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Petr Šesták: Rückblick auf den Künstleraufenthalt in Berlin

Petr Šesták: Ohlédnutí za rezidenčním pobytem v Berlíně
Der Schriftsteller Petr Šesták verbrachte den Mai im Rahmen eines Künstleraufenthalts in Berlin am Wannsee. In dem folgenden Bericht schildert er seine Erfahrungen.

Literaturhaus

I.

Ab der Station Wannsee bin ich etwas ratlos; es ist, als würde man die Villa eines ehemaligen Fabrikanten am See inmitten einer Ansammlung von Villen ehemaliger Fabrikanten am See suchen. Nach dem Fabrikanten gab es hier ein Kasino und wer weiß was noch, und jetzt ist hier seit sechzig Jahren ein Literaturhaus, das Literarische Colloquium Berlin. Romantik, Luxus und Erhabenheit verbinden sich hier mit einer gewissen betrieblichen Effizienz und auch mit dem Chaos studentischer Wohngemeinschaften. Im Spülbecken der Gemeinschaftsküche stapelt sich das Geschirr, durch die Räume bewegen sich etwas verlorene Seelen, schüchterne Frauen und Männer mit traurigen Augen, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen aus allen Ecken der Welt, jeder in seinen eigenen Kreisen, und schon ein flüchtiger Gruß kann einen aus der kreativen Stimmung reißen. J. N. erzählt später von einem berühmten Dichter, der gerade das garantiert beste Gedicht seines Lebens geschrieben hatte. Doch dann klopfte jemand an. Er hat es nie zu Ende geschrieben, sein bestes Gedicht. Per E-Mail kommt die Nachricht: Wir reparieren die Duschen, morgen werden Handwerker an Ihre Tür klopfen, entschuldigen Sie bitte.

II.

Ich habe Glück, ich habe das „Präsidenten-Apartment“ bekommen. Ich bin wohl der Einzige, der über ein separates Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer im Turm der Villa verfügt, mit großen Fenstern, die auf den Garten und den See hinausgehen. Ich sollte schreiben, aber der Ausblick zieht mich vom Bildschirm weg, ich streife durch das Gebüsch am Seeufer, das im Schatten liegt, verbiete mir aber, hinauszugehen – ich muss schließlich schreiben. Von meinem Arbeitszimmer führt eine Treppe hinauf in den Turm, die jedoch vor einer verschlossenen Tür endet. Im Namen der Bewohnergruppe bitten wir den Verwalter um eine Besichtigung des Turms; etwa zehn von uns versammeln sich an meinem Schreibtisch und warten darauf, welcher Schlüssel passt. Während wir warten und die Zeit mit leeren Phrasen füllen, schweifen die Blicke meiner Kolleg*innen über meine Sachen, Bücher und Notizen auf dem Tisch… Ich fühle mich völlig nackt. Schließlich findet sich kein Schlüssel, der Verwalter zuckt mit den Schultern, im Turm war seit Jahren niemand mehr, den Schlüssel hat einer der ehemaligen Angestellten, den hier seit Jahren niemand mehr gesehen hat. Später frage ich: „Warum habt ihr den Turm überhaupt abgeschlossen?“ „Weil jemand hinunterspringen könnte. Es wäre keine gute Werbung für uns, wenn sich hier ein Schriftsteller umbringen würde.“ „Aber ich wollte doch nur dort rauchen“, erkläre ich.

III.

Es spukt in meinem Turm, ich habe heute wieder nichts geschrieben, was ich gestern geschrieben habe, ist nutzlos, völlig nutzlos! Woher kommt in mir überhaupt dieses Bedürfnis zu schreiben? Ich würde ein recht zufriedenes Leben führen, hätte ich nicht diesen Drang zu schreiben, ich wäre vielleicht fast glücklich, hätte ich mir nicht diese literarischen Ziele gesetzt! Ich rüttle an der Klinke, versuche, die Tür nach oben aufzubrechen. Lasst mich rein!

IV.

Das Literaturhaus am See ist voller Leben. Fast jeden Tag findet hier eine literarische Veranstaltung statt, eine Lesung für Kinder oder ein Seminar für Studierende. Hier treffen sich Übersetzer- und Schriftstellerkreise, es werden literarische Bankette oder „Silent Readings“ veranstaltet – Lesetage, an denen jeder sein eigenes Buch mitbringt und es in einer verschwörerisch stillen Gemeinschaft liest. Im September findet im Kolokvium ein großes Literaturfest statt, bei dem sich Autor*innen, Verleger*innen, Kritiker*innen und Leser*innen treffen. An diesem Tag sollen angeblich zweitausend Menschen durch die Villa und den Garten strömen. Leute von außerhalb kommen abends zu den öffentlichen Veranstaltungen hierher. Die Räume, in denen wir ganz allein frühstücken, die Terrasse zum Garten hin, der Hauptsaal – alles füllt sich mit Eindringlingen, die zu Lesungen und Diskussionen gekommen sind. Zuerst empfinden wir das als Invasion – hey, das ist mein Garten! –, aber schließlich kommt die Versöhnung. Denn für die Besucher *innen wird die Bar geöffnet, und an der Bar haben wir, die Hausbewohner*innen, ein offenes Konto. Ich habe ein Foto, wie sie dort Hrabal fotografiert haben, sagt M. D. Es war seine letzte Auslandsreise hierher, alles ging ihm auf die Nerven, er schimpfte auf alle, aber bei der Lesung raffte er sich auf und es war angeblich großartig. Dann hat er sich betrunken und sie mussten ihn in den Schlafsaal im ersten Stock tragen. Am Morgen wachte er mit einem Kater auf, und wieder ging ihm alles auf die Nerven, und er schimpfte auf alle. Miłosz hat hier geschrieben, Gombrowicz, wahrscheinlich so ziemlich alle. Sie machen das hier gut und schon lange. Wenn man auch ganz kleine Dinge gut und lange genug macht, wird es am Ende immer groß, sage ich mir.

V.

Die Rückkehr rückt näher. Die Rückkehr in ein Land ohne Literaturhaus rückt näher. Wie kann man überhaupt in einem Land ohne Literaturhaus leben? In meinem Land gibt es nicht nur kein Literaturhaus, es gibt dort nicht einmal einen kleinen Raum für Literatur. In ganz Prag, das sich mit dem Titel „UNESCO-Literaturstadt“ schmückt, gibt es keine einzige Einrichtung, keinen einzigen Ort, der sich intensiv literarischen Veranstaltungen und dem literarischen Leben widmet. Manchmal organisieren Bibliotheken etwas, aber wer geht schon zu Lesungen in Bibliotheken, in Bibliotheken kommen Menschen nicht zusammen. Literarische Institutionen werden durch Cafés und allgemeine Kulturräume ersetzt, aber das Ganze ist unsystematisch, es fehlt an Intensität und Kontinuität. Als bei uns der Schriftstellerverband gegründet wurde, war ein Literaturhaus eines der Ziele, die er durchsetzen wollte. Heute setzen wir uns keine so großen Ziele mehr, wir setzen uns fast gar keine Ziele mehr, die Zeiten sind mies, wir sind in der Defensive, das Ziel ist es, überhaupt irgendwie zu überleben. Von etwas, das so unheimlich selbstverständlich ist wie die Tatsache, dass Prag ein Literaturhaus haben sollte, träumen wir gar nicht mehr. Dabei brauchen wir alle, die ganze Nation, wirklich dringend ein Literaturhaus. Nur hat die überwiegende Mehrheit der Nation nicht die geringste Ahnung davon.


Der Text erschien ursprünglich in der Zeitschrift „Host“.