Was ist das Besondere am tschechischen Buchmarkt?
Bis vor Kurzem war der tschechische Buchmarkt sehr vielfältig. Die größten Unternehmen hatten bei Weitem nicht einen so hohen Marktanteil wie in vielen anderen Ländern. Zudem gab es sehr viele kleine Verlage – oft echte Enthusiasten, die Bücher eher aus Leidenschaft als aus Gewinnstreben veröffentlichten. In den letzten Jahren hat sich dies jedoch verändert. Dennoch gilt weiterhin, dass sich der tschechische Buchmarkt fast ausschließlich in tschechischer Hand befindet.
Was können andere Länder vom tschechischen Buchmarkt lernen?
Ein Bereich, in dem wir sicherlich als Vorbild dienen können, ist unser langjähriger Einsatz für eine möglichst niedrige Mehrwertsteuer auf Bücher. Dieser Einsatz war letztlich erfolgreich und führte zur Einführung eines Mehrwertsteuersatzes von null Prozent auf Bücher. Unser Verband der tschechischen Buchhändler*innen und Verleger*innen kann außerdem als Beispiel dafür dienen, wie man Ziele konsequent und langfristig verfolgt. Wir scheuen uns nicht, mit Politikerinnen und Politikern aller politischen Richtungen zu sprechen, und wir geben niemals auf.
Wie hat sich der Markt in den letzten 10 Jahren entwickelt?
In den vergangenen zehn Jahren hat eine bedeutende Konsolidierung stattgefunden, ähnlich wie in anderen Teilen der Welt. Große Verlage übernehmen unabhängige Verlage, und Buchhandelsketten kaufen unabhängige Buchhandlungen auf. Dabei spielen nicht nur Marktkräfte eine Rolle, sondern auch die besondere Situation, dass viele der Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihre Firmen nach 1989 gegründet haben, heute nicht mehr die Kraft haben, weiterzumachen. Gleichzeitig fehlt ihren Kindern leider oft das Interesse oder die Fähigkeit, die Unternehmen fortzuführen.
Was bedeutete die Auflösung der Tschechoslowakei und die Gründung der Tschechischen Republik im Jahr 1993 für die Buchbranche?
Die eigentliche Teilung der Tschechoslowakei spielte keine wesentliche Rolle. Entscheidend war vielmehr der Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft.
Vor 1989 waren alle Verlage und Buchhandlungen staatlich. Veröffentlichte Bücher unterlagen einer strengen Zensur. Weltliteratur durfte nur in sehr begrenztem Umfang erscheinen. Die Anzahl der gedruckten Exemplare wurde zudem nicht durch die Nachfrage bestimmt, sondern durch staatliche Pläne. So wurden etwa Lenins Werke in enormen Auflagen veröffentlicht, während ideologisch unerwünschte Bücher nur in kleinen Stückzahlen erschienen, obwohl die Nachfrage vielfach höher war. Auch die Druckereien erhielten eine feste Papierzuweisung für das gesamte Jahr, sodass eine höhere Produktion unerwünscht war, da sie den staatlichen Plan gestört hätte.
Nach 1989 waren vor allem die Druckkapazitäten unzureichend, weil mit dem Ende der Zensur plötzlich eine enorme Zahl zuvor verbotener Bücher veröffentlicht wurde. Viele Menschen, die zuvor in staatlichen Verlagen gearbeitet hatten, begannen nun, selbstständig im Verlagswesen tätig zu werden. Sie nutzten ihr Fachwissen und plünderten teilweise sogar ihre ehemaligen Betriebe aus. Gleichzeitig gründeten auch Enthusiast*innen der neuen Zeit neue Verlagsmarken und unabhängige Buchhandlungen.
Wirkt sich die kommunistische Vergangenheit Tschechiens noch heute auf den tschechischen Buchmarkt aus?
Ich denke, dass die kommunistische Vergangenheit den Markt selbst heute nicht mehr beeinflusst. Wir haben einen vollkommen freien Buchmarkt. Der Kommunismus hat jedoch Spuren im Denken der Menschen hinterlassen. Es ist bemerkenswert, wie lange solche Denkmuster überdauern. Eine ihrer Erscheinungsformen ist ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem System. Dieses Misstrauen führt wiederum dazu, dass das System tatsächlich schlechter funktioniert, was das Misstrauen weiter verstärkt. Es ist ein Teufelskreis, unter dem wir alle leiden. Allerdings ist auch die heutige westliche Gesellschaft nicht frei von solchen Tendenzen.
Wo sehen Sie Wachstumschancen? Gibt es Probleme?
Die Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, sind globaler Natur. Eine der zentralen Fragen lautet, ob es uns gelingt, das Lesen als wichtigen Bestandteil eines modernen Lebensstils zu erhalten.
Unser Verband hat eine umfassende Auswertung internationaler Studien über die positiven Auswirkungen des Lesens erstellen lassen – und zwar nicht nur für Kinder. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse haben wir die Kampagne „ČTI ZA NÁROĎÁK“ gestartet, die sich an die breite Öffentlichkeit richtet.
Wachstum wird nur möglich sein, wenn wir der Gesellschaft all die großartigen Vorteile des Lesens vermitteln können. Wenn es uns gelingt, den Kauf eines Buches als die beste Investition in die eigene Gesundheit, die Lebensdauer und den Erfolg der eigenen Kinder darzustellen.
Warum hat Tschechien Ihrer Meinung nach eine so lange Tradition unabhängiger Verlage?
Die literarische Kultur spielte im 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Wiedergeburt der tschechischen Nation. Es wurde wieder auf Tschechisch gelesen, geschrieben und publiziert.
Gleichzeitig befanden wir uns kulturell zwischen Ost und West – näher am Westen, aber mit stets vorhandenen Neigungen in Richtung Osten. Deshalb bestand Interesse an übersetzter Literatur aus beiden Richtungen. Und irgendjemand musste diese Literatur veröffentlichen.
Welche internationalen Märkte sind für die tschechische Literatur am wichtigsten?
Ich sehe keine Region, die eine eindeutig dominierende Bedeutung hätte. Natürlich ist der deutsche Markt unser unmittelbarer Nachbar und zugleich sehr stark. Andererseits hat eine Veröffentlichung auf Englisch universelle Bedeutung, da Lektorinnen und Lektoren auf der ganzen Welt daran gewöhnt sind, angebotene Manuskripte auf Englisch zu lesen.
Was wünschen Sie sich für Tschechien als diesjähriger Ehrengast?
Obwohl ich Vorsitzender des Verbands der tschechischen Buchhändler*innen und Verleger*innen bin, obwohl ich einen bedeutenden Verlag gegründet habe und meinen Lebensunterhalt als Verleger verdient habe, habe ich mich immer in erster Linie als Schriftsteller verstanden – und das seit meiner Kindheit. Schreiben ist die einzige Tätigkeit, auf die ich niemals verzichten könnte. Es ist meine Berufung, und ich empfinde die Bedeutung dessen, was ich erschaffe, selbst dann, wenn es vielleicht noch nicht vollständig gewürdigt wurde.
Deshalb überwiegt bei meinen Wünschen für Frankfurt mein persönliches Interesse als Autor: Ich wünsche mir, dass meine Bücher, meine Gedanken und die darin enthaltenen Botschaften weltweit die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.
Ein allgemeiner Wunsch lautet: Tschechien sollte für andere Länder nicht nur als Importeur einer großen Zahl von Literaturrechten – also Übersetzungslizenzen – interessant sein. Vielmehr sollte sich das Geschäft auch in die andere Richtung entwickeln, nämlich durch den Export von Rechten aus unserem Land in die Welt.
Mehr über Martin Vopěnka gibt es hier.
Foto: Connor Jandourek Photostudio
Das Interview führte Annika Grützner.


