ich jedoch als Einzige, Naturwissenschaften zu studieren, und verlor den Kontakt zu den „Šestatřicátníci“ praktisch.

Was mir dann auch am Herzen liegen würde, wäre die Stellung der Frauen in dieser Gemeinschaft. Denn sie waren darin gewissermaßen – um es mit Simone de Beauvoir zu sagen – das zweite Geschlecht. Niemand diskriminierte uns, dennoch gaben die Männer den Ton an. Sie hatten das Recht, die Welt zu interpretieren. Wir nicht. So habe ich es zumindest empfunden. Ich weiß nicht, wie es beispielsweise die späteren „Sechsundsechzigerinnen“ Věra Linhartová oder Viola Fischerová empfanden; ich würde sagen, dass sie sich mehr anpassten als ich. Das sind Nuancen, aber sehr wesentliche. Interessant ist, dass Rezensenten in Kosatíks Buch über die „Šestatřicátnice“ – zum Beispiel Lenka Jungmanová und Michael Špirit – dies bemerkt haben. Ich habe mir das mit dem „anderen Geschlecht“ also wohl nicht ganz ausgedacht.

Die Frauen unserer Generation hatten, auch als Intellektuelle, schlichtweg zwei Möglichkeiten: entweder die männliche Weltanschauung zu übernehmen und sich ihr anzupassen oder die Einsamkeit in Kauf zu nehmen. Viele Frauen übernehmen die männliche Weltanschauung – und werden dann akzeptiert und sind erfolgreich. Ich habe dieses Spiel nicht mitgemacht, und ich glaube, meine Freunde haben das damals gespürt und es hat sie irritiert. Wir mochten uns, gewiss, aber ich war die Protestantin; keine Vestalin, sondern Athene.

Wenn ich das allgemeiner auf die tschechischen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehe, dann hat beispielsweise die Prosaautorin Libuše Moníková männliche Vorbilder nicht akzeptiert, ebenso wie etwa Saša Berková, die dafür, glaube ich, ziemlich teuer bezahlt hat, obwohl sie wesentlich jünger war als wir.

Gilt das auch heute noch?

Heute ist es einfacher. Oder genauer gesagt: Frauen sind sich mittlerweile bewusst, dass ihre Sicht auf die Welt eine andere ist, dass sie andere Aspekte der menschlichen Existenz wahrnehmen. Und sie können sich diese Andersartigkeit eher leisten. Die weibliche Sichtweise ist der männlichen nicht überlegen, sondern anders, und erst die Verbindung beider Sichtweisen ermöglicht es, die Komplexität der Welt zu erfassen. Es ist wie das räumliche Sehen – das ja nur mit beiden Augen möglich ist. Die männliche und die weibliche Sicht auf die Welt ergänzen sich gegenseitig.

Sie sind Autorin mehrerer Bücher über deutsche Antifaschist*innen; ich möchte zum Beispiel das bemerkenswerte Buch „Helden der Hoffnung“ erwähnen. Für die Zeitschrift „Plamen“ haben Sie bereits 1969 einen Bericht über die Sudetendeutschen verfasst. Können Sie sich noch daran erinnern, wie der Bericht aufgenommen wurde?

Soweit ich weiß, soll die DDR gegen den Bericht protestiert haben, und dies soll auch einer der Gründe für das Verbot von „Plamen“ gewesen sein – genauer gesagt, einer der Vorwände für dessen Verbot. Es handelte sich um einen literarischen Bericht, der in den beiden letzten Ausgaben, also den Ausgaben 3 und 4 des Jahrgangs 1969, erschien.

Während des Prager Frühlings wurde zum ersten Mal öffentlich über die Frage der Vertreibung der Deutschen diskutiert, beispielsweise auf den Seiten der Zeitschrift „Host do domu“. Und meine Reportage über die verbliebenen Deutschen im Böhmerwald mit dem Titel „Jeder Baum rauscht anders“ reiht sich in diese Linie ein. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen stolz darauf.

Sie beschäftigen sich bereits seit mehreren Jahrzehnten mit der Frage der gewaltsamen Vertreibung der Sudetendeutschen. Es ist auch eine Frage der Suche nach einer neuen Heimat, einer neuen Identität. Im Jahr 1969 haben Sie nach Deutschland geheiratet. Ist das auch Ihr ganz persönliches Thema?

Selbstverständlich. Wo ist mein „Wir“? Ein deutsches „Wir“ habe ich nicht, „wir Deutschen“ kann und will ich nicht sagen, denn ich bin Tschechin. Aber gleichzeitig lebe ich in Deutschland. Ich würde sagen, meine Identität ist vielschichtig: als Mensch, als Frau, als Tschechin, die in Deutschland lebt. Und im Saarland – diese Identität habe ich entdeckt, als die Hütten und Bergwerke geschlossen wurden. Plötzlich wurde mir klar, dass damit auch ein Teil meiner neuen Heimat und meiner Identität verschwindet. Das habe ich aus tiefstem Herzen beweint. Mehrere Identitäten zu haben, ist ein großes Geschenk. Die erste habe ich durch meine Geburt erhalten, die deutsche habe ich mir hart erarbeitet, und deshalb liegt sie mir am Herzen. Einen Widerspruch zwischen ihnen spüre ich nicht. Sie sind nur in verschiedenen Situationen unterschiedlich stark ausgeprägt.

Sie sind auch als Soziologin mit feministischen Ansichten bekannt. In den 1970er Jahren haben Sie in Deutschland ein Buch über die Frau im Sozialismus geschrieben und veröffentlicht. Wäre diese sozialistische Studie über die Frau entstanden, wenn Sie damals in der Tschechoslowakei gelebt hätten?

Wahrscheinlich nicht. Auch wenn mich die Frauenfrage schon als „Sechsunddreißigerin“ interessierte. Und genau hier liegt das Paradoxon: Als ich nach Westdeutschland kam, wurde mir die absurde Erkenntnis bewusst, dass ich als Frau in der Tschechoslowakei weitaus freier war als im demokratischen Deutschland. Nicht als Bürgerin, sondern als Frau! In Deutschland wurde ich durch den sozialen Status meines Mannes definiert. Diese Geringschätzung der Frau, die damals in Deutschland herrschte, hat mich radikalisiert. Deshalb habe ich dieses Buch auch geschrieben – ich hatte das Bedürfnis, dem westlichen Teil der Welt das sozialistische Emanzipationsmodell vorzustellen. Heute muss ich zugeben, dass ich die Situation in der Tschechoslowakei in mancher Hinsicht positiver gesehen habe, als sie tatsächlich war. Eine ganze Reihe versteckterer Aspekte der Diskriminierung wurde mir erst nach 1989 bewusst.

Welche?

Dass es dabei nicht um die Befreiung der Frau ging, wie Marx sie sich als Teil der allgemeinen Emanzipation des Menschen vorstellte, sondern lediglich um die Befreiung der weiblichen Arbeitskraft.

ALENA WAGNEROVÁ
Alena Wagnerová wurde 1936 geboren. Sie studierte Biologie und Pädagogik, später im Fernstudium Theaterwissenschaft. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre begann sie zu veröffentlichen. Seit 1969 lebt sie in Saarbrücken in Deutschland, seit 1989 teilweise auch in Prag. Sie schreibt vor allem soziologische Studien, literarische Essays, Prosa und Theaterstücke. Als Prosaautorin debütierte sie mit der Novelle „Die doppelte Kapelle“ (1982 in deutscher Übersetzung, 1991 auf Tschechisch). Auf Deutsch und Tschechisch erschienen beispielsweise ihre Biografie über Milena Jesenská, eine Publikation über die Familie von Franz Kafka sowie zwei Bände mit Interviews mit Deutschen und Tschechen aus den Sudeten. Auf Deutsch veröffentlichte sie ein Buch über das Leben von Sidonie Nádherná (die tschechische Ausgabe soll nächstes Jahr erscheinen). In diesem Herbst veröffentlichte der Berliner Aufbau-Verlag Alena Wagnerovás Buch „Helden der Hoffnung“, einen umfangreichen Band mit fünfzehn Porträts deutscher Antifaschisten aus den Sudeten.

Sie haben sich auch mit dem Werk der deutsch schreibenden tschechischen Prosaautorin Libuše Moníková beschäftigt. Wie würden Sie ihr Werk charakterisieren, das übrigens in Deutschland viel bekannter ist als in Tschechien?

Moníková ist die erste Prosaautorin im tschechischen Kontext, die in ihrem Debütwerk „Eine Schädigung“ (Újma) Gewalt gegen Frauen als Teil institutioneller, systemischer Gewalt thematisiert. Interessanterweise gehen tschechische Kritikerinnen über den Feminismus von Libuše Moníková hinweg. Ich erinnere mich, wie Moníková in einem Brief die Diskriminierung der Juden mit der Diskriminierung von Frauen verglich. Am besten gelang es ihr jedoch, die Problematik der tschechischen Existenz auf eine europäische Ebene zu heben – sie füllte die Welt mit umherirrenden Tschechen, die über die Probleme der tschechischen Geschichte diskutierten. Ihr Werk baute sie jedoch auf der Spaltung Europas auf und bediente sich – vor allem später – auch verschiedener Klischees: Kafka, Smetana, Němcová… Sicherlich musste sie auch den Bedürfnissen des deutschen Publikums entgegenkommen. Deshalb hat sie auch in „Pavane für eine tote Infantin“ ihre eigene Geschichte einer jungen tschechischen Intellektuellen in den Hintergrund gerückt, die sich in der deutschen Gesellschaft wiederfindet und von deren Banalität und Konsumdenken beleidigt ist. Und dann kommt der Wendepunkt, Kafka taucht auf, und die Autorin beginnt, nicht ihre eigene, sondern eine fremde Geschichte zu erzählen.

Wie oft sind Sie in die normalisierte Tschechoslowakei gereist?

Ein- bis zweimal im Jahr. Es war furchtbar traurig, diese tiefe Frustration, Hoffnungslosigkeit, diesen Zerfall und moralischen Nihilismus zu erleben und sich dann plötzlich am Frankfurter Flughafen wiederzufinden. Wie oft habe ich mir gesagt, wenn ich Emigrantin wäre und nicht in die Republik reisen dürfte, wäre das für mich vielleicht besser, als den Niedergang meines Heimatlandes mitzuerleben.

Hatten Sie in Deutschland Kontakt zu tschechoslowakischen Emigranten?

Fast gar nicht, denn viele von ihnen waren – bildlich gesprochen – meine ehemaligen Lehrer für Marxismus-Leninismus. Ich brauchte ein paar Jahre, bis ich mein Misstrauen und meine Vorurteile überwunden hatte und Menschen wie Jiří Pelikán oder Vladimír Blažek aufrichtig ins Herz geschlossen hatte.

Sie arbeiten oft und gerne als Oral-Historikerin; in Tschechien gehören Sie zu den Pionierinnen der Oral History. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das hängt mit meinen Anfängen als Autorin in den 1960er Jahren zusammen. In den 1950er Jahren musste die Realität den ideologischen Prämissen entsprechen. Im folgenden Jahrzehnt begann der Prozess der Entdeckung dessen, was die Gesellschaft wirklich bewegt – ein Prozess der Rekonstruktion der Realität.  Die Reportage war die Form, die dies durch ihre Aktualität, Authentizität und Dokumentarität am besten ermöglichte. Mit dem Verfassen von Reportagen für „Plamen“ habe ich mich auch als Autorin etabliert. Es faszinierte mich, mit Menschen zu sprechen, zu erfahren, was sie denken, wovon sie leben, dies festzuhalten, ihnen zuzuhören und die Zeit zu verstehen. Und so kam ich Schritt für Schritt zur Oral History. In meinen Reportagen waren bereits Elemente davon enthalten; mein erstes Buch zur Oral History waren jedoch erst „Odsunuté“ und „Neodsunuté vzpomínky“. „Wir haben uns in die Fakten verliebt und daraus Literatur gemacht“, sagte der Schriftsteller Jiří Weil. Dem könnte ich mich anschließen. Das Wichtigste an der Oral History ist für mich, dass sie ideologische Schemata durchbricht und die Geschichte entideologisiert. Denn das Privatleben des Einzelnen ist das Erste, was ihm Ideologie und Totalitarismus nehmen. Als brave Genossin hätte ich mich niemals in einen Westdeutschen verlieben dürfen, höchstens in einen Bürger der DDR.

Nach 1989 habe ich an dem großen Projekt „Erinnerung der Frauen“ mitgewirkt, und jetzt gibt es viel Arbeit bei der Dokumentation der Schicksale sudetendeutscher Antifaschisten.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Die Grundregel lautet, dass man den ersten Teil des Gesprächs frei erzählen lässt; das gelingt jedoch nicht immer, da nicht jeder erzählen kann. Die wichtigste Voraussetzung ist jedoch, zuhören zu können und die Nebenhandlungen wahrzunehmen, die in jedem Gespräch auftauchen. Und keine suggestiven, sondern offene Fragen zu stellen. Wichtig ist eine Atmosphäre des Vertrauens. Und sich bewusst zu machen: Wenn jemand Ihnen sein Leben anvertraut, ist das ein Geschenk, das Sie nicht missbrauchen dürfen.

In dem Buch „Helden der Hoffnung“ schildern Sie die unscheinbaren und doch heldenhaften Schicksale von fünfzehn sudetendeutschen Antifaschisten. Haben Sie keine Lust, daran Geschichten von Tschechen und Deutschen aus dem Grenzgebiet anzuknüpfen, die sich nicht gut verhalten haben?

Das würde ich gerne. Als ich „Verdrängte Erinnerungen“ schrieb, hatte ich gehofft, dass sich vielleicht jemand melden würde, der sich etwas zuschulden kommen ließ, grausam war oder Menschen gefoltert hat. Es hat sich niemand gemeldet.  Damit sich jemand von diesen Menschen melden könnte, müsste er sicher sein, dass es sich um ein offenes Gespräch handelt, in dem es nicht um Verurteilung geht, sondern vielmehr darum, zu verstehen, was zu solchen Taten führt. Und die tschechische Gesellschaft verurteilt nach wie vor gerne und denkt in Schwarz-Weiß-Kategorien. Sicherlich ist das auch ein Problem der sprachlichen Mittel, der Fähigkeit, sich differenziert auszudrücken. Der tschechische Journalismus geht in dieser Hinsicht mit seiner Sensationsgier und seiner Vereinfachung nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Vor kurzem hat mich jedoch der Journalist Petr Zídek in den „Lidové noviny“ mit einer differenzierten Reportage über die Staatsanwältin Brožová angenehm überrascht; er ging auf ihre Jugend zurück und suchte nach den Ursachen für ihre spätere Entwicklung. Ich glaube, nur mit einer solchen Herangehensweise können wir zu einem Verständnis dessen gelangen, was in den letzten zwanzig oder vierzig Jahren mit uns geschehen ist.

Und wie würden Sie Ihr Verständnis für die Tschechen „nuancieren“, die an den Exzessen der gewaltsamen Vertreibung beteiligt waren?

Das kann ich nicht sagen, wahrscheinlich würde ich auch nach Gründen suchen. Aber die Oral History urteilt nicht, sie hält lediglich fest. Ich habe einen tschechischen Bekannten aus den Sudeten, von dem ich glaube, dass er nach dem Krieg ziemlich gewütet hat. Heute ist er neurotisch und alkoholabhängig. Ich vermute, dass das mit dem zusammenhängt, was er als Junge angestellt hat. Im Grunde ein anständiger Mensch, der für eine Weile seinen Verstand und seine Hemmungen verloren hat – und dafür bezahlt hat.

Haben deutsche Antifaschisten jemals die Taten des Freikorps, also der deutschen rechtsgerichteten paramilitärischen Verbände, mit denen der tschechoslowakischen Revolutionsgarden verglichen?

Auf keinen Fall! Es handelt sich um politische Menschen mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die deutsche Schuld. Und obwohl sie die Ausschreitungen der Revolutionsgarden verurteilen, verstehen sie diese doch als eine Folge davon. Außerdem fühlen sie sich niemals als Opfer, denn sie haben sich als aktive Subjekte verhalten und nicht als passive Objekte der Geschichte. Sie sind nicht verbittert, obwohl sie zwei historische Niederlagen hinter sich haben, die aus der DDR sogar drei … Einer von ihnen sagte mir zum Beispiel: Wissen Sie, es war schlimm, dass wir gehen mussten. Aber wenn ich an meine beiden jüdischen Klassenkameradinnen denke, die in Auschwitz in die Gaskammern gingen, dann sage ich mir, dass uns im Vergleich dazu eigentlich nichts passiert ist.“ Diese Einstellungen schätze ich ungemein.

Haben antifaschistisch gesinnte Frauen die Nachkriegssituation anders wahrgenommen als Männer?

Im Großen und Ganzen nicht. Aber gut, dass Sie danach fragen. Denn für die politische Linke ist ein hohes politisches Engagement von Frauen charakteristisch – bis hin zu Abgeordneten und Senatorinnen. Auch während des Krieges waren es praktisch die Frauen, die den Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen und so weiter mit kleinen Hilfsaktionen zur Seite standen. Ist es bereits Widerstand oder noch nicht, wenn man sich weigert, die Verhaltensregeln zu akzeptieren, die einem eine Diktatur vorschreibt, für die bereits das Reichen von Brot an einen Kriegsgefangenen eine Straftat darstellt?

Das war jedoch keine Garantie dafür, dass sie nach dem Krieg einen Antifaschistenausweis erhielten und bleiben durften.

Die Praxis war sehr unterschiedlich. Diejenigen, die in Konzentrationslagern inhaftiert waren, wurden als Antifaschisten anerkannt. Die oben erwähnten „kleinen“ Hilfsaktionen wurden jedoch manchmal nicht anerkannt, obwohl ihre humanitäre Bedeutung beträchtlich ist. Wenn man in Not ist und jemand einem hilft, vergisst man das nie. Auch die Sudetendeutschen erinnern sich noch nach vielen Jahren an die Tschechen, die ihnen nach dem Krieg halfen, als es ihnen schlecht ging.

Ihr Buch sollte ursprünglich den Titel „Und vergessen gehen wir in die Geschichte ein“ tragen. Warum haben Sie den Titel geändert?

Der deutsche Verlag hat diesen Titel abgelehnt. Auf Tschechisch erscheint es jedoch unter dem ursprünglichen Titel.

Im September wurde in Ústí nad Labem eine Dauerausstellung über deutsche Antifaschisten eröffnet. In den Medien wurde kritisiert, dass der Oppositionsführer und ehemalige Ministerpräsident Jiří Paroubek nicht an der Veranstaltung teilgenommen habe. Hat Sie seine Abwesenheit empört?

Ich schätze Paroubeks Initiativen, endlich die Verdienste der Antifaschisten aus den Sudeten anzuerkennen, aber in Ústí habe ich ihn nicht vermisst.

War es Ihre Entdeckung, dass unter der sudetendeutschen Bevölkerung zehn bis zwanzig Prozent Antifaschisten waren und nicht fünf Prozent, wie zuvor angegeben wurde?

Das ist das Ergebnis der Forschungsarbeit vieler Menschen. Und es ist auch eine Frage der Definition. Der Anteil der Aktiven, also derjenigen, die bei den Kommunalwahlen eine andere Partei als die Henlein-Partei gewählt haben, lag bei etwa acht bis zehn Prozent. Viele Menschen boykottierten die Wahlen, was angesichts des politischen und wirtschaftlichen Drucks ebenfalls eine bemerkenswerte Leistung war. Man kann also durchaus von diesen zehn Prozent sprechen.

Wie viele Schicksale sudetendeutscher Antifaschisten haben Sie gefilmt?

Ich bin selbst fast sechzig, und tatsächlich haben wir fast hundert Interviews unterschiedlicher Art gemacht. Unsere Erzähler sind größtenteils Jahrgänge von 1920 bis 1933. In ihren Erzählungen wird meist das Schicksal von drei Generationen nachgezeichnet – der Großeltern, der Eltern und ihrer selbst. Die meisten von ihnen waren von Kindesbeinen an am politischen Leben ihrer Eltern beteiligt, sodass sie sich an vieles erinnern. Unser ältester Zeitzeuge wurde 1913 geboren.

Wie bearbeiten Sie das Material weiter?

Die Transkription ist natürlich genau und vollständig. Für eine wissenschaftliche Veröffentlichung müssen die Interviews praktisch in diesem Zustand bleiben, vielleicht abgesehen von geringfügigen redaktionellen Änderungen. Aber in dieser Form würde der Leser die Interviews nicht lesen. Für die Leserversion muss einerseits ihre Authentizität gewahrt bleiben, andererseits müssen sie redaktionell überarbeitet werden. Eine solche Überarbeitung darf dabei den Sinn des Textes nicht verändern, das ist eine Frage der Ethik. Die Erzähler irren sich manchmal bei historischen Angaben, was nur in Anmerkungen korrigiert werden kann.

Nach welchen Kriterien haben Sie die fünfzehn Schicksale für das Buch ausgewählt?

Ich habe versucht, ein grundlegendes Spektrum von Schicksalen aus verschiedenen Regionen einzufangen. Ich wollte, dass Sozialdemokraten vertreten sind, ebenso wie diejenigen, die in der tschechoslowakischen Armee im Westen dienten, aber auch diejenigen, die in der sowjetischen Armee kämpften. Es fehlen uns dort beispielsweise katholische Geistliche, die eine starke Gruppe darstellten, die sich jedoch ohne direkte Verwandte leider nur schwer aufspüren lässt. Die beiden Hauptgruppen bilden die Nachkriegsumsiedler in das spätere Westdeutschland – meist Sozialdemokraten – und dann in die spätere DDR – dort handelte es sich logischerweise um Kommunisten.

Erinnern Sie sich an eine Geschichte, die es nicht in das Buch geschafft hat, aber dennoch erwähnenswert war?

Da wäre zum Beispiel die Geschichte einer Frau aus einer im Grunde tschechischen Familie, die bei der Volkszählung im Jahr 1931 keine Nationalität angab, da sie sich als Internationalisten verstanden. Die Beamten trugen jedoch die deutsche Nationalität ein, sodass sie anschließend automatisch als Deutsche galten. Diese Frau hatte ein außerordentlich dramatisches Schicksal, denn als Nachfahrin eines Antifaschisten wurde sie als Telefonistin am Flughafen in Hradec Králové eingesetzt, wo schreckliche Dinge geschahen – Frauen wurden dort vergewaltigt und so weiter. Nach dem Krieg musste die ganze Familie in die sowjetische Besatzungszone ziehen; dort verliebte sie sich in einen sowjetischen Soldaten, bekam ein Kind mit ihm, und er wurde wegen seiner Beziehung zu einer Deutschen zurück nach Russland versetzt. Sie absolvierte ein Studium, arbeitete als Dolmetscherin; als überzeugte Kommunistin dolmetschte sie 1968 bei einer Reihe internationaler Parteitagungen und war nach der Besetzung an der Herausgabe einer gefälschten Ausgabe des „Rudé právo“ in Dresden beteiligt. Zur gleichen Zeit versuchte ihr Sohn, in den Westen zu fliehen; er wurde gefasst und zu vier Jahren Haft verurteilt, und sie sah ihn insgesamt acht Jahre lang nicht. Heute versteht sie vieles von ihrem damaligen Handeln und ihrer fehlenden Kritik nicht mehr.

Hat Sie jemand abgelehnt?

Nur ein einziger Herr – aus Angst vor den Neonazis in Ostdeutschland. Neonazis werden jedoch von allen Antifaschisten als Bedrohung angesehen. Ansonsten freuten sich die meisten darüber, dass sich die Tschechen endlich für ihr Schicksal interessieren. Eigentlich sind das alles deutsche Tschechoslowaken. Ich habe zum Beispiel am 28. Oktober Herrn Löwit in London angerufen, einen ehemaligen Soldaten der tschechoslowakischen Armee in England, und er war es, der mir auf Tschechisch sagte: „Heute haben wir einen Nationalfeiertag.“

Gibt es kritische Reaktionen auf Ihr Buch seitens der Sudetendeutschen Landsmannschaft?

Noch nicht. Ich bin neugierig darauf, denn das Thema der Antifaschisten, die sich mit dem tschechoslowakischen Staat identifizierten, steht im Widerspruch zu der Interpretation der Landsmannschaft, wonach sich die Sudetendeutschen aufgrund der nationalen Unterdrückung nicht mit dem tschechoslowakischen Staat identifizieren konnten und deshalb Henlein unterstützten.

Betrachten Sie das Thema der Sudetendeutschen für sich persönlich als abgeschlossen?

Das menschliche Leben ist niemals abgeschlossen, das ist auch die Erfahrung aus unserem Projekt. Es eröffnet sich uns immer wieder aufs Neue, neue Zeitzeugen melden sich, wir erfahren weitere Fakten. Einer der Zeitzeugen hat mich erst kürzlich gefragt, womit wir das Projekt abschließen wollen, und daran erinnert, dass die spanische Regierung allen Interbrigadisten die Ehrenstaatsbürgerschaft Spaniens verliehen hat. Das ist eine berechtigte Frage. Doch in welcher Form lässt sich der tschechische Dank zum Ausdruck bringen? Ich denke schon seit langem über eine Art „Allee der Gerechten“ nach, mit der wir all jenen danken könnten, die den Mut hatten, sich gegen den Strom zu stellen – also sowohl den deutschen Antifaschisten und anderen Gerechten aus deutschen Reihen, die während des Krieges Tschechen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern halfen, als auch den Tschechen, die nach dem Krieg wiederum bedrohten Deutschen halfen.

Vor einigen Jahren erschien die tschechische Übersetzung Ihres bemerkenswerten Werks über das Leben von Sidonie Nádherná. Nach der Biografie von Milena Jesenská und dem Buch über die Schwestern und die Mutter von Franz Kafka also eine weitere Biografie über eine Frau. Was hat Sie an ihr fasziniert?

Als ich in den 90er Jahren auf dem Schloss in Vrchotovy Janovice war, wo Sidonie Nádherná lebte, wurde mir bewusst, dass etwa dreihundert Meter von der Stelle entfernt, an der ihr österreichischer Freund Karl Kraus sein Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ schrieb, während des Zweiten Weltkriegs – als die Deutschen die gesamte Region zwischen der Sázava und der Moldau in einen Übungsplatz für SS-Truppen verwandelten – ein sehr grausames Konzentrationslager bestand. So spielten sich hier fünfundzwanzig Jahre später tatsächlich die letzten Tage der Menschheit ab. Das war eine schreckliche Erkenntnis.

Ein zweiter Anstoß waren die Briefe von Sidonie Nádherná an Václav Wagner aus der Kriegszeit, die Jaromír Loužil herausgegeben hatte und in denen ich Nádherná als mutige Frau kennenlernte, die furchtlos für den Erhalt des Schlosses und des Parks kämpfte – und zwar nicht als Eigentum, sondern als ästhetisches Werk, das einen Wert an sich darstellt. Schönheit als etwas Befreiendes, das seine Berechtigung nicht durch seinen Nutzwert erhalten muss! Mir scheint, dass gerade heute, wo für uns nur das einen Wert hat, was unmittelbaren Nutzen bringt, diese Haltung von Sidonie Nádherná außerordentlich aktuell ist und auf die enge Verbindung zwischen Ästhetik und Ethik hinweist. Zweckorientiertes Denken endet letztendlich immer in Barbarei. Auch das zeigt sich in Janovice, wo es den Nationalsozialisten gelang, eine der schönsten Gegenden Böhmens in einen Militärübungsplatz mit einem Netz von Konzentrationslagern zu verwandeln.

Titelfoto: Karel Šanda

Das Interview mit Alena Wagnerová führte Dora Kaprálová.