Tschechien

Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2026

Facebook Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026Instagram Česko - Frankfurtský knižní veletrh 2026

Unsere Übersetzer*innen: Lena Dorn

Lena Dorn
Ohne unsere vielen tollen Übersetzer*innen wäre die tschechische Literatur im Ausland nicht vorhanden. In unserer Reihe wollen wir euch daher unsere Kolleg*innen näher vorstellen und haben ihnen dafür ein paar Fragen gestellt. Heute geht es mit Lena Dorn weiter. Sie lebt in Berlin und übersetzt Poesie, Prosa, Essays und Kinderbücher aus dem Tschechischen. Seit 2023 arbeitet sie in Teilzeit für die Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf. 2020-2022 war sie Jurymitglied beim internationalen Václav-Burian-Preis für Lyrik (Olomouc). 2021 erhielt sie den Sonderpreis Neues Talent (Übersetzung) beim Jugendliteraturpreis, 2023 bekam sie ein Exzellenzstipendium des Deutschen Übersetzerfonds, 2024 erhielt sie den Otokar-Fischer-Preis in Prag für ihr Buch „Übersetzungsbewegungen“.

Verändert sich der Charakter einer Figur, wenn man sie vom Tschechischen ins Deutsche überträgt?

Der Charakter einer Figur verändert sich beim Übersetzen ungefähr in der Art, wie jeder Mensch sich verändert, wenn er oder sie eine neue Sprache erwirbt. Manchen fällt es vielleicht gar nicht auf, aber etwas ist doch passiert.

Denkst du beim Übersetzen eher in Bildern, in Bedeutung oder in Worten?

Ich denke zunächst in Klängen und Rhythmen. Auch wenn ich sie zwischendurch während der Übersetzungsarbeit wieder verlasse und mich dann auch mal auf Bilder und einzelne Worte konzentriere, sind sie es, die mir in den Text hineinhelfen. Oft sind sie es auch, die mir helfen schwierige Stellen zu meistern.

Was ist an tschechischem Humor besonders schwer, ins Deutsche zu übertragen?

Die Leichtigkeit, Kürze und Prägnanz.

Was liebst du am Tschechischen, was du im Deutschen vermisst?

Das spezifische Gefühl für zeitliche Verläufe entspricht sich selten, da es bei den Verben die sogenannten Aspekte gibt und zahlreiche Vorsilben. Im Deutschen sage ich etwa, dass ich ein Buch gelesen habe. Im Tschechischen spezifiziere ich zugleich, ob ich das Buch nur angefangen habe, ob ich es eher flüchtig durchgeblättert habe, ob ich es schon zuvor angefangen hatte und nun fertig gelesen habe, ob ich langsam begonnen habe es zu lesen (während vielleicht noch etwas anderes geschah) o.ä. Bei etwas abstrakteren Wörtern – wie zum Beispiel, dass man sich gerade an etwas erinnert – kann man auf kleinem Raum wunderbare Nuancen ausdrücken, über die man im Deutschen oft einfach drüberrumpelt.

Wie hat das Übersetzen dein eigenes Deutsch verändert?

Ich bin durch das Übersetzen aufmerksamer für sprachliche Feinheiten geworden. Das Übersetzen ist ein sehr genaues Lesen, und das Feilen und Suchen nach der besten Lösung sensibilisiert sowohl für die Möglichkeiten als auch für die Risse und Gräben. So kann es an manchen Tagen auch dazu führen, dass ich verzweifle ob der vielen Un- und Missverständnisse, die tagtäglich die Kommunikation aller Menschen durchziehen. Es ist eben auch ein Luxus, sich für einen Satz zehn Minuten oder eine Stunde Zeit zu nehmen oder sogar ein paar Tage zu warten, bis er wirklich stimmig ist.

Woran arbeitest du aktuell und was wird dein nächstes Projekt sein?

Ich mache jetzt noch die letzten Schliffe an den Übersetzungen von Texten von Petr Borkovec (Kurzprosa) und Lubomír Tichý (Gedichte), die beide demnächst erscheinen.


Foto: Anna Kow
Das Interview führte Nathalie Weber.