Tschechien

Frankfurter Buchmesse
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Anna Štičková über ihr Schreiben und ihre aktuellen Projekte

Anna Štičková, foto: Sylva Ficová
„Es war eine sehr intensive Erfahrung, die mein eigenes Schreiben und meine Auseinandersetzung mit Texten stark verändert hat“, sagt die Dichterin Anna Štičková über den Übersetzungsworkshop in Edenkoben, aus dem die Anthologie „Die Seele des Nebels“ hervorgegangen ist. Das Buch enthält Gedichte von sechs tschechischen Autorinnen und Autoren sowohl im Original als auch in deutscher Übersetzung. Wir haben uns mit Anna Štičková über ihr Schreiben unterhalten.

Sie sind vor kurzem von Ihrem Aufenthalt in Wiepersdorf zurückgekehrt. Wie war es dort? Wie haben Sie die zwei Wochen dort verbracht und woran haben Sie gearbeitet?

Der Aufenthalt war wunderbar. Wir waren zu acht auf dem Schloss, das einst der Schriftstellerin Bettina von Arnim gehörte und das sie gemeinsam mit ihrem Mann bewohnte. Heute ist das Schloss ein Aufenthaltsort inmitten von Windmühlen, wo es keinen Handyempfang gibt. Vier Autorenduos, jeweils bestehend aus Schriftsteller*innen und Illustrator*innen, machten sich auf den Weg, und es war großartig. Zum einen war es bereichernd, Zeit mit so vielen talentierten Menschen auf einmal zu verbringen – zum Beispiel mit Markéta Pilátová, Lukáš Csicsely oder Anna Kulíčková –, und zum anderen war es großartig, den Raum zu haben, intensiv mit der Illustratorin Veronika Bílková zusammenzuarbeiten, mit der wir ein Buch über die Kommunikation und Kultur der Wale vorbereiten. Im Alltag gibt es nicht genug solcher Freiräume, und es war wunderbar, eine Zeit zu erleben, in der das Schreiben wirklich die einzige Arbeit, Sorge und Freude ist. Auf dem Schloss wurde für uns gekocht, und wir mussten uns um nichts kümmern, sondern konnten uns ganz dem Schaffen widmen. Mir ist bewusst, wie wertvoll das ist und zugleich, was für ein Privileg es ist. Ich bin sehr dankbar für diese Gelegenheiten, sie sind keine Selbstverständlichkeit.

Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie auch den Band „Die Seele des Nebels“ (Verlag Das Wunderhorn) vorgestellt, zu dem Sie mehrere Gedichte beigesteuert haben. Können Sie uns etwas über die Geschichte dieses Buches erzählen? Wie ist es eigentlich entstanden?

Die Anthologie entstand im Rahmen eines weiteren einzigartigen Projekts namens „Poezie der Nachbarn“, das seit 1987 im deutschen Edenkoben, in Sichtweite der französischen Grenze, stattfindet. Jedes Jahr übersetzen sechs deutsche Dichterinnen und Dichter Gedichte von sechs Dichterinnen und Dichtern aus einem bestimmten Land. Letztes Jahr war zum ersten Mal Tschechien an der Reihe, also reisten wir – Tereza Bínová, Daria Gordová, Vojta Vacek, Pavel Novotný und Petr Váša – zu einem einwöchigen Übersetzungsworkshop, bei dem wir mit den deutschen Dichter*innen über unsere Texte und deren Übersetzungen diskutierten. Es war eine sehr intensive Erfahrung, die mein eigenes Schreiben und meine Auseinandersetzung mit Texten stark verändert hat. Die Anthologie ist im Grunde das Ergebnis davon – sie enthält unsere Originaltexte und die einzelnen Übersetzungen. Wir werden die Anthologie in Tschechien gemeinsam mit den deutschen Dichtern am 20. Juni auf dem Festival „Knižní lázně“ in Mariánské Lázně vorstellen.

Was haben Sie sonst noch auf dem Festival geplant und seit wann veranstalten Sie es bereits? War das Ihre Initiative?

Auch in diesem Jahr begrüßen wir wieder großartige Gäste auf dem Festival. Als Botschafterinnen fungieren die frischgebackene zweifache Magnesia-Litera-Preisträgerin Dora Kaprálová und die Schauspielerin Vica Kerekes, die seit langem Gedichte vorträgt, vor allem slowakische und ungarische. Außerdem begrüßen wir den Preisträger des Literaturkritikerpreises für Prosa, Petr Borkovec, und dank der Zusammenarbeit mit Magnesia Litera auch einen Großteil der diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger in vielen Kategorien. Wir haben auch ein tolles Programm für Kinder – wir bereiten Workshops und Veranstaltungen mit den Nominierten für den „Goldenen Band“, Markéta Pilátová, Anna Kulíčková und Veronika Bílková, vor. Und gerade im deutschsprachigen Programm stellen wir zum einen die Anthologie aus Edenkoben gemeinsam mit Daria Gordová, Marit Heuß und dem Herausgeber Hans Thille vor und zum anderen die Zines, die während des Aufenthalts in Wiepersdorf entstanden sind. Wir laden euch herzlich ein, das Programm ist wirklich vollgepackt!

Ist das Ihre erste Übersetzung?

Nicht die allererste, aber die erste, die in Buchform erschienen ist. Ich hatte bereits einige Übersetzungen ins Deutsche und Englische in Zeitschriften veröffentlicht, aber hier handelt es sich um zwölf Texte, teilweise in mehreren Fassungen von verschiedenen Dichter*innen. Das ist, glaube ich, eine ganz besondere Erfahrung, die ich jedem empfehlen würde.

Wie haben Sie die Gedichte ausgewählt, die Sie in den Band aufgenommen haben? Hat das Buch einen thematischen Schwerpunkt? Worauf beziehen sich die Gedichte darin?

Die Texte habe ich aus meinem letzten Gedichtband „Všude pak viděla husy“ ausgewählt. Wir sollten eine Auswahl von fünfzehn oder zwanzig Texten einsenden; die deutschen Dichter und Dichterinnen wählten dann selbst aus, was sie übersetzen wollten, auf der Grundlage von Zeilenübersetzungen, die Student*innen der Slawistik in Heidelberg angefertigt hatten.

Die Seele des Nebels

Wie schwierig ist es eigentlich, einen Gedichtband im Ausland zu etablieren? Ich würde erwarten, dass es viel schwieriger ist als bei Prosa. Ist tschechische Lyrik im Ausland gefragt?

Ich kann nicht für mich selbst sprechen, da mein gesamter Gedichtband bisher noch nicht auf Deutsch erschienen ist, aber generell ist es natürlich komplizierter. Lyrik ist fast überall mehr oder weniger ein unrentables Unterfangen, daher hängt alles von persönlichen Kontakten und den Vorlieben der Übersetzerinnen und Übersetzer selbst ab. Zusammen mit Sylva Ficová übersetzen wir auch englische Lyrik. Ich weiß, wie schwierig es ist, solche Werke zu veröffentlichen – die Rechte sind teuer und die Kaufkraft sehr gering. Deshalb bin ich allen dankbar, die tschechische Lyrik übersetzen. Sie sind Botschafterinnen, und ich schätze ihre Arbeit sehr. Zu nennen sind hier beispielsweise Zofia Baldyga, dank der die tschechische Lyrik in Polen sehr präsent ist, oder auch Julie Miesenböck, Lena Dorn und andere, die wiederum ins Deutsche übersetzen. Und viele, viele weitere.

Sie haben drei Gedichtbände verfasst, wobei der letzte, „Všude pak viděla husy“, in die Vorauswahl für den Magnesia-Litera-Preis und den Jiří-Orten-Preis aufgenommen wurde. Arbeiten Sie derzeit an einem neuen Projekt?

Das letzte halbe Jahr war ziemlich anstrengend, ich habe vor kurzem meine Dissertation verteidigt, die ich im letzten Sommer geschrieben habe. Das war das Maximum, was ich zu diesem Zeitpunkt schreiben konnte. Deshalb habe ich in letzter Zeit nicht viel von mir selbst geschrieben und mich erst während des Aufenthalts in Wiepersdorf wieder richtig daran gemacht, wo es mir gelungen ist, einen wesentlichen Teil des Manuskripts für das Buch über Wale zu schreiben. Bis zum fertigen Buch ist es zwar noch ein weiter Weg, aber den Illustrationen nach zu urteilen, mit denen Veronika Bílková bereits begonnen hat, gibt es viel, worauf man sich freuen kann! Auch die Zusammenarbeit mit einer Illustratorin ist für mich etwas Neues – sie sieht das, was ich schreibe, in Bildern und beeinflusst den Text dadurch direkt. Es ist ein faszinierender Weg, und ich habe vor, ihn in vollen Zügen zu genießen.

Was bedeutet für Sie persönlich ein gutes Umfeld zum Schreiben? Kann eine Künstlerresidenz ein solches eigenes Zimmer ersetzen? Und wo und unter welchen Bedingungen schreiben Sie am liebsten?

Auf jeden Fall, so ein Schreibaufenthalt ist genau das Richtige. Gedichte kann ich fast jederzeit und überall schreiben, das erfordert in der ersten Phase nicht so viel Zeit. Jetzt schreibe ich zum ersten Mal einen zusammenhängenden, längeren Text, dazu noch ein Buch für Jugendliche über den Ozean und Wale. Es handelt sich also um ein sogenanntes datenbasiertes Werk, auch wenn ich bei Gedichten ebenfalls viel recherchiere und überprüfe – das lässt sich jedoch nicht mit einem Text vergleichen, in dem ich wissenschaftliche Fakten in fiktionaler Form verarbeite. Es ist eine Arbeit, die das Lesen englischsprachiger Fachstudien zur Meeresbiologie erfordert, die auf interartlicher Ethnografie und den sogenannten „Blue Humanities“ basiert. Auf die langen Recherchen folgt ein sehr anspruchsvoller Prozess, in dem ich versuche, diese Erkenntnisse in eine fiktionalisierte Form auf Tschechisch zu überführen. Das erfordert viel konzentrierte Zeit, die ich im Alltag einfach nicht habe. Seit der Residenz habe ich das Manuskript nicht mehr angerührt. Aber ansonsten macht es mir Freude und ich habe großen Spaß daran!

Literární rezidentky a rezidenti ve Wiepersdorfu


Titelbild: Sylva Ficová
Das Interview mit Anna Štičková führte Karolína Tomečková.