Am Wannsee weht eine laue Brise
(Eine Kleinigkeit aus dem Berliner Stipendium)
Zusammen mit dem Bildhauer und Illustrator Jakub Grec verbringen wir den gesamten Mai im Literarischen Colloquium Berlin. Eine Villa am See. Villen, die den See wie ein Kranz umgeben. Zum Glück ein Zimmer mit Fenstern zum Innenhof und zu den Kronen der Buchen und Eichen. Vormittags Sonne, nachmittags Kühle. Die Dachkante bildet die Trennlinie. Jakub und ich verständigen uns – da wir in Zimmern übereinander wohnen – durch das Herauslehnen aus dem Fenster oder mit einem Bambusstab, den wir bei den Mülltonnen gefunden haben. Jakub hat einen Balkon. Jakub ist ein Indianer – wenn er raucht, signalisiert er mir mit dem Rauch, dass er zu hören ist. Vom Fenster zum Balkon, vom Balkon zum Fenster streiten wir, verständigen wir uns, debattieren wir. Über nächtliche Visionen und Tagträume; wir laden uns gegenseitig zum Kaffee ein, erzählen uns verschiedene Szenen und Bilder, die ich am Tisch in den Computer tippe. Nicht laut, nicht übertrieben. Eine der ausländischen Autorinnen – eine Stipendiatin – beschwert sich jedoch bei uns, dass wir sie mit unseren Gesprächen stören. Wir wollen sie auf keinen Fall stören. Wir wechseln zum Flüstern und zum Morsecode, den wir auf das Heizungsrohr klopfen. Das bringt uns zurück zu dem Thema, wegen dem wir nach Berlin gekommen sind – der Architekt Vladimír Grégr, der im Berliner KZ Plötzensee wegen seiner Beteiligung am antinazistischen Widerstand in Prag ermordet wurde. Er wartete fünf Monate auf seine Hinrichtung und tauschte mit seinen Mitstreitern ebenfalls Nachrichten über die Mauer aus – wie könnte es anders sein als im Morsecode. Grégr – Architekt, Grégr – Pfadfinder, Grégr – Stadtplaner, Grégr – Sportler, Grégr – Politiker, Grégr – Dichter. Einen Teil seines Nachlasses haben wir dabei – Notizbücher, die aus dem Berliner Gefängnis herausgeschmuggelt werden konnten. Ein Päckchen mit Gegenständen, das die Deutschen nach Grégors Tod von Berlin nach Prag an die Familie schickten: 14 gewöhnliche Bleistifte, neun Büroklammern, eine Sicherheitsnadel, sechs Radiergummis, sechsundzwanzig Knöpfe und Knöpfchen, darunter ein metallener Matrosenknopf mit dem Motiv eines Ankers und eines Seils, Fäden, Draht, ein Holzstückchen als Lineal…
Von Wannsee kehren wir erneut nach Plötzensee zurück, einem Ort, der so schmerzhaft mit unserer Geschichte verbunden ist – während des Krieges wurden hier 667 Tschechoslowaken ermordet. Heute ist er in ein Museum und eine Gedenkstätte umgewandelt. Die Leere mit dem kleinen Kanal im Boden spricht Bände. Das Mordwerkzeug wurde nach Brandenburg gebracht und dort versteckt, offenbar, damit es den Touristen hier nicht ins Auge fällt. Ja, es gibt hier Fotos, Gesichter, Namen, Zahlen, aber eine gewisse „Abmilderung“ der scharfen Kanten der Vergangenheit ist erkennbar.
Vormittags tippe ich irgendetwas in den Computer, nachmittags oder abends machen Jakub und ich uns mit dem Fahrrad auf den Weg durch die Gegend. Wir fahren im Kreis herum. Wir suchen nach Orten, die mit Geschichte, Schicksalen und Gedichten verbunden sind. Zum Beispiel – die Villa des Malers Liebermann, das Haus von Claus von Stauffenberg, die Spionagebrücke, die Stelle, an der der Dichter Georg Heym ertrunken ist, Sachsenhausen und Josef Čapek… Direkt in Wannsee radeln wir um das Wäldchen herum, in dem der deutsche Dramatiker und Dichter Heinrich Wilhelm von Kleist seinen lange vorbereiteten Selbstmord beging. Das war am 21. November 1811. Nach einer Liebesnacht mit Blick auf den See suchte sich das Paar sorgfältig einen abgelegenen Ort aus. Und der Dichter erschoss zuerst seine Geliebte Henriette Vogel und dann sich selbst. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass ihre Leichen bis heute an dieser Stelle liegen. Efeu und Bäume wachsen aus ihnen empor, und ein kleines Denkmal sowie eine Informationstafel halten sie im Untergrund fest. Und es ist kein Zufall, dass Bohumil Hrabal seine letzte Reise in die Ewigkeit gerade hierher, nach Wannsee, am 14. November 1996 antrat – fast genau am Todestag des Autors von „Der zerbrochne Krug“. Im Literarischen Colloquium Berlin hatte er damals eine Lesung und eine Diskussion vereinbart. Begleitet von seinen Schutzengeln, Tom Mazal, Claudia Poeta und Zuzana Rothová, die das gesamte Abendprogramm moderieren sollte. Vor der Lesung schlenderten sie jedoch zum Kleist-Denkmal, wo der Meister sich verneigte und Kraft schöpfte. Zum Abend und eigentlich zu dem mutigen Schritt – dem Sprung. Danach ging die Gesellschaft in die nahegelegene Kneipe „Loretta“, wo sich der Meister zunächst einen Bourbon auf den Gaumen, einen Jim Beam zur Stärkung und gleich darauf ein Dortmunder Union-Bier und eine Weißwurst gönnte. Der Abend im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal des LCB war laut Augenzeug*innen mitreißend: Hrabal sprach über deutsche Literatur, Europa und Poesie, schlängelte sich virtuos wie ein Pierrot auf dem Seil, trank Bier und antwortete in Form kleiner Essays. Er erinnerte sich auch an seine erste Reise nach Berlin, an die Olympischen Spiele im Jahr 1936, als er mit dem Fahrrad hierherfuhr. Und er signierte Berge von Büchern. Am Ende nur mit der Abkürzung: BH. Dann fiel er erschöpft ins Bett und schlief sogar den ganzen Vormittag. Als ihn am Abend des 15. November gegen acht Uhr die Engel Mazal und Poeta in Prag-Sokolnice absetzten, sagte Hrabal müde: „Das war also meine letzte Auslandsreise. Ich danke euch, dass ihr mir als Schutzengel gedient habt, aber es war wirklich das letzte Mal! Dieses Berlin hat sich allerdings gelohnt, das wollte ich noch einmal sehen. Und es ist mir gelungen. Der österreichische Soldat hat wieder einen glorreichen Sieg errungen!“ Bohumil Hrabal wagte es zu sterben, wagte diesen Schritt – diesen Sprung – etwa zwei Monate später, am 3. Februar 1997.
PS: Auf der Berliner Zeichnung von Jakub Grec taucht hinter der Gestalt des Mannes (dem Verfasser dieser Zeilen) ein Bild auf – das Gemälde „Ein grauer Tag“ (aus dem Jahr 1921) von Georg Grosz. Deutschland zwischen den Kriegen, das Auseinandergehen der Welten und die sich allmählich auftürmende Mauer zwischen dem einen und dem anderen, zwischen Vertretern verschiedener Berufe, Schichten und Schicksale. Wie aktuell.






