Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

Facebook Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026Instagram Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026

Unsere Übersetzer*innen: Patrik Valouch

Patrik Valouch
Ohne unsere vielen tollen Übersetzer*innen wäre die tschechische Literatur im Ausland nicht vorhanden. In unserer Reihe wollen wir euch daher unsere Kolleg*innen näher vorstellen und haben ihnen dafür ein paar Fragen gestellt. Heute geht es mit Patrik Valouch weiter. Er wurde in Linz geboren und ist Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Seine Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen, Slowakischen, Slowenischen und Tschechischen erschienen in diversen Literaturzeitschriften. Valouch übersetzt vor allem Gegenwartslyrik, aber auch vergessene oder übersehene Autorinnen und Autoren. Zuletzt erschienen in seiner Übersetzung die beiden Lyrikbände: Bohdan Chlíbec – „Stereo“ (Ginster Press, 2025) und Ewald Murrer – „Zuckerpeitsche“ (Aula, 2025).

Welche Dinge kann man auf Tschechisch ausdrücken, die auf Deutsch schwer oder unmöglich sind?

Diminutive wirken sehr natürlich, nicht gestelzt oder aufgedonnert. Das ist die geschmeidige Zärtlichkeit der tschechischen Sprache, die ich mich immer bemühe, auch im Deutschen anklingen zu lassen.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Im Idealfall nicht. Die Figuren müssen auch in der Übersetzung psychologisch wie soziolinguistisch stimmig sein. Der Charakter bleibt im Kern derselbe, ganz gleich, ob er nun auf Mandarin oder Korsisch spricht.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

In Sprachmagie. Der Versuch, diese einzufangen. Und ich bin überzeugt, dass man auch intuitiv übersetzt. Man muss den Text spüren, sich in seine Eigenlogik hineinversetzen. Alles soll sich so fügen, dass das Deutsche das Wesen des Originals aufrechterhält – und dessen Geheimnis in die neue Sprache überführt, ohne es jemals preiszugeben.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen?

Nicht wenige sagen, Hašeks „Schwejk“ sei eine Überlebensfibel, die zeigt, wie sich „der Tscheche“ erfolgreich durchs Leben mogeln und schadlos halten kann. Der Humor ist ein integraler Bestandteil des Lebensstils: in der kecken Ironie, im Durchwursteln, im Einfallsreichtum. Ich finde, die Tschechen sind fast alle heimliche Surrealisten, die sich vom Bizarren und Grotesken angezogen fühlen. Im Polnischen gibt es den Spruch „jak w czeskim filmie“ – wie in einem tschechischen Film. Gemeint ist damit eine Situation, die chaotisch oder schwer zu durchschauen ist. Ich glaube, genau da rührt man an die Wurzel des tschechischen Humors: indem man das Absurde affirmiert und sogar Gefallen daran findet. Das ist „typisch“ tschechisch. Und das lässt sich nur schwer in eine Kultur übertragen, in der Humor auf völlig anderen Prämissen basiert. (Eine Empfehlung am Rande: Man sehe sich das dadaistische Märchen „Tausendschönchen“ von Věra Chytilová an! Wer das witzig findet, hat den tschechischen Humor ein Stück weit begriffen.) Und ehrlich gesagt: Ein Land, in dem sich alle gegenseitig wie Matrosen mit „Ahoj“ grüßen, obwohl es kein Meer gibt, muss doch einen ausgesprochenen Sinn fürs Absurde haben…

Welche tschechischen Witze funktionieren auf Deutsch gar nicht?

Witze, die auf historische Geschehnisse anspielen, die fest im kulturellen Gedächtnis Tschechiens (und der Slowakei) verankert sind – da muss man sich andere Dinge einfallen lassen, die im deutschen Kontext erkannt werden und im besten Fall dieselben komischen Assoziationen erwecken.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Aus dem Bauch gesagt: Wortmagie. Kompaktheit. Suggestionskraft. Dieses Balletöse der Vokale (z. B. „krásná báseň“ – die Wörter schweben förmlich!) oder das Knirschen der Konsonanten (z. B. „hrst zrn“… da reibt und knackt es doch im Mund). Aber Obacht: Das Deutsche steht dem in nichts nach. Es hat seine Superwaffe – seine Komposita. Wie präzise, zeilensparend! Denn in der Lyrik entscheiden Silben, ob der Vers trägt oder nicht.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Ich lege mich auf die Lauer und warte auf frische Beute. Im Bus, in der Tram, im Zug. Mit gezücktem Bleistift und offenem Notizblock. Da! Jemand spricht beiläufig etwas aus – die Wendung, den Satz, das Wort. Die Lösung, an der ich mir tagelang am Schreibtisch die Zähne ausbiss. Oder ich schnüffele in irgendeinem Buch, den Blick scharf auf die Zeilen geheftet. Und unversehens springt mir das Gesuchte direkt ins Auge. Der Übersetzer ist ein Raubtier – er lernt, überall zu jagen.

Was war die schwerste Entscheidung, die du je in einer Übersetzung treffen musstest?

Es gibt schlüssige und wohlklingende Lösungen, die gerade darum sehr verführerisch sind. Aber ich muss sie verwerfen, weil sie das Original verschönern. Ich sollte mich hüten, den Autor verbessern zu wollen. Wo eine Tür knarrt, soll sie knarren – meinethalben auch knacken oder knarzen –, aber ich sollte nicht versuchen, die Scharniere zu ölen, damit sie lautlos aufgeht. Wer das Original zu sehr strafft und glättet, erzeugt vielleicht korrekte, aber sterile Texte. Man darf dem Leser getrost zutrauen, durch steiniges Geröll zu steigen, statt den Weg mit einer Autobahn zum schnellen Verständnis zu ebnen.

Was sind deine Lieblingsworte auf Deutsch und auf Tschechisch?

Mir fällt dazu ein: „smrtonoš a smaltovina“, eine Zeile aus einem Gedicht von Karel J. Čapek („Čeho se bojíš“), die ich ähnlich alliterierend als „Todesotter und Mörtelschotter“ übersetzt habe. Darüber hinaus bekenne ich, auf die Gefahr hin, kitschig zu wirken, dass mir „miláček“ (Liebling) gefällt und überhaupt das Wort „něha“ (Zärtlichkeit). Darin ruht etwas Weiches, Hauchzartes.

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

In den letzten Monaten hat sich eine Zusammenarbeit mit der Avantgarde-Komponistin Magdalena Białecka ergeben. Sie schreibt Spektralkompositionen für ein großes vokal-instrumentales Ensemble zu tschechischen Gedichten – und hat dafür auch einige meiner Übersetzungen gewählt. Für mich ist das ein völlig neues Gebiet: die Frage, wie Musik mit Gedichten korrespondieren kann.

Dank der Förderprogramme der Frankfurter Buchmesse lässt sich nun vieles ans Tageslicht holen, was jahrelang in der Schublade gelegen hat. Es gibt Übersetzungen, die ich abhorche und ablese, um zu sehen, ob sie inzwischen reif sind oder nicht. Ich arbeite derzeit daran, drei Übersetzungen fertigzustellen – die Gedichtbände von Jaromír Typlt, Petr Halmay und Petr Maděra. Die beiden letztgenannten Bände sollten in der Edition „Aula-Thule“ im Verlag Aula von Bohdan Chlíbec erscheinen, einem Dichter, dessen Lyrik ich seit Jahren verfallen bin (besonders seinem Band „Wintergehöft“). Überhaupt würde ich gerne die Dichter übersetzen, von denen man behauptet, sie wären „unübersetzbar“. Solche Herausforderungen nehme ich immer gerne an. Ich mag diese Gratwanderung und Grenzüberschreitung. Indem ich meine Kompetenzen ständig in Zweifel ziehe, kann ich, wenn ich Glück habe, auch zu neuen Formen der Sprache vordringen. Ein solcher Dichter war Karel Jan Čapek. Von ihm ist kürzlich ein Gedichtband unter dem Titel „Karel ist krank und liest vor“ bei „Ginster Press“, herausgegeben von Frank Wierke, erschienen. Überhaupt ist Frank jemand, der sich mehr Aufmerksamkeit verdient: Er dreht unter anderem Dichterporträts und gibt als Herausgeber Dichtern eine Stimme, die sich bewusst absondern und eigene Wege gehen.

Ich freue mich auf einen neuen Band von Klára Goldstein, aber auch auf die Zusammenarbeit mit Klaus Anders, einem versierten Übersetzer und Dichter. Er übersetzt aus den verschiedensten Sprachen und hat daher einen großen Erfahrungsschatz. Er bringt mich, wenn ich irgendwo feststecke und mir den Kopf einrenne, stets auf die richtige Spur. Sein Zugang zur Sprache inspiriert mich – und ich lerne ständig von ihm.


Foto: Dominika Sadowska
Das Interview führte Nathalie Weber.