Wenn Sie für einen Tag die Möglichkeit hätten, eine Fliege zu sein, würden Sie das tun? Und wenn ja, würden Sie diesen Tag gerade in Maribor verbringen wollen?
Beim Schreiben des Romans war ich wohl manchmal eine Fliege – in meiner Vorstellung. Aber ich halte zu der Mariborer Fliege einen recht vernünftigen, liebevollen Abstand.
Bei der Pressereise für deutsche Journalistinnen und Journalisten haben Sie sich in der Wohnung ihres Vaters, dem Schriftsteller Zeno Kaprál, vorgestellt. Wie war es, als etablierte Autorin an den Ort zurückzukehren, an dem Sie aufgewachsen sind? Sind dabei Kindheitserinnerungen wieder hochgekommen?
Ich denke ständig über meine Rückkehr in diese Wohnung nach, und hin und wieder spiegelt sich diese besondere Erfahrung auch in meinen Texten wider. Dort erlebe ich, was vielleicht die Mariborer Fliege in meinem Roman erlebt, und ich sehe dort Dinge, die man in der Údolní-Straße mit bloßem Auge wahrscheinlich nicht erkennen kann.
Derzeit befinden Sie sich auf einem einjährigen Künstleraufenthalt im deutschen Bamberg. Wie sind Sie zu diesem Aufenthalt gekommen?
Ganz zufällig. Es handelt sich um einen elfmonatigen Aufenthalt im Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg, und Künstlerinnen und Künstler können sich nicht selbst um diesen Aufenthalt bewerben. Ich wurde vom bayerischen Kulturministerium auf der Grundlage eines meiner ins Deutsche übersetzten Bücher nominiert, das in Bayern einen Preis erhalten hat. In diesem Jahr sind fünf weitere Stipendiat*innen aus Tschechien hier: die Komponisten Jiří Kadeřábek und Pavel Šabacký, die Übersetzerin Eva Profousová, die Bildhauerin Monika Immrová und der Maler Karel Štědrý. Von deutscher Seite sind ebenfalls sechs Stipendiaten und Stipendiatinnen dabei – es ist ein großzügiges Projekt. Die Einladung für nichtdeutsche Länder erfolgt nur alle siebzehn, zwanzig Jahre, daher schätze ich den Aufenthalt hier sehr.
Entsteht dort bereits eine Idee oder ein Text, über den Sie mehr verraten könnten? Wie ist Bamberg eigentlich so? Ist es im Vergleich zu Berlin, wo Sie leben, nicht ein bisschen langweilig? Und womit verbringen Sie Ihre Zeit außer dem Schreiben?
Ich langweile mich sehr gerne und wäre glücklich, wenn ich dafür mehr Zeit hätte. Außer dem Schreiben verbringe ich an heißen Sommertagen meine Zeit damit, in den Fluss zu springen.
Wie läuft das Zusammenleben und die Zusammenarbeit mit den anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten in Bamberg?
Ausgezeichnet.
Sie waren zum Beispiel auch schon in Maribor oder in Mikulov zu Gast – worin unterschieden sich die einzelnen Aufenthalte für Sie?
Die Aufenthalte unterscheiden sich eigentlich kaum voneinander. Ich sauge den Genius Loci des Ortes in mich auf, versuche, in die Höhe zu schweben und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und hole gleichzeitig Versäumtes nach, denn jeder solcher Aufenthalt ist mit dem Stress verbunden, dass ich etwas in Berlin nicht fertiggestellt habe und abreise…
„Die Mariborhypnose“ hat neben dem Magnesia Litera-Preis auch den Literaturpreis der Europäischen Union gewonnen. Spiegelt sich das bereits im Interesse aus dem Ausland wider? Nehmen ausländische Verlage, Medien, Leser oder Festivals Sie stärker war als zuvor? Oder ist es für eine solche Einschätzung noch zu früh?
Für eine solche Einschätzung ist es zwar noch zu früh, aber ich glaube, dass sich das Buch recht gut schlägt.
Sie haben ein Studium der Dramaturgie und Drehbuchgestaltung an der JAMU absolviert und mit dem Ensemble des Theaters „Husa na provázku“ zusammengearbeitet. Ist Ihnen das Theater auch heute noch irgendwie nahe? Haben Sie derzeit ein Theaterprojekt – oder den Wunsch, in Zukunft als Autorin oder Dramaturgin zum Theater zurückzukehren?
Das Theater liegt mir am Herzen, und für die Rückkehr zum „Divadlo Husa na provázku“ war ich wirklich dankbar. Es war ein wahr gewordener Traum. Theater ist vergänglich, aber die Magie und der Zauber während der Proben sind es wert.
Lässt sich „Die Mariborhypnose“ für die Bühne adaptieren? Oder ist das Werk dafür zu experimentell?
„Die Mariborhypnose“ wurde bisher im Rahmen des Projekts „Rozžij knihu“ als Theaterstück adaptiert. Die Regie führt die junge slowakische Regisseurin Daša Belková, und das Stück ist auf subversive Weise wunderschön. Es wird vor allem in der „Rezidenz Café Kaprál“ aufgeführt, und das gesamte Projekt steht unter der Schirmherrschaft des außergewöhnlichen Theaterensembles „Mikro-teatro“, das Wohntheater spielt.
Beim Lesen eines Artikels über Sie ist mir aufgefallen, dass Sie selbst in der Buchhandlung „Mouse & Bear Books“ arbeiten. Was aus der tschechischen Literatur empfehlen Sie dort am häufigsten? Und was würden Sie den tschechischen Leserinnen und Lesern persönlich empfehlen?
In Deutschland verkaufe ich von tschechischen Büchern vor allem das, was ins Deutsche übersetzt wurde, zum Beispiel „Das Kraken-Tagebuch“ von Magdalena Rutová. Ansonsten lese ich dort mit grenzenloser Freude Bücher, die auf Deutsch erschienen sind.
Wissen Sie schon, wer Ihr nächstes literarisches Alter Ego sein wird?
Ich habe keine Ahnung.
Und das ist völlig in Ordnung. Viel Glück bei Ihrem weiteren Schaffen!
Foto: Connor Jandourek Photostudio; Ronald Rinklef © IKVC
Das Interview mit Dora Kaprálová führte Karolína Tomečková.



